Samsungs umstrittene Unternehmenskultur : Die Strategie der "Reichen Sippe"

In Korea werden Konzerne wie Samsung als "Chaebol" bezeichnet. Übersetzt heißt das "Reiche Sippe". Die Führungsriege des Unternehmens hat zum Debakel um das Galaxy Note 7 beigetragen.

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Explodiert: Der Akku dieses Samsung Galaxy Note 7 hat Feuer gefangen.
Explodiert: Der Akku dieses Samsung Galaxy Note 7 hat Feuer gefangen.Foto: Reuters

Es gibt in Korea einen Begriff für das System, das Samsung offenbar zum Verhängnis geworden ist: „Chaebol“ werden große Familienunternehmen genannt, die zwar wenig bürokratisch, dafür umso autokratischer geführt werden. „Reiche Sippe“ bedeutet der Begriff übersetzt. Samsung entspricht geradezu bilderbuchmäßig einem Chaebol – doch wovon das Unternehmen lange profitierte, führte am Ende offensichtlich zum Desaster um das Smartphone Galaxy Note 7.

Dem Geschäftsplan muss akribisch gefolgt werden

Die bisherige Strategie des Patriarchen und noch amtierenden Unternehmenschefs Lee Kun Hee: Er und eine Handvoll Top-Manager geben einen Geschäftsplan für alle Sparten heraus, dem akribisch gefolgt werden muss. An dieser Unternehmenskultur gibt es nun heftige Kritik, nachdem das Galaxy Note 7 am Montag wegen Explosionsgefahr komplett vom Markt genommen wurde.

Das Management habe darauf beharrt, das Smartphone noch vor dem eigentlichen Zeitplan auf den Markt zu bringen, um Apples neues iPhone auf Abstand zu halten, monierte der Ökonom Kim Sang Jo am Mittwoch im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP. Samsung hatte das Galaxy Note 7 ab dem 18. August ausgeliefert, Apple verkündete den Start seines neuen iPhone 7 am 7. September, doch bereits am 2. September musste Samsung eine weltweite Rückrufaktion starten, nachdem Nutzer von brennenden Geräten berichtet hatten.

"Mangel an Feedback"

Für Ingenieure habe es keine Möglichkeit gegeben, dem Management mitzuteilen, dass sie mehr Zeit brauchten, um die Akkus zu testen – auch nicht für den neuen Akku nach dem Rückruf, vermutet Kim. „Dieser Mangel an Feedback ist der größte Fehler hinter dem Desaster“, sagt der südkoreanische Ökonom.

Verfehlte Unternehmenskultur. Verkaufspersonal in einem Samsung-Shop.
Verfehlte Unternehmenskultur. Verkaufspersonal in einem Samsung-Shop.Foto: Reuters

Dabei war Samsung lange Zeit erfolgreich mit seiner Chaebol-Strategie: Das 1938 gegründete Unternehmen ist nicht nur der wichtigste Konzern Koreas, sondern auch Weltmarktführer für Smartphones. Doch mit dem Wachstum wurde die Unternehmensstruktur immer komplexer, neben Samsung Electronics gehören unter anderem ein Schiffbauer, Baukonzerne, Krankenhäuser, Kaufhäuser und Betreiber von Freizeitanlagen zur Samsung-Gruppe, die 17 Prozent des koreanischen Bruttoinlandsprodukts ausmacht. Je verzweigter die Konzernstruktur wurde, desto mehr entwickelte sich der zentrale Entscheidungsprozess zur Belastung, kritisieren Analysten. Ein Klüngel aus Top-Managern in der Abteilung Zukunftsstrategie habe nahezu unangefochten das Sagen über die Ausrichtung, erklärte Kim Sang Jo. „Welche Entscheidung die Abteilung auch immer trifft, die Ingenieure und arbeitenden Manager sollten ihnen still folgen, auch wenn sie denken, dass es menschlich nicht möglich oder völlig unvernünftig ist.“

Die Führungsriege schweigt beim ersten öffentlichen Auftritt

Die Führungsriege selbst schwieg am Mittwoch, einen Tag nach dem Komplett-Aus für das Galaxy Note 7, bei ihrem wöchentlichen Treffen. Hochrangige Manager seien den Fragen der Reporter ausgewichen, berichtete die Nachrichtenagentur Yonhap. Shin Jong Kyun und Koh Dong Jin, die für das Note 7 verantwortlich seien, seien offensichtlich erst gar nicht zu dem Treffen gekommen – was wiederum Spekulationen darüber auslöste, dass sie zurücktreten müssen.

Für Samsung ist das Debakel um das Galaxy Note 7 sowohl ein finanzielles wie auch ein imagemäßiges Desaster. Bis zu 17 Milliarden Dollar könnte Samsung der Rückzug kosten, schätzen Analysten. Samsung musste bereits eine Gewinnwarnung für das dritte Quartal veröffentlichen. Nach der Pannenserie werde nur noch mit einem Betriebsergebnis von 4,2 Milliarden Euro gerechnet, einem Drittel weniger als bisher. Die Warnung kam erst nach Börsenschluss in Seoul, zuvor war die Aktie mit einem Minus von einem Prozent aus dem Handel gegangen, sei Wochenbeginn hat sie rund zehn Prozent eingebüßt.

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Mit rund 77 Millionen verkauften Smartphones im zweiten Quartal hält Samsung rund 22 Prozent am Smartphone-Weltmarkt, so viel wie kein anderer Hersteller. Apple liegt mit 40,4 Millionen verkauften iPhones und knapp zwölf Prozent auf Platz zwei. Von der Panne könnten nun Apple, aber auch Konkurrenten wie Google und LG Electronics profitieren.

Der Sohn des Chefs soll Samsung retten

Samsung muss nun beweisen, ob es aus seiner Lektion lernt. Schon vor der Panne befand sich das Unternehmen im Umbau. J. Y. Lee, Sohn des durch einen Herzinfarkt geschwächten Patriarchen Lee Kun Hee und derzeit Vize-Chef von Samsung Electronics, soll übernehmen. „Je nachdem wie er sich verhält, wird Samsung als Beispiel dafür gelten, wie sich ein Unternehmen durch eine Krise neu erfindet oder in der Geschichte untergeht wie Nokia“, prophezeit Ökonom Kim Sang Jo. Vielleicht gelingt es J. Y. Lee, Chaebol neu zu interpretieren. (mit AFP/rtr)

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Nach dem Akku-Desaster: Samsungs Image in Gefahr
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