Wirtschaft : Schienen-Kartell schädigt die Bahn

Behörden decken illegale Preisabsprachen auf

Berlin - Die Beamten ließen sich viel Zeit: Zwei Tage lang durchsuchten 47 Ermittler die Büros von zehn Stahlfirmen, darunter Dependancen von Thyssen- Krupp, der österreichischen Voestalpine sowie des britisch-luxemburgischen Marktführers Arcelor Mittal. Kistenweise stellten Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft Bochum, des Bundeskartellamtes und der Kriminalpolizei am 11. und 12. Mai Daten und Akten sicher. Ziel der Ermittler ist es, ein Stahl-Kartell zu knacken, das über ein Jahrzehnt hinweg vor allem bei der Deutschen Bahn beträchtliche Schäden angerichtet hat. Und das jetzt aufgeflogen ist, weil eine der Firmen Anzeige erstattet hat. Im Gegenzug für die Preisgabe des Insiderwissens hofft der Konzern auf Straffreiheit.

Zur Freude der Ermittler ist der Fall bestens dokumentiert. Das zeigen auch Unterlagen, die dem Handelsblatt vorliegen. Drahtzieher war demnach Voestalpine, aber auch Thyssen-Krupp spielte eine Schlüsselrolle. Die beiden Unternehmen werden wohl den größten Teil der Strafe tragen müssen, die sich vermutlich auf eine Milliarde Euro belaufen wird.

Im Verbund mit anderen Firmen sollen die beiden Konzerne über Jahre hinweg – mindestens seit 1998 – ein Kartell für Schienen gebildet haben, mit über Jahre abgesprochenen Preisen und Mengen.

Sogar einen Namen gaben sich die Verschwörer: Sie nannten sich „die Schienenfreunde“. Die Deutsche Bahn musste ein Drittel mehr beim Einkauf von Schienen bezahlen als üblich. Bei einem Schienenumsatz von durchschnittlich knapp 300 Millionen Euro summiert sich der Schaden auf 100 Millionen im Jahr. Am „kartellrechtlich behafteten Umsatz“ bemisst sich meist auch die verhängte Strafe. Sie beträgt rund ein Drittel davon – deshalb erwarten die Unternehmen unter der Hand bis zu einer Milliarde Euro. Die Zahlungen könnten sogar noch höher ausfallen. Denn schon vor 1998 soll das Kartell bestanden haben, heißt es in der Branche.

Thyssen-Krupp war bis 2001 über die damalige Konzerntochter TSTG Schienen Technik GmbH an dem Kartell beteiligt. Nach deren Verkauf an Voestalpine blieb das Unternehmen über seine Tochter GfT Eisenbahntechnik Bestandteil des illegalen Verbunds. Die Zusammensetzung des Kartells veränderte sich über die Jahre, wesentliche Spieler blieben jedoch neben Voestalpine und Thyssen-Krupp auch Corus (heute Tata Steel). Das freundliche Miteinander änderte sich 2008, als Arcelor-Mittal die Preise der anderen Firmen drastisch unterbot. Das Kartell brach auseinander, die Preise für Schienen sind seitdem deutlich gefallen. HB

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