Schuldenkrise : Portugal steht vor dem Kollaps

"Ich glaube, es wird noch schlimmer als in Griechenland", sagt ein Banker. Jeden Tag verschwinden in Portugal über 200 Arbeitsplätze, jeden Tag geht ein neues Unternehmen pleite. Immer mehr rückt das Land ins Zentrum der Euro-Krise.

Wolfgang Bauer
Konkursmasse. Keiner mehr da in der portugiesichen Schuhfabrik des deutschen Unternehmens Rohde. Nur der Nachtwächter Antonio Martins Oliveira dreht noch seine Runden.
Konkursmasse. Keiner mehr da in der portugiesichen Schuhfabrik des deutschen Unternehmens Rohde. Nur der Nachtwächter Antonio...Foto: Theodor Barth/laif

Die Fabrik der Deutschen, die der Stadt Arbeit gab, ist verlassen, alles Leben aus ihr gewichen, einzig die Deckenventilatoren drehen sich. Rotieren lautlos über dem Kopf von Fernando Castro. „Diese Stille“, sagt der 66-Jährige, „du wirst am Ende ganz verrückt.“ Jeden Tag betritt er die Fabrik zur Sicherheit durch die gleiche Tür. „Ich verliere sonst die Orientierung“, klagt er. Entlang weißer Zettel, die er in den Wochen zuvor auf Türen und Maschinen klebte, sucht er auf 50 000 Quadratmetern den Weg durch Hallen und Gänge, einem in Jahrzehnten gewachsenen Labyrinth von Bauten, Anbauten und Erweiterungen. Ein Assistent begleitet ihn, so sind sie zu zweit, sollte ein Unfall passieren. Die beiden Männer leben davon, das Lebenswerk anderer zu demontieren. Die Fabrik war bis vor kurzem die größte Schuhfertigung Portugals, eine der größten des Landes, und Fernando Castro ist ihr Abwickler. Einer, der immer dann erscheint, wenn das Hoffen vergebens war.

Wo bei der Firma Rohde früher bis zu 3000 Menschen stanzten, nähten, verpackten, arbeitet jetzt nur noch er. Sein Assistent, mehr ein Freund als ein Angestellter, sagt Castro, zählt, hält inne, damit er sich nicht verzählt, schließt kurz die Augen, zählt weiter. „Nach ein paar Stunden kotzt du Maschinen“, stöhnt er. Endlose Reihen von Pfaff-Nähmaschinen, die ehemals ein Vermögen kosteten. „Für die da kriegt man so gut wie nichts. 50 Euro, vielleicht nur 20“, sagt er. Es gibt keinen Markt hierfür. Die Madonnenbilder, mit denen sie die Näherinnen beklebten, vermochten ihre Arbeitsplätze nicht zu schützen. Verwaist sind die vier großen Kantinen, in denen wie nach einer Massenflucht die Stühle kreuz und quer stehen. Die letzten Lohnabrechnungen bedecken die Schreibtische der Buchhaltung. Einsam klingelt ab und an irgendwo noch ein Telefon. Es ist niemand da, der abnimmt.

„Wie konnte das passieren?“, fragen sich die Arbeiter, die in Santa Maria da Feira durchs geschlossene Werkstor schauen. Die Schuhfabrik, die zum deutschen Traditionshersteller Rohde gehörte, war in der nordportugiesischen Region das wichtigste Unternehmen. „Wie ist das möglich?“, rätseln Menschen überall in Portugal, wo die Fabriken schließen, eine um die andere, und an jedem Tag 243 Arbeitsplätze verschwinden. Die in den vergangenen 30 Jahren aufgebaute Industrie löst sich in Pleiten und Insolvenzen auf, das Land rückt immer mehr ins Zentrum der Euro-Krise. Für die internationale Finanzwelt ist Portugal längst angezählt. Die Ratingagenturen stuften die Kreditwürdigkeit des Landes um zwei Punkte herab. Eine Katastrophe bahnt sich an.

Das Wirtschaftswunder exportierten die Deutschen in einen Pinienwald am Stadtrand von Santa Maria da Feira, 150 000 Einwohner, südlich von Porto. Dort baute 1975 die Firma Rohde aus dem hessischen Schwalmstadt ihre erste Fertigungshalle. Wie viele Unternehmen getrieben von den Billiglöhnen im damaligen Armenhaus Europas. Sie produzierten in Feira für Karstadt und Otto, Kaufhof und Reno. „Made in Portugal“ fand der erstaunte Käufer in Deutschland von nun an auf den Sohlen. Die Gegend kam zu Wohlstand, Neubaugebiete entstanden, Supermärkte, vornehme Restaurants und asphaltierte Straßen. Die Fabrik wuchs fast jedes Jahr, und mit jeder Erweiterung wuchs auch die Bedeutung von Sidònio Lamoso, dem Prokuristen. „Ich versuche, diese Sache langsam zu vergessen“, sagt er und streicht mit den Fingerspitzen über die Platte des schweren Eichenschreibtisches, vom dem aus er 33 Jahre lang das Werk leitete.

Er wird das Stück dem Abwickler überlassen, er solle es verhökern, bitter steht Lamoso in seinem früheren Büro. Hier ratterte am 13. März 2007 das Faxgerät, schob sich Zeile für Zeile ein Blatt heraus, das die Pleite des deutschen Mutterkonzerns verkündete. „Das war ein Schlag. Aber da hatten wir immer noch Hoffnung“, sagt Lamoso. Die Firma in Hessen war Opfer ihres eigenen Missmanagement geworden. Zu lange hatte Rohde am Standort Portugal festgehalten, mit seinen Durchschnittslöhnen von 600 Euro galt es den Buchhaltern plötzlich als kostspielig. „Die Chinesen sind bei Schuhen um das Vierfache billiger.“ Dorthin zog dann auch die Fertigung, als der Konzern in Deutschland aus der Konkursmasse neu auferstand. Lamoso kämpfte bis zum Schluss, drei Jahre lang, verhandelte, reiste, warb um neue Kunden. Es fanden sich keine. Die Produktion wurde eingestellt, vor ein paar Monaten räumte Lamoso sein Büro. Den meisten anderen Schuhfabriken in der Gegend erging es gleich. Portugal erwies sich auf dem Zug der Billiglohnnomaden nur als Zwischenstation.

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