Schwindel mit Bio : Öko ist nicht immer besser

In Deutschland sind möglicherweise millionenfach normale Eier als Bioware verkauft worden. In rund 200 Fällen ermitteln die Staatsanwälte. Der Schwindel hat System.

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Bio-Bauer bei der Eiersuche.
Bio-Bauer bei der Eiersuche.Foto: dpa

Die Verbraucher sind getäuscht worden, und das nicht zum ersten Mal. 2011 stellte sich heraus, dass ein Zehntel aller italienischen Bio-Waren in Wirklichkeit aus herkömmlichen Anbau stammten. Vier Jahre lang verkauften Geschäftemacher Getreide, Soja, Mehl und Obst mit gefälschten Papieren und überhöhten Preisen als Bio-Ware – auch nach Deutschland. Das Geschäft lohnt sich, denn Bio bommt. Über sieben Milliarden Euro gaben Verbraucher im vergangenen Jahr für Bio-Waren aus, sechs Prozent mehr als im Jahr zuvor. Sie wollen besser essen und leben als andere. Doch die Rechnung geht nicht immer auf – sechs Irrtümer über Bio.

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1. Bio ist immer besser
Stimmt nicht, sagt die Stiftung Warentest. „Bio-Waren sind nicht gesünder und sie sind auch nicht besser als herkömmliche Lebensmitteln“, betont Projektleiterin Janine Schlenker. Beim jüngsten Test von Kartoffelchips im Dezember waren die Bio-Knabbereien sogar die Schlusslichter. Auch bei Foodwatch rät man Verbrauchern, genauer hinzusehen. „Wer sich ausschließlich von Bio-Produkten ernährt, lebt nicht gleich gesünder. In Bio-Frühstücksflocken können ebenso große Mengen an Zucker enthalten sein wie in herkömmlichen“, warnt Sprecher Martin Rücker.

Zwei Vorteile will Testerin Schlenker den Öko-Lebensmitteln aber nicht absprechen: In Bio-Ware fanden die Tester deutlich weniger Pestizide. Zudem würden die Tiere besser gehalten und der Anbau sei ressourcenschonender. Bio-Tiere leben länger und bekommen weniger Antibiotika. Geflügel und Schweine dürfen während ihres Lebens maximal ein Mal ein herkömmliches Antibiotikum oder ein Schmerzmittel bekommen, damit der Bauer sie später noch als Bio-Fleisch verkaufen kann. Bei zwei Behandlungen oder mehr darf das Fleisch nur als konventionelle Ware angeboten werden – für die Landwirte ein Riesenverlust. Ein Öko-Brathähnchen kostet drei bis vier Mal so viel wie ein normales Hähnchen.

2. Wo Bio draufsteht, ist immer Bio drin
Im Prinzip ja. Bio ist in der Europäischen Union ein geschützter Begriff, genau wie „Öko“. Wer eines dieser Worte zur Kennzeichnung seiner Produkte verwendet, muss zwar nicht 100 Prozent, aber immerhin 95 Prozent seiner Zutaten aus biologischem Anbau beziehen. Verwandt klingende Hinweise wie „aus kontrolliertem Anbau“ oder „umweltfreundlich erzeugt“ sind dagegen nicht geschützt.

Tricksereien gibt es aber auch in der Bio-Branche, sagt Martin Rücker von Foodwatch: So brachte die Firma Carlsberg das Biogetränk „Beo Apfel-Birne“ heraus, tatsächlich stammten aber nur Zucker und Gerstenmalzextrakt aus Bio-Produktion. Früchte waren nicht drin, der Geschmack kam von Aromen. Ist ein Himbeerquark mit der Aufschrift „mit Früchten aus biologischem Anbau“ versehen, trifft das auf sonstige Zutaten wie Zucker und Milch wahrscheinlich nicht zu. Von 300 möglichen Zusatzstoffen erlaubt das EU-Siegel immerhin noch 47.

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3. Bio ist immer tier- und umweltfreundlich
„Bio ist in der Regel zumindest tier- und umweltfreundlicher“, sagt Christoph Römer von der Verbraucherzentrale Berlin. „Tiere in Bio-Betrieben müssen Gelegenheit zum Auslauf haben.“ Erlaubt sind aber auch in Bio-Ställen sechs Legehennen pro Quadratmeter, geräumig ist das nicht. Auch in Bio-Betrieben kommt es vor, dass männliche Küken geschreddert oder Ferkel ohne Betäubung kastriert werden. Und auch beim Klimaschutz sind Bio-Produkte nicht zwangsläufig die bessere Wahl: Bio- Kartoffeln beim Discounter stammen häufig aus Afrika. Im Wüstenboden benötigen sie pro Kilo 130 Liter Wasser. Der Wasserverbrauch wird bei der Vergabe des Bio-Siegels nicht berücksichtigt. Die Energiebilanz des Transports auch nicht. „Das Problem ist, dass Hersteller Discountern immer bestimmte Liefermengen garantieren müssen, die allzeit verfügbar sind“, sagt Römer. „Kleinere Betriebe aus der Region können das nicht leisten.“ Die Erfolgsgeschichte von Bio ist zugleich ihr Fluch.

4. Bio ist immer fair
Von den Lebensmitteln, die nachweislich faire Handelsmargen bieten und die sozialen Rechte von Bauern und Arbeitern in den Erzeugerländern sichern, stammten nach der letzten Erhebung 2011 knapp zwei Drittel aus kontrolliert biologischem Anbau. Umgekehrt sind dagegen nicht einmal die Hälfte aller Bio-Artikel auch nachweislich „Fair Trade“. Wie viel die Bauern an Bio-Kaffee, -Kakao oder -Bananen verdienen und unter welchen Bedingungen sie arbeiten, dazu erhält der Verbraucher oft keine verlässlichen Informationen.

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5. Bio ist alternativ
Stimmt dann nicht, wenn Verbraucher beim Stichwort Bio einen idyllischen kleinen Bauernhof in der Region vor Augen haben. Weil die Nachfrage nach Bio-Produkten steigt und diese mittlerweile auch günstig im Discounter erhältlich sind, wird die ökologische Tierhaltung zunehmend industriell. Für wirkliche Freilandhaltung unter artgerechten Bedingungen reiche das Geld häufig nicht aus, kritisieren Tierschützer. „Landwirte dürfen auch konventionelle und Bio-Produktion nebeneinander unterhalten“, sagt Verbraucherschützer Römer. Strengeren Richtlinien folgen Mitglieder der Anbauverbände Demeter und Naturland. Hier muss der gesamte Hof ökologisch bewirtschaftet und zum Beispiel die Hälfte des Futters selber angebaut werden. Die Verbände schreiben auch mehr Platz pro Tier vor.

6. Bio wird streng kontrolliert
In der Öko-Landwirtschaft gibt es eine Mehrklassengesellschaft. Da sind zum einen die Biobauern, die sich in Ökolandbauverbänden organisiert haben. Bioland, Naturland, Demeter sind die größten Verbände. Sie alle gehen mit ihren Vorgaben über die gesetzlich vorgeschriebenen Regeln hinaus. Dann gibt es das Öko-Siegel der EU. Diese Betriebe werden durch staatlich zugelassene Ökokontrollstellen überwacht. Diese Zertifizierungsunternehmen bekommen vom Bund die hoheitliche Aufgabe, die Einhaltung der Öko-Siegel-Auflagen zu überwachen. Zugelassen werden sie jeweils für ein Bundesland. Viele der Firmen sind weltweit tätig. Das EU-Öko-Siegel lässt zu, dass Höfe auch eine Teilzertifizierung bekommen können. Das heißt: Sie halten Hennen konventionell in Bodenhaltung – und haben noch einen Öko-Stall. Das ist dann schwer zu kontrollieren.

„Auch die biologische Produktion ist eine Wirtschaftstätigkeit“, sagt Branchenbeobachter Martin Rücker von Foodwatch. „Da gibt es ebenfalls Probleme, und auch da wird versucht, Verbraucher zu betrügen“, meint der Verbraucherschützer. Bio-Waren seien zwar in mancher Hinsicht die bessere Wahl. Aber: „Auch der Bio-Markt ist ein System, das Lücken hat.“

Verbraucher, die Bio-Ware kaufen wollen, sollten auf das Bio-Siegel achten. Allerdings gibt es inzwischen zahlreiche Siegel mit unterschiedlich strengen Anforderungen. Ein Überblick:

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Seit Juli müssen alle Ökoprodukte aus EU-Staaten dieses Siegel tragen. Es garantiert, dass mindestens 95 Prozent der Zutaten aus Öko-Landbau stammen. Dem Tierfutter dürfen keine Antibiotika beigemischt sein und das Futter muss zudem überwiegend ökologisch hergestellt sein.

Das ältere und freiwillige deutsche Bio-Siegel mit den sechs Ecken entspricht weitestgehend dem EU-Siegel. So garantiert es wie auch das europäische Siegel, dass das Erzeugnis nicht gentechnisch verändert wurde und die Tiere im Stall mehr Platz haben als in den konventionellen Betrieben. Bioland ist ein Anbauverband. Die Vorgaben für die Mitglieder sind strenger als bei dem deutschen und europäischen Bio-Logo. So sind bei Bioland nur Betriebe mit vollständig biologischer Bewirtschaftung zugelassen. Die Fütterung von Fischmehl ist verboten, und die Tiere haben mehr Platz.

Ähnlich strikte Vorgaben macht der Demeter-Verband. Tierfutter muss zu 100 Prozent biologisch sein und zur Hälfte vom eigenen Hof stammen. Nur 13 Zusatzstoffe sind erlaubt, Jodierung, Nitritpökelsalz und natürliche Aromen sind verboten.Verboten ist zum Beispiel außerdem, Kühen die Hörner zu stutzen. Naturland hat seinen Bauern neben strengen Kriterien für die Tierhaltung, den Einsatz von Dünger und den Pflanzenanbau auch hohe Sozialstandards vorgeschrieben. Das Kürzen von Schnäbeln bei Geflügel ist nicht erlaubt, ebenso wenig wie Gentechnik und Hormonbehandlungen.

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