Sharing Economy : Gute Jobs – durch das Internet bedroht

Die „Sharing Economy“ macht Industriestaaten wie die USA zu Niedriglohnländern. Es ist ein Trend, der auch auf Deutschland zukommt. Ein Gastkommentar.

Steven Hill
Bald soll die Technik alles übernehmen: von der Taxiorganisation bis zum Fahren des Autos.
Bald soll die Technik alles übernehmen: von der Taxiorganisation bis zum Fahren des Autos.Foto: Britta Pedersen/dpa

Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus und wie wirkt sie sich auf die Beschäftigung aus? In den vergangenen Jahrzehnten galten Arbeiter aus Deutschland, den USA und Europa als die produktivsten und reichsten der Welt. Doch dieser Wohlstand ist nun gefährdet.

Woher kommt diese Gefahr? Geht sie von Einwanderern aus, die aus entfernten Ländern kommen? Oder von ausländischen Konkurrenten, die Arbeitsplätze im Inland überflüssig machen? Ironischerweise ist die Bedrohung selbst verschuldet.

Mischmodell aus Silicon Valley und Wall Street

Die Entwicklung lässt sich am besten in den USA studieren, wo sie am weitesten fortgeschritten ist. Doch Deutschland und Europa folgen diesem Trend. Die amerikanische Erwerbsbevölkerung ist einem alarmierenden Wandel unterworfen. Millionen Arbeitnehmer haben keinen festen Boden mehr unter den Füßen, arbeiten nur noch als Freiberufler, Auftragnehmer oder Zeitarbeiter, mit unzureichenden Löhnen und einem schwachen sozialen Sicherheitsnetz. Auch viele Fachkräfte- und Vollzeitstellen wandeln sich. Die Vereinigten Staaten sind auf dem Weg zu einer Freelance-Gesellschaft.

Fast die Hälfte der während der schwachen wirtschaftlichen Erholung neu geschaffenen Jobs werden nur knapp über dem Niveau des Mindestlohns bezahlt. Obwohl die Konzerne Rekordgewinne erzielen, leben drei Viertel der Amerikaner nun von einer Gehaltsabrechnung zur nächsten, mit nur geringen Ersparnissen für den Notfall.

Der jüngste wirtschaftliche Trend geht von einem Mischmodell aus Technologie à la Silicon Valley und Gier à la Wall Street aus: der „Sharing Economy“. Unternehmen wie Uber, Upwork und TaskRabbit geben vor, Arbeiter zu „befreien“, um aus ihnen „selbstständige Unternehmer“ und „Geschäftsführer“ zu machen. In Wirklichkeit verdingen Arbeitnehmer sich für immer kleinere Teilzeitjobs, Gigs genannt, ohne soziale Absicherung oder die Aussicht auf künftige Beschäftigung, während die Unternehmen stattliche Gewinne einstreichen.

Steven Hill
Steven HillFoto: Annette Hornischer/American Academy

Jahrzehntelang sahen Unternehmen ihr Geschäftsmodell darin, Jobs in Niedriglohnländer auszulagern. Nun weicht dieses Modell wiederum dem von Firmen wie Amazon, Uber und Upwork, die kaum mehr sind als Webseiten und Apps. Ein kleiner Kern an Angestellten beaufsichtigt eine Armee an Selbstständigen und Zeitarbeitern. Die Vision der Geschäftsführer des Silicon Valley sind Arbeitskräfte, die sich aus- und anschalten lassen wie ein Zapfhahn.

Upwork etwa ist eine Webseite, auf der zehn Millionen Freelancer und Auftragnehmer nach Arbeit suchen. Upwork ist weltweit tätig und lässt Arbeiter aus den USA und Deutschland in direkte Konkurrenz zu Mitbewerbern in Indien, Thailand und anderswo treten. Das Ergebnis ist vorhersehbar: Billige Arbeit aus der Dritten Welt unterbietet die Löhne der Industrieländer.

Die Suche an sich wird in dieser Wirtschaft nicht bezahlt

Diese Arbeiter erhalten so auch keine sozialen Leistungen. Sie sind unentwegt auf der Suche nach ihrem nächsten Gig, doch die Suche an sich wird in dieser Wirtschaft nicht bezahlt. Die „guten Jobs“ von früher sind vom Aussterben bedroht.

Während diese wirtschaftlichen Entwicklungen in den USA am weitesten fortgeschritten sind, zeigen Deutschland und Europa ähnliche Tendenzen. Ich bin als Stipendiat der American Academy in Berlin in Deutschland, um dieses Thema hier zu untersuchen. Ist es möglich, dass die „Sharing Economy“ in einem Wohlfahrtsstaat mit einflussreicheren Gewerkschaften und stärkerer staatlicher Regulierung besser funktionieren könnte? Oder homogenisiert der Druck des globalen Wettbewerbs die Nationen mit der Zeit? Können wir transatlantischen Wohlstand erhalten, wenn unsere Wirtschaftssysteme auf einseitigen Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen basieren? Oder erfordert Wohlstand mehr Mitbestimmung zwischen allen Akteuren?

Dies sind die großen Fragen, die vor uns liegen. Glücklicherweise gibt es Lösungen. Diese fordern jedoch eine Neuerfindung des Gesellschaftsvertrags und eine sorgfältige Regulierung dieser neuen Geschäftsmodelle.

Steven Hill ist Publizist und zurzeit Holtzbrinck Fellow der American Academy in Berlin. Zuletzt erschien sein Buch Raw Deal: How the ‘Uber Economy’ and Runaway Capitalism Are Screwing American Workers. Er spricht am 2. März 2016, 12 Uhr im „Telefónica Basecamp“ und am 10. Mai an der American Academy.