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Solon : Post von Mister Turlapati

Der Fall der Solarfirma Solon wird zum Wirtschaftskrimi. Hat die indische Microsol bei der Übernahme der Pleitfirma ein Schnäppchen gemacht? 230 Berliner Beschäftigte fühlen sich jedenfalls betrogen.

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Arbeit verloren und um Geld betrogen? Solon-Mitarbeiter verlassen das Firmengebäude in Adlershof.
Arbeit verloren und um Geld betrogen? Solon-Mitarbeiter verlassen das Firmengebäude in Adlershof.Foto: picture alliance / dpa

Das auf Englisch verfasste Motivationsschreiben mit dem Betreff „Letter of Support“ trägt Datum, Unterschrift und sogar einen Stempel mit arabischen Schriftzeichen. Endlich ein Lebenszeichen von Mister Anjaneyulu „Anjan“ Turlapati, freute man sich vergangenen Juli beim Betriebsrat der einst stolzen Solarfirma Solon in Berlin-Adlershof. Man freute sich zu früh.

Der indische Manager war anderthalb Jahre lang Berliner Statthalter der neuen Eigentümer gewesen. Bis zum vergangenen März. Da beschloss Turlapatis Firma Microsol, den Namen „Solon“ zu übernehmen, dazu Patente, Know-how, wohl auch einige Maschinen. Das Berliner Werk und die Verwaltung aber machten die Inder dicht, um künftig von ihrem Stammwerk im arabischen Emirat Fudscheira aus die Welt mit „Solon-Qualität“ zu beliefern. Die meisten der 230 Berliner Mitarbeiter aus der Fertigung von Solarmodulen verloren ihre Arbeit.

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen möglicher Insolvenzverschleppung

Ein tragischer Fall für die Angestellten und ihre Familien, aber eben auch normal in einer globalisierten Welt – dachte man bisher. Mittlerweile aber ermittelt die Berliner Staatsanwaltschaft wegen des Anfangsverdachts auf Insolvenzverschleppung. Und erst vergangene Woche stellten die Inder für zwei – juristisch – in Berlin verbliebene Tochtergesellschaften einen Insolvenzantrag, obwohl dort seit April nichts mehr geht. Erst jetzt kann der vorläufige Insolvenzverwalter Bruno M. Kübler aus Erfurt „versuchen, so viel Geld wie möglich zur Masse zu ziehen“, wie er erklärt. Sein Ziel sei es, allen voran den Arbeitnehmern zu ihrem Recht zu verhelfen. Dazu gehöre die Prüfung, ob es im Vorfeld des Insolvenzantrages „irgendwelche Unregelmäßigkeiten“ gab.

Weder Staatsanwalt noch Insolvenzverwalter wollen derzeit Auskunft über ihren Ermittlungsstand erteilen, geschweige denn eine juristische Bewertung abgeben. Fest steht aber, dass sich die 230 Mitarbeiter schlichtweg betrogen fühlen.

Die IG Metall hat schon vor Wochen für alle ihre Mitglieder bei Solon Klagen beim Arbeitsgericht Berlin auf Zahlung der ausstehenden Gehälter eingereicht. „Ich gehe davon aus, dass mittlerweile auch alle Nicht-Mitglieder das getan haben“, sagt Gewerkschaftssekretär Rüdiger Lötzer. Er vertritt die Mitarbeiter, die zuletzt für Gehälter um die zehn Euro pro Stunde Solarmodule gefertigt haben. 1740 Euro brutto verdienten sie monatlich im Schnitt. Die Mitarbeiter aus Projektmanagement, Entwicklung und Verwaltung kamen auf 3000 bis 4000 Euro – haben in der Regel aber vorher den Absprung geschafft.

Anjaneyulu „Anjan“ Turlapati war anderthalb Jahre gewissermaßen Statthalter von Microsol bei Solon in Berlin gewesen.
Anjaneyulu „Anjan“ Turlapati war anderthalb Jahre gewissermaßen Statthalter von Microsol bei Solon in Berlin gewesen.Foto: promo

Die Arbeiter aber warten bis heute auf ausstehende Gehälter und vereinbarte Abfindungen für die Dauer ihrer Kündigungsfrist. Ihnen machte das eingangs erwähnte Schreiben vom Juli erst Hoffnung. Microsol-Manager Turlapati, ein 59-jähriger rundlicher Mann mit Brille und grauem Schnauzbart, schrieb ihnen nämlich, er sei froh, mitteilen zu können, dass einer der Firmeneigentümer eine Hypothek aufgenommen habe in Höhe von umgerechnet 15 Millionen Dollar. Dieser Firmeneigentümer habe die Absicht erklärt, davon umgerechnet 2,3 Millionen Euro an die Zentrale zu überweisen, damit die ausstehenden Gehälter der Berliner Angestellten bezahlt werden können. Das klang gut.

Als Beleg hängte Turlapati damals eine in Teilen geschwärzte Zusammenfassung eines Hypothekenvertrages an – von der österreichischen Raiffeisen Bank International, Zweigstelle Singapur. Passiert ist aber nichts. Staatsanwalt und Insolvenzverwalter dürften viel rumkommen in der Welt, wollen sie der Sache auf den Grund gehen.

Die vielleicht tragischste Figur im Fall Solon ist der Ingenieur Lars Podlowski, ein gebürtiger Berliner, promoviert auf dem Gebiet der Halbleiterphysik, 15 Jahre bei Solon, Motto „Man braucht Leute an seiner Seite, die nicht so sind wie man selbst“, wie es in einer Firmenbroschüre heißt. Auch gegen ihn ermittelt der Staatsanwalt. Schließlich hatte sich der ehemalige Technik-Vorstand nach der Übernahme der Inder im Jahr 2012 als Leiter des Berliner Werks einspannen lassen.

"Die Inder waren schlicht überfordert", meint der ehemalige Werkleiter

„Ich bin im Januar zu der Erkenntnis gelangt, dass diese Sache noch ganz böse enden wird“, sagte Podlowski dem Tagesspiegel. Er habe die Inder immer wieder gedrängt, nach der Werksschließung im Mai eine geordnete Auflösung des Betriebs vorzunehmen: Akten sichern, mit Behörden sprechen, Schulden zahlen. „Die haben das einfach nicht gemacht! Man wird wahnsinnig mit diesen Leuten.“ Er unterstelle den Indern keine betrügerische Absicht. „Die waren mit der Übernahme schlicht überfordert“, glaubt Podlowski.

Bis heute würden noch Maschinen in dem längst weitervermieteten Betriebsgebäude in Adlershof stehen. In zwei Wochen sollen sie versteigert werden – wenn der Insolvenzverwalter das zulässt. „Viel Geld wird das aber nicht bringen“, schätzt Podlowski. Er selbst habe Forderungen in sechsstelliger Höhe gegen die neuen Solon-Herren, erklärt er. Mitarbeiter hätten in den vergangenen Wochen weinend bei ihm gesessen: „Lars, hilf uns! Du kennst diese Leute doch am besten.“ Sie hatten Podlowskis Worte auf der Pressekonferenz nach der Werksschließung noch im Ohr: „Kein Mensch soll auch nur einen Euro verlieren.“

Alles nicht mehr der Rede wert: Kasi Viswanathan, neben Turlapati einst der zweite Statthalter in Berlin, sagt auf Anfrage: „Wir bedauern sehr, dass wir für die Solon Modules und Solon Energy GmbH Insolvenz anmelden mussten.“ Diese Entwicklung habe sich im April 2014 noch nicht abgezeichnet. „Das Management der Solon Group ist zu diesem Zeitpunkt fest davon ausgegangen, die ausstehenden Verbindlichkeiten an ehemalige Mitarbeiter im Rahmen einer geordneten Liquidation von diesen nicht mehr operativ tätigen Firmen komplett Übernehmen zu können“, erklärt Viswanathan weiter. „Leider haben Projektverzögerungen, weitere ausstehende Zahlungen durch dritte Partner und nicht zuletzt eine veränderte Marktlage in Europa es verhindert, die Liquidation wie geplant durchzuführen.“ Man hoffe nun sehr, dass der größte Teil der Außenstände durch die Verwertung der Insolvenzmasse beglichen werden könne.

Der Name Solon hat noch einen guten Klang

Damit ist das Thema für die Inder abgehakt, ihre Strategie scheint aufgegangen: Sie hatten mit der Firma seit 2011 verhandelt, aber bis zur Pleite 2012 gewartet, um den ehemaligen Börsenstar mit einst fast einer Milliarde Jahresumsatz für wenig Geld zu schlucken. Heute führen sie Solon mit dem alten Logo fort, aber fern von Berlin und dem Zugriff deutscher Behörden – und womöglich in einen zweiten Frühling. So vertreibt Solon auch in Deutschland weiterhin Solarmodule und Trägersysteme für Hausdächer, allerdings über die neue Europazentrale in Norditalien. Und auch international scheint das Geschäft erfolgreicher zu laufen, als die Inder nun glauben machen wollen. So sagte zum Beispiel der Chef einer Projektentwicklungsgesellschaft aus dem Inselkönigreich Bahrain im Persischen Golf dem Tagesspiegel, er habe Solon als Partner für ein großes Solarkraftwerksprojekt in Marokko gewinnen können. „Deutsche Technik ist im arabischen Raum sehr gefragt“, erklärte er.

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