Sorge um die soziale Marktwirtschaft : DGB-Chef Hoffmann kritisiert Höhe der Managergehälter

28 Millionen Euro Pension bekommt der frühere VW-Chef Martin Winterkorn. DGB-Chef Reiner Hoffmann sagt: Das System verliert die Legitimation.

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Reiner Hoffmann: Arbeitgeber blockieren betriebliche Altersvorsorge.
Reiner Hoffmann: Arbeitgeber blockieren betriebliche Altersvorsorge.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ein Porsche ist ein besonderes Auto. Und das Unternehmen Porsche ist auch ziemlich speziell. Als 2010 der damalige Vorstandschef Wendelin Wiedeking herauskomplimentiert wurde, bot ihm die Eigentümerfamilie rund 140 Millionen Euro Abfindung. Das war den Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat zu viel, und so ging Wiedeking mit etwa 50 Millionen Euro. Für seine Verhältnisse war das gar nicht mal üppig, denn es gab Jahre, da bekam er 50 Millionen Euro und mehr als Gehalt.

Für das Geschäftsjahr 2007/09 sollen es sogar 100 Millionen Euro gewesen sein. Und was sagte der Porsche-Betriebsratschef dazu: „Wir hatten schon einmal sehr günstige Vorstände. Die waren so günstig, dass wir fast pleitegegangen wären.“ So erklärte einst Uwe Hück das sagenhafte Einkommen von Wiedeking, der 1993 als Sanierer zur Porsche gekommen war, damals auch eigenes Geld riskierte und aufgrund der vertraglichen Gewinnbeteiligung ein schwerreicher Mann wurde.

Wiedeking ist der Ausreißer nach oben in einer Reihe von Spitzenmanagern mit unglaublichen Einkommen. Dazu gehörte 2009 auch Josef Ackermann, unter dessen Erbe die Deutsche Bank heute schwer ächzt, mit knapp zehn Millionen Euro, und in den Jahren bis 2015 vor allem VW-Chef Martin Winterkorn mit rund 15 Millionen Euro. Im Jahr. Dass ausgerechnet Winterkorn, der den VW-Vorstand in den Jahren des Dieselbetrugs führte, nun eine Pension im Gesamtwert von gut 28 Millionen Euro bekommt, ist für viele unbegreiflich. Was mag sich wohl ein potenzieller VW-Golf-Käufer denken, wenn er im Autohaus steht und sich vergegenwärtigt, dass vom Kaufpreis des Fahrzeugs auch die irrwitzige Pension der VW-Granden bezahlt werden muss?

Der Gewerkschaftsbund sorgt sich um das Gefüge in der Gesellschaft

„Während wir dafür kämpfen, das gesetzliche Rentenniveau für viele Millionen Menschen auf einem Niveau abzusichern, das ein anständiges Leben im Alter ermöglicht, hauen gleichzeitig die Unternehmen Millionenbeträge für Manager raus. Das passt nicht zusammen“, sagte DGB-Chef Reiner Hoffmann dieser Zeitung. Der Spitzengewerkschafter ist in Sorge um das Gefüge in der Gesellschaft. „Die sozialen Sicherungssysteme und die soziale Marktwirtschaft werden delegitimiert, wenn viele von ihrer Rente kaum leben können und gleichzeitig Spitzenmanager auf eine tägliche Pension von 3000 oder sogar 11000 Euro kommen. Das müssen die Arbeitgeber endlich mal lernen.“

Heinz Evers, ehemals Kienbaum-Manager und heute „Vergütungsberater“ von börsennotierten Unternehmen, wundert sich seit Langem über die enormen Pensionen für Spitzenmanager. „In den meisten Fällen könnte man die Rente komplett streichen“, meint Evers, „weil die schon so viel verdient haben, dass die das Geld gar nicht ausgeben können.“

Dass die Arbeitnehmervertreter in den zuständigen Aufsichtsratsgremien sich nicht gegen exorbitante Bezüge und Pensionen sperren, hängt nach Evers’ Beobachtung mit dem „Bemühen um Wohlverhalten“ zusammen. „Die haben Angst, die Vorstände zu verärgern.“ Evers spricht von einem „gewissen Tauschhandel“: Der Vorstand bekommt viel Geld und fühlt sich im Gegenzug den Arbeitnehmern respektive den Arbeitsplätzen verpflichtet. Häufig seien die Pensionsregelungen aber auch so kompliziert, dass die Gewerkschafter und Betriebsräte im Aufsichtsrat gar nicht durchblickten, meint Evers.

Mehr Mitbestimmung reicht DGB-Chef Hoffmann nicht

An diesem Punkt setzt auch DGB-Chef Hoffmann an. „Wer die Auswüchse in den Manageretagen in den Griff bekommen will, muss die Mitbestimmung stärken. Durch die Arbeitnehmervertreter gibt es erste Schritte bei der Transparenz und eine höhere Sensibilisierung, aber das reicht bei Weitem nicht“, sagte Hoffmann dem Tagesspiegel. Der „finanzmarktgetriebene Kapitalismus hat manche Vorstandseinkommen durch die Decke schießen lassen“. Inzwischen untergrabe „die Unverhältnismäßigkeit von Gehältern und Pensionen das Vertrauen in wichtige Institutionen“. Zu den Institutionen zählt Hoffmann Unternehmen und Verbände, Parteien und Gewerkschaften. „Die Wirkung des Vertrauensverlustes ist auch am Erfolg der Rechtspopulisten zu besichtigen“, sagte Hoffmann mit Blick auf die AfD.

Mit der Umsetzung des Deutschen Corporate Governance Kodex (DCGK) haben sich die börsennotierten Unternehmen in den vergangenen Jahren um mehr Transparenz und Nachvollziehbarkeit bemüht. VW zum Beispiel bezieht sich ausdrücklich bei seinem Vergütungssystem auf Vorgaben des Aktiengesetzes und die Empfehlungen des DCGK. „Die Höhe der Vorstandsvergütung soll im nationalen und internationalen Vergleich angemessen und attraktiv sein“, heißt es im Geschäftsbericht. Kriterien dafür seien Aufgaben und Leistung des Einzelnen sowie wirtschaftliche Lage und Aussichten des Unternehmens. Muss man dann Winterkorn, der Jahr um Jahr ein zweistelliges Millionengehalt bekommen hat, auch noch 28,6 Millionen Euro für den Ruhestand mitgeben?

DGB-Chef Hoffmann verbindet die Winterkorn-Debatte mit der derzeit diskutierten Weiterentwicklung betrieblicher Sicherungssysteme: „Für ihre Manager kennen die Arbeitgeber offenbar keine Grenze, aber bei der betrieblichen Altersvorsorge für ihre Mitarbeiter stehen sie auf der Bremse“, sagte Hoffmann im Gespräch mit dem Tagesspiegel.

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