Wirtschaft : Späte Reue eines Rinderzüchters

Prozessauftakt gegen früheren Südmilch-Chef Wolfgang Weber

-

Berlin (dr). Ein düsteres Kapitel deutschdeutscher Wirtschaftsgeschichte versucht seit Dienstag das Stuttgarter Landgericht aufzuarbeiten. Im Zentrum: die Molkerei Sachsenmilch, deren Mutterunternehmen Südmilch und dessen damaliger Vorstandsvorsitzender Wolfgang Weber. Das Gericht wirft ihm vor, bei der Tochter Sachsenmilch Anfang der 90er Jahre Millionenbeträge veruntreut zu haben. Zehn Jahre nach der Fast-Pleite des Unternehmens hat sich der heute 68-jährige Weber der Verantwortung gestellt. Er war zehn Jahre in Paraguay untergetaucht.

Sachsenmilch sollte eine der großen Erfolgsstorys in den Neuen Bundesländern werden. Das Verbundunternehmen sächsischer Milchbauern und Nachfolgerin eines großen Kombinats wurde1991 als erstes ostdeutsches Unternehmen von der Deutschen Bank an die Börse gebracht. Doch schon zwei Jahre später endete die Geschichte unrühmlich: Das Unternehmen war pleite.

Die Deutsche Bank sah sich gezwungen, die Anleger zu entschädigen. Sie kaufte Aktien für damals 43 Millionen Mark zurück. Auch die Südmilch geriet in der Folge unter Druck und musste Vergleich anmelden. Der niederländische Konzern Campina Melkunie übernahm das süddeutsche Unternehmen. Hauptverantwortlicher soll Wolfgang Weber gewesen sein, der von 1972 bis 1992 Vorstandsvorsitzender der Südmilch war. Von 1992 bis zum Januar 1993 saß er auch dem Aufsichtsrat vor. Weber stellte die Kontakte zu den sächsischen Milchbauern her.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, zusammen mit seinen Vorstandskollegen von der Südmilch wertloses Know-How für Millionenbeträge an die Tochter Sachsenmilch verkauft zu haben. Ziel war es, Finanzlöcher bei der Südmilch zu stopfen. Die Anklage geht ferner davon aus, dass beim Börsengang der Sachsenmilch 1991 falsche Angaben über die Kosten eines Molkerei-Neubaus im sächsischen Leppersdorf gemacht wurden. Im Börsenprospekt der Deutschen Bank war von „festgeschriebenen Baukosten“ die Rede. Tatsächlich waren die Kosten aufgrund einer Zusatzvereinbarung mit dem Bauunternehmer Roland Ernst jedoch variabel. Rund 38 Millionen Markt sollte Ernst ursprünglich bekommen und wohl zum Teil an Südmilch weiterleiten.

Weber räumte zu Prozessbeginn am Dienstag zwar ein, der Vorwurf der Untreue sei „prinzipiell begründet“, er habe aber nie die Absicht gehabt, Sachsenmilch zu schädigen. Vor rund zehn Jahren hatte Weber sich zunächst seiner Festnahme entzogen und sich nach Paraguay abgesetzt. Dort verbrachte er seine Tage als Rinderzüchter. Zur Sicherheit nahm Weber die paraguayanische Staatsbürgerschaft an. Erst vor einigen Wochen stellte er sich der Stuttgarter Staatsanwaltschaft. Weber sagte, er habe sich immer wieder bemüht, erfüllbare Bedingungen für seine Rückkehr zu erhalten. Medienberichten zufolge sollen sich Staatsanwaltschaft und Verteidigung auf eine Bewährungsstrafe sowie auf eine Kaution von 100000 Euro geeinigt haben. Mit einer Gefängnisstrafe muss er demnach nicht rechnen. Der vorsitzende Richter dementierte dies energisch.

Relativ glimpflich kamen bereits die damaligen Vorstandskollegen Webers davon. Rudolf Hoffmann wurde zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt, Manfred Klecker erhielt ein Jahr auf Bewährung. Der Bauunternehmer Roland Ernst musste wegen Beihilfe eine Geldstrafe bezahlen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar