Spätschicht Berlin : Im Netzwerk

400 Gründer und Investoren treffen sich zur Spätschicht, um bei Häppchen und Musik über neue Projekte zu sprechen.

Lara Sogorski
Fast allein. Chanyu Xu ist als Unternehmerin eine Seltenheit in der eher männlich geprägten Gründerszene.
Fast allein. Chanyu Xu ist als Unternehmerin eine Seltenheit in der eher männlich geprägten Gründerszene.Foto: Spätschicht

Berlin - Immer wieder steht die junge Chinesin beim Buffet, schaut zu, wie sich die anderen Suppe holen oder einen der kleinen Becher mit Milchreis aus Kokosmilch. Sie selbst isst nichts, dafür fragt sie immer wieder einige der Gäste, wie es ihnen denn geschmeckt habe. Chanyu Xu, 26 Jahre alt, hat das Essen zwar nicht selbst gekocht. Aber sie ist eine der zwei Gründer des Start-ups Eatüber, ein Lieferservice für gesunde, schnelle Küche inklusive Cateringdienst, die an diesem Abend das Buffet bestückt haben.

Donnerstagabend traf sich die Start-up-Szene Deutschlands zur „Spätschicht“ in der Kunztschule in Berlin-Mitte. Rund 400 Leute kamen, darunter auch Teilnehmer aus England, Polen und den Niederlanden. Die Spätschicht ist ein Netzwerktreffen für Gründungswillige, Unternehmer, Investoren und Marketingleute, um bei Drinks und Häppchen neue Kontakte zu knüpfen, über zukünftige Projekte zu sprechen und die Geldgeber auf tolle neue Ideen aufmerksam zu machen.

Während ein DJ entspannte Clubmusik auflegt, können sich die Gäste im Stehen locker unterhalten. Wer will, meldet sich zum Speed-Networking an: Wie beim Speed-Dating stellen sich dabei immer zwei Gäste für zwei Minuten gegenseitig vor, danach wechseln sie die Gesprächspartner. 2011 fand die Spätschicht in Berlin zum ersten Mal statt und seitdem jedes Jahr zwei Mal. In diesem Jahr gab es zudem erstmalig eine Veranstaltung in München, im November geht es nach Köln.

Chanyu Xu ist unter den vielen Gästen fast eine Rarität. Denn sie hat es in der Start-up-Szene meist nur mit männlichen Gründern zu tun. „Ich kenne wirklich nicht viele Frauen wie mich, aber ich habe den Unternehmergeist einfach im Blut“, sagt die 26-Jährige. Bevor sie ihren Lieferservice vor drei Monaten mit einem befreundeten Gastronomen startete, war sie bereits Chefin eines Unternehmens für Firmensoftware. „Ich hoffe, nach diesem Abend viele neue Kunden gewonnen zu haben, die bei mir in Zukunft bestellen.“ Ihr Lieferservice sei gerade für Leute aus der Start-up-Szene gedacht, die viel arbeiten, kaum Zeit zum Essen haben und nicht jeden Tag Fastfood vom Laden um die Ecke wollen. Schon heute liefert sie in Berlin-Mitte und Kreuzberg aus und organisiert Firmencaterings.

Wie Xu kommen am Donnerstagabend viele junge Gründer zur Spätschicht mit der Hoffnung, für ihr Geschäft wertvolle Kontakte knüpfen zu können und vielleicht sogar Investoren auf sich aufmerksam zu machen. Um sich in der Menge schneller zu finden, erhalten Gründer am Einlass ein orangefarbenes Band mit ihrer Namenskarte um den Hals, Geldgeber ein schwarzes. Tobias Bürger, Analyst bei der Investor German Startup Group, trägt ein schwarzes Band. „Ich lerne hier viele neue Teams und Konzepte kennen, die für zukünftige Investments interessant sein könnten“, sagt er. Wer sich bei ihm vorstellt, kommt darum auch schnell auf den Punkt. „Smalltalk gibt es eigentlich nicht. Wenn sich Gründer bei mir vorstellen, geht es ziemlich schnell darum, wie viel Geld sie brauchen und ab wann.“ Zusagen oder Versprechen macht Bürger keine. Allerdings hätten Teams oft mehr Chancen, wenn er sie schon einmal persönlich kennengelernt habe.

Dementsprechend ernst nimmt auch so mancher Gründer den Abend. Ausgerüstet mit Tablet-PC und einer Präsentation der eigenen Geschäftsidee versuchen sie unter den Gästen die richtigen Ansprechpartner für sich ausfindig zu machen. „Ohne Vorbereitung darf man zu so einer Veranstaltung nicht hingehen“, sagt Karsten Himmer, Geschäftsführer von Placces, einem Portal für Veranstaltungsräume. Um seine Geschäftsidee besser erklären zu können, ruft er auf seinem iPad schnell die Unternehmenswebseite auf. Zu sehen sind viele Bilder verschiedener Räume in Hotels, Clubs oder Restaurants. Wer etwa eine Hochzeit, Silvesterparty oder Firmenfeier plant, soll hier fündig werden. Damit sein Unternehmen weiter wachsen kann, sucht Himmer nach neuen Geldgebern. „Wir passen nicht in das Portfolio jedes Investors. Grob weiß ich aber schon, an welche unter den Gästen ich mich wenden muss.“

Zeit zum Kontakteknüpfen hat er. Von sieben Uhr abends bis ein Uhr nachts geht die Spätschicht. Während sich die Gäste in den ersten Stunden häufig einander vorbeidrängen müssen, ist die Zahl der Leute ab 22 Uhr allerdings schon recht überschaubar. Auch vom Buffet von Chanyu Xu ist da kaum mehr etwas da.

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