Sparkassen-Chef im Interview : „Das große Filialsterben wird es nicht geben“

Johannes Evers, Chef der Berliner Sparkasse, über den Umbau seines Hauses, rote Zahlen - und warum die Dispozinsen so hoch sind.

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Strategie für die Zukunft. Die Sparkasse will in digitale Medien investieren und den mobilen Vertrieb ausbauen.
Strategie für die Zukunft. Die Sparkasse will in digitale Medien investieren und den mobilen Vertrieb ausbauen.Foto: Georg Moritz

Herr Evers, in Zeitungen wie der „New York Times“ ist derzeit zu lesen, der Berlin-Hype sei vorbei. Stimmt das?

Nein, Berlin ist im Aufbruch. Das gilt auch für unser Haus. Unsere Sparkasse ist traditionell tief verwurzelt in der Region. Einerseits werden wir von der wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt beeinflusst, andererseits prägen wir sie maßgeblich mit.

Woran machen Sie den Aufbruch fest?

Jedes Jahr ziehen über 30 000 Menschen nach Berlin. Viele von ihnen sind jung und gut ausgebildet. Drei Viertel derjenigen, die fürs Studium kommen, bleiben in der Stadt. Häufig als Gründer.

Wie viele dieser Neu-Berliner können Sie als Kunden gewinnen?

Wir haben zuletzt jährlich zwischen 20 000 und 30 000 Kunden netto dazugewonnen. Darunter sind viele Neu-Berliner. Wir wollen die Sparkasse für alle Berlinerinnen und Berliner sein.

Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon sagt allerdings, Ihr Institut habe sein Potenzial noch nicht ausgeschöpft ...

Das sehen wir alle so. Natürlich haben wir als Berliner Sparkasse Potenzial in einer wachsenden Stadt. Das wollen wir nutzen. Bereits jetzt ist jeder zweite Berliner Kunde bei uns. Von den Unternehmern ist es jeder Dritte. Hier möchte ich gerne auch jeden Zweiten als Kunden für uns gewinnen. Schließlich legen die Berliner bei uns ihr Geld an und wollen, dass es auch wieder in Berlin investiert wird.

Meinen Sie mit Unternehmern auch Gründer?

Ja, natürlich. Wir sind schon jetzt einer der führenden Start-up-Finanzierer der Stadt. Wir haben zum Beispiel eine Kooperation mit der Freien Universität, um Unternehmensgründungen von der Uni weg zu unterstützen. Damit werden auch zukunftsträchtige Arbeitsplätze geschaffen.

Start-ups brauchen in der Regel am Anfang Risikokapital. Das können Sie als Sparkasse kaum bereitstellen.

Natürlich stellen wir kein Risikokapital zur Verfügung. Aber jeder Gründer braucht gute Beratung, angefangen beim Businessplan bis hin zur Finanzierung inklusive staatlicher Förderprogramme. Und jeder – auch wenn er seine Idee über Crowdfunding finanziert – braucht eine kompetente Betreuung.

In welchen Bereichen sehen Sie sonst noch Wachstumspotenzial?

Potenzial sehen wir zum Beispiel noch bei der Immobilienfinanzierung. Wer nach Berlin zieht, braucht Wohnraum. Und da reichen 10 000 neue Wohnungen pro Jahr lange nicht aus. Berlin braucht in den nächsten Jahren sowohl mehr gewerblichen als auch privaten Wohnungsbau. Und der muss finanziert werden. Darin sehen wir eine unserer Aufgaben.

Dass sich mehr Menschen eine Wohnung kaufen, liegt auch an den niedrigen Zinsen. Macht Ihnen das nicht Sorgen?

Zunächst einmal finde ich es gut, wenn in Berlin Menschen eigenen Wohnraum erwerben. Das ist die beste Altersvorsorge. Auf der anderen Seite bedeuten die niedrigen Zinsen aber auch eine schleichende Enteignung der Sparer. Die Zinsen, die wir im Moment anbieten können, liegen unter der Inflationsrate. Das macht mir natürlich Sorgen, ist aber kein Plädoyer gegen das Sparen. Eher für eine langfristig orientierte Vorsorge – auch in alternativen Anlageformen.

Trotz dieser Niedrigzinsphase verlangen Sie Dispozinsen von über zehn Prozent ...

Die Diskussion über zu hohe Dispozinsen führt in die Irre. Die meisten Menschen wissen gar nicht, wie teuer für uns als Bank diese Kreditform tatsächlich ist. Auch wenn nur einer von zehn Kunden seinen Dispokredit in Anspruch nimmt, müssen wir den gewährten Disporahmen für alle zehn permanent verfügbar halten. Um Ihnen 10 Euro Dispo einräumen zu können, müssen wir also 100 Euro vorhalten.

In Zukunft wird Ihr Institut unter die Aufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB) fallen. Ist das fair?

Es ist richtig, dass in Zukunft kein Steuerzahler mehr geradestehen soll, wenn Banken Fehler machen. Allerdings wünsche ich mir dabei mehr Verhältnismäßigkeit. Wir sind zwar das kleinste Institut, das als systemrelevant gilt, unterliegen aber denselben Anforderungen wie eine private Großbank.

Was heißt das konkret?

Bei uns sind derzeit über 100 Mitarbeiter unter Hochdruck damit beschäftigt, die Akten für die EZB aufzubereiten. Das ist ein enormer Aufwand, auch finanziell.

Als Nächstes steht bei Ihnen der Stresstest der EZB an. Wie viel Stress macht er Ihnen?

Wir sind in der Vergangenheit gut durch den Stresstest gekommen, und es gibt keinen Grund dafür, dass es diesmal anders sein sollte.

Das heißt, Sie haben genug Eigenkapital, um den Anforderungen der EZB gerecht zu werden?

Ich sehe uns gut gerüstet für alles, was bislang absehbar ist.

Beim letzten Stresstest war Ihr Haus noch eine Landesbank. Die ist mittlerweile Geschichte, von ihr ist nur die Berliner Sparkasse übrig geblieben. Stimmt Sie das nicht traurig?

Nein, wir sind alle stolz darauf, heute eine Sparkasse zu sein, und ich freue mich, dass wir uns jetzt voll auf das Berliner Geschäft konzentrieren können.

Die Sparkassen haben die Landesbank Berlin 2007 für 5,5 Milliarden Euro gekauft. War es richtig, dass sie dafür so viel Geld ausgegeben haben?

Die deutschen Sparkassen haben mit dem Kauf damals sichergestellt, dass es heute in Berlin überhaupt eine Sparkasse gibt. Das war richtig. Aber den Kaufpreis müssen die Käufer beurteilen.

Als Folge mussten die Sparkassen den Wert Ihres Hauses in ihren Büchern immer weiter nach unten korrigieren ...

Das ist sicherlich schmerzlich, aber vor allem eine Folge der Finanzkrise. Alle Banken haben hohe Wertverluste erlitten und mussten zum Teil staatliche Hilfen in Anspruch nehmen. Das war bei uns nicht der Fall. Wir haben in den letzten fünf Jahren sogar über eine Dreiviertelmilliarde Euro an die Eigentümer ausgeschüttet und 300 Millionen Euro thesauriert. Das heißt, überall dort, wo wir es selbst in der Hand hatten, haben wir erfolgreich gewirtschaftet.

Was kostet Sie der Umbau?

Wir haben im Jahresabschluss 2013, wie bereits im November angekündigt, rund 275 Millionen Euro für den Umbau zurückgestellt. Auch das finanzieren wir aus eigener Kraft.

Was bedeutet das für Ihr Ergebnis?

Die Umbaukosten werden uns für 2013 wie erwartet in die Verlustzone treiben, auch wenn wir operativ gut verdient haben. Auch dieses Jahr wird noch einmal schwierig werden. Spätestens 2018, wenn wir unser 200-jähriges Jubiläum feiern, soll Berlin eine starke Hauptstadtsparkasse mit einem ordentlichen Ergebnis haben. Dann wollen wir wieder ein Vorsteuerergebnis von 100 bis 200 Millionen Euro erreichen.

Es gibt schon jetzt Kieze wie Wilhelmsruh oder Haselhorst, in denen es gar keine Sparkassenfiliale mehr gibt. Wie viele Filialen wird die Sparkasse 2018 in Berlin noch haben?

Wir schließen nur Filialen, die nicht mehr oder nur noch wenig besucht werden. Mir ist schon klar, dass der eine oder andere seine gute alte Sparkassenfiliale gerne behalten hätte. Aber auch eine Sparkasse kann sich wirtschaftlichen Kriterien nicht gänzlich verschließen. Das große Filialsterben wird es bei uns nicht geben. Aber wir werden neue Formate erproben. Und am Ende entscheidet darüber der Kunde mit seinem Verhalten. Schon über eine halbe Million Kunden nutzen das Onlinebanking. Wir investieren weiter in die digitalen Medien, zum Beispiel in Innovationen für das Kartengeschäft. Außerdem bauen wir den mobilen Vertrieb aus, der dorthin kommt, wo der Kunde ist.

Was tut Ihr Haus für bürgerschaftliches Engagement?

Auch da sind wir im Aufbruch. Im letzten Jahr haben wir drei Millionen Euro für soziale Projekte, Kultur und Breitensport bereitgestellt. Wir unterstützen die Stadt gerne. Berlin hat es verdient.

Das Interview führten Lorenz Maroldt und Carla Neuhaus.

ZUR PERSON

Johannes Evers (52) ist promovierter Wirtschaftsmathematiker und hat unter anderem für die Unternehmensberatung McKinsey gearbeitet. 1999 kam er zur Landesbank Berlin (LBB), deren Vorstandsvorsitzender er 2009 wurde. Als Auflage der EU-Kommission für eine Milliardenrettung hat das Land Berlin die Landesbank 2007 an die Sparkassen verkauft. Sie haben dem Haus einen Umbau verordnet. Das Kapitalmarktgeschäft musste die LBB an die Dekabank abgeben, die Tochter Berlin Hyp wird verselbstständigt. Von der früheren Landesbank bleibt nur die Berliner Sparkasse übrig.

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