Sparkassenpräsident im Interview : "Eine neue Bankenkrise ist möglich"

Niedrige Zinsen und wachsende Regulierung bergen Gefahren, meint Georg Fahrenschon, Präsident des Sparkassen- und Giroverbands. Ein Gespräch über das Sparverhalten der Deutschen und Hilfen für die Deutsche Bank.

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Eine europäische Einlagensicherung lehnt Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon ab.
Eine europäische Einlagensicherung lehnt Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon ab.Foto: Mike Wolff

Herr Fahrenschon, Ende der Woche ist Weltspartag. Kann man den Deutschen überhaupt noch zum Sparen raten?

Absolut, ja! Die Deutschen sollten jetzt, wo die Zinsen so niedrig sind, erst Recht Geld zur Seite legen.

Warum das?

Wer spart, schafft sich Reserven für später. Die aktuelle Geldpolitik bringt die Menschen beim Aufbau ihrer Altersvorsorge um den Zins und Zinseszinseffekt. Das heißt: Um das gleiche Vorsorgeniveau zu erreichen, auf das sie mit einem höheren Zins gekommen wären, müssen sie unter den gegebenen Bedingungen mehr Geld zur Seite legen. Das ist wie beim Radfahren. Wenn Sie bergab fahren – also mit hohen Zins sparen – können sie schnell Geschwindigkeit aufnehmen. Wenn sie aber bergauf fahren – also mit wenig Zinsen sparen – müssen sie mehr in die Pedalen treten.

Spüren die Sparkassen ein geändertes Sparverhalten der Kunden?

Ja, die Sparer sind zunehmend verunsichert. Obwohl sich an dem extrem hohen Sicherheitsniveau der Spareinlagen in Deutschland überhaupt nichts geändert hat, ist inzwischen nur noch gut ein Viertel der Menschen davon überzeugt, dass ihre Spareinlagen absolut sicher sind - noch 2015 waren es 37 Prozent. Hier zeigen sich die Auswirkungen sowohl der Zinspolitik als auch der leidigen Diskussion um eine Zwangsvergemeinschaftung der europäischen Einlagensicherungen.

Noch müssen Sparer keine Strafzinsen zahlen. Glauben Sie, dass die Sparkassen langfristig auf den Negativzins für Kleinsparer verzichten können?

Aus den Gesprächen mit den Sparkassen weiß ich: Die Institute tun alles, um Negativzinsen möglichst lange zu verhindern. Als öffentlich-rechtliche Institute sind die Sparkassen auch dem Gemeinwohl verpflichtet – sie sind quasi der soziale Arm der Kreditwirtschaft. Dieser besonderen Verantwortung sind sich die Institute bewusst.

Komplett ausschließen können Sie den Strafzins für Kleinsparer aber nicht?

Auch Sparkassen sind Unternehmen, die sich natürlich nicht dauerhaft den betriebswirtschaftlichen Zwängen an den Märkten vollständig entziehen können. Aber die Institute stemmen sich mit Macht dagegen, die Negativzinsen auf ihre Kunden zu überrollen. Und das, obwohl uns der Verzicht auf die Weitergabe der negativen Zinsen an unsere Kunden schon jetzt pro Jahr mehrere hundert Millionen Euro im Jahr kostet.

Wie lange bleiben die Zinsen noch niedrig?

Ich setze darauf, dass man in der Europäische Zentralbank (EZB) langsam damit beginnt, an Programmen für einen schrittweisen Ausstieg aus dem Niedrigst- und Negativzinsumfeld zu arbeiten. Wenn man langfristig wieder ein normales Zinsniveau anstrebt, muss man mit den Vorbereitungen jetzt beginnen. Zumal die Märkte damit rechnen, dass die US-Notenbank im Dezember die Zinsen leicht anheben wird. Damit steigt der Druck auf die Europäer, ebenfalls tätig zu werden.

Kann die Wirtschaft der Euro-Zone steigende Zinsen denn schon verkraften?

Schauen Sie sich die drei größten Volkswirtschaften der Euro-Zone an. Deutschland hält Kurs, Frankreich schlägt sich besser als erwartet und auch Spanien steht in diesem Jahr ganz gut da. Außerdem darf man nicht vergessen, dass die lockere Geldpolitik zu enormen Marktverwerfungen führt, die man nicht ewig hinnehmen kann. Die EZB kauft massenhaft Anleihen – und zwar nur die besten – die sie damit aus dem Markt nimmt. Kleinanleger kommen an diese Papiere gar nicht mehr heran und werden geradezu gezwungen, höhere Risiken einzugehen. So ist es durch die EZB-Politik nahezu unmöglich geworden, Geld sicher und renditeträchtig anzulegen. Das muss sich wieder ändern.

Könnte der Staat den Sparern helfen?

Ja und das sollte er sogar. Schließlich profitiert der Staat selbst enorm von der Geldpolitik. Weil die Zinsen so niedrig sind, können Bund und Länder sich extrem günstig verschulden. Für zehnjährige Bundesanleihen hat der Finanzminister noch vor kurzem sogar Geld bezahlt bekommen, statt Zinsen zahlen zu müssen. In einer solchen Situation ist es absolut vertretbar, dass der Staat einen Teil dieser Zinsentlastung an die Bürger weitergibt.

In welcher Form könnte das passieren?

Ich bin für eine stärkere staatliche Förderung der Vermögenswirksamen Leistungen. Das ist ein einfaches Instrument für Arbeitnehmer, um Geld zur Seite zu legen. Der Staat hat sich darum aber viel zu lange nicht mehr gekümmert. Die Vermögenswirksamen Leistungen für das Bausparen zum Beispiel sind zuletzt 1998 überarbeitet worden. Seitdem wurden die Einkommensgrenzen, bis zu denen man eine staatliche Förderung bekommt, nicht mehr angehoben. Dadurch sind viele Menschen inzwischen aus der Förderung herausgefallen. Wir brauchen aber dringend eine stärkere private Vorsorge fürs Alter.

Der IWF kritisiert, dass noch zu viele Banken in Europa kein tragfähiges Geschäftsmodell haben. Machen Sie sich Sorgen, dass eine neue Bankenkrise entsteht?

Die Gefahr besteht. Die niedrigen Zinsen und die gleichzeitig zunehmenden Regulierung könnten tatsächlich den Boden für neue Probleme bereiten.

Hierzulande steht vor allem die Deutsche Bank unter Druck. Wären die Sparkassen bereit, der Deutschen Bank zu helfen?

Diese Frage stellt sich weder für uns noch für die Deutsche Bank. Klar ist aber: Sparkassen und Volksbanken sind nicht für die Ertragsschwäche privater Aktienbanken verantwortlich. Hier kehrt jeder vor seiner eigenen Tür.

Wie geht es den Sparkassen? Wie lange können sie die niedrigen Zinsen verkraften?

Die Sparkassen stehen absolut solide da. Sie haben die Zinsentwicklung rechtzeitig berücksichtigt und in den vergangenen Jahren Reserven von über 18 Milliarden Euro aufgebaut. Bis jetzt gelingt es ganz gut, die Zinsverluste weitgehend zu kompensieren – etwa durch Kostensenkungen und höhere Provisionseinnahmen. Den Sparkassen kommt außerdem zugute, dass sie anders als Aktienkonzerne keine zweistellige Eigenkapitalrendite erwirtschaften müssen. Sie sind öffentlich-rechtliche Institute, die zwar schwarze Zahlen schreiben, aber nicht um jeden Preis ihre Profite maximieren müssen.

Wenn es den Sparkassen gut geht, warum erhöhen sie Gebühren und schließen Filialen?

Weil sich natürlich auch die Sparkassen den Marktanforderungen nicht entziehen können. Neben den niedrigen Zinsen spüren die Sparkassen vor allem die ständig steigenden Regulierungslasten. Außerdem reagieren sie auf das sich ändernde Verhalten der Verbraucher. Kunden besuchen die Sparkassenfiliale im Schnitt nur noch einmal im Jahr, die Sparkassen-App nutzen sie dagegen bereits jeden zweiten Tag. Wenn Filialen schließen, liegt das also vor allem daran, dass die Kunden seltener vor Ort vorbeischauen. Trotzdem ziehen die Sparkassen sich nicht aus der Fläche zurück. Wo es keine Filiale mehr gibt, fahren Sparkassen-Busse, in denen man seine Bankgeschäfte erledigen kann. Zum Teil liefern sie das Geld auch nach Hause.

Und warum höhere Gebühren?

Sparkassen bieten Dienstleistungen an, die einen Wert haben. Und so wie Energiepreise, Lebensmittelkosten oder der Preis der Tageszeitung ab und an den Marktanforderungen angepasst werden muss, gilt dies in gleicher Weise für die Angebote von Banken und Sparkassen. Auch die deutsche Bankenaufsicht empfiehlt inzwischen ja höhere Gebühren. Die Institute gehen mit der Entwicklung der Entgeltstruktur aber sehr verantwortungsvoll um, die allermeisten unserer Kunden haben Verständnis dafür.

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Deutschlandweit gibt es noch immer über 400 Sparkassen. Wie groß ist da der Fusionsdruck?

Es wird sicherlich in den kommenden Jahren mehr Fusionen als bisher geben. Das liegt allein schon an den steigenden Anforderungen der Aufsichtsbehörden, die kleine Sparkassen überproportional stark belasten - was mehr als ungerecht ist. Die kleinen Sparkassen haben die Finanzkrise nicht ausgelöst, müssen sich jetzt aber trotzdem der gleichen Regulierung unterwerfen wie international agierende Investmentbanken.

Sehen Sie eine Chance, daran auf europäischer Ebene noch etwas zu ändern?

Ja, wir arbeiten daran. In immer mehr Mitgliedstaaten lebt das Geschäftsmodell der Sparkasse wieder auf. In Irland etwa ist es erklärte Regierungspolitik, Regionalinstitute zu fördern. Selbst in Großbritannien, dem Mutterland des Investmentbankings, will man sogenannte "Starter-Banks" aufbauen. Auch in Frankreich, Spanien und Italien haben wir sparkassenähnliche Institute. Deshalb brauchen wir bei der Regulatorik dringend eine Differenzierung nach Größe, Geschäftsmodell und Risiko. Lernen kann Europa in dieser Hinsicht von den USA. In den Vereinigten Staaten trennt man nämlich ganz klar zwischen Investmentbanken und Mainstream-Banken. Eine solche Unterscheidung brauchen wir auch in Europa.

Zumal die Regulierungswelle nicht zu Ende ist. Diskutiert wird etwa über eine europäische Einlagensicherung: einen gemeinsamen Topf, aus dem Sparer notfalls entschädigt werden. Sie sind dagegen. Warum?

In der Kreditwirtschaft dürfen Sie niemals die Entscheidung über das Risiko und die Haftung für dieses Risiko voneinander trennen. Mit einer europaweiten Zwangsvergemeinschaftung der nationalen Einlagensicherungssysteme tun Sie aber genau das. Der eine kann Kredite vergeben, wohl wissend, dass andere das Risiko mittragen und ihn gegebenenfalls rauspauken. Das ist eine Einladung zum Trittbrettfahren und schlicht Unfug. Es käme schließlich auch niemand auf die Idee, Pkw-Fahrer für die Versicherung von Gefahrguttransportern zahlen zu lassen.

ZUR PERSON
Georg Fahrenschon (48) ist seit Mai 2012 Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV). Zuvor war der gebürtige Münchner von 2008 bis 2011 Finanzminister in Bayern. Von 2002 bis 2007 saß er für die CSU im Bundestag, anschließend war Fahrenschon Staatssekretär im Finanzministerium. Der Diplomökonom ist auch Aufsichtsratschef der Berliner Sparkasse. Fahrenschon ist verheiratet und hat zwei Töchter.

DER VERBAND
Der DSGV ist als Dachverband der Sparkassen-Finanzgruppe einer der wichtigsten Bankenverbände Deutschlands. Neben den 403 Sparkassen vertritt er auch die Interessen von sieben Landesbanken, der Deka Bank sowie von neun Landesbausparkassen, zu denen insgesamt 340.000 Mitarbeiter gehören. Zusammengefasst liegt die Bilanzsumme der Institute bei 2157 Milliarden Euro.

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