Die Arbeitsagentur ist besorgt, Kunden sind "stinksauer"

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Spurensuche in Tegel : Was noch übrig ist von der insolventen Air Berlin

Die Arbeitsagentur "vermisst" Antragssteller

Bisher sind erst 279 Mitarbeiter in diese Gesellschaft gewechselt, die vom Land Berlin und der EU finanziert wird. Bei der Senatsverwaltung für Finanzen erwartet man, dass im Laufe der kommenden Monate 1500 bis 1800 Personen dieses Angebot zur Weiterbildung wahrnehmen könnten. Und man hofft auch auf Air-Berlin-Mitarbeiter, die sich für Jobs in der Berliner Verwaltungen erwärmen können. „Unser erster Eindruck ist, dass die Leute überwiegend gut qualifiziert sind“, sagt eine Behördensprecherin. Knapp 400 Personen hätten einen entsprechenden Fragebogen ausgefüllt.

Anzeigetafel am Flughafen Berlin-Tegel am 30. November 2017. Natürlich keine Air-Berlin Flüge mehr, dafür viele von Airlines der Lufthansa-Gruppe: Lufthansa, Eurowings, Swiss, Austrian...
Anzeigetafel am Flughafen Berlin-Tegel am 30. November 2017. Natürlich keine Air-Berlin Flüge mehr, dafür viele von Airlines der...Foto: Kevin P. Hoffmann

Und der Rest? Mehr als 8000 Mitarbeiter hatte der Air Berlin Konzern vor der Pleite, rund 3000 Mitarbeiter werden derzeit noch bezahlt – als Angestellte der Firmenteile wie der Niki, die zu Lufthansa oder anderen Firmen wechseln sollen. Die übrigen 5000 Leute sind freigestellt und erhalten kein Geld mehr. Haben die alle so schnell neue Jobs gefunden?

In Berlin beschäftigte Berlin rund 2700 Personen, ein paar Hundert sind es noch. Bis Donnerstag hatten sich aber nur exakt 506 Mitarbeiter arbeitslos gemeldet, in Brandenburg 124 Airberliner. „Die Arbeitsagenturen sehen mit Sorge, dass nach der Insolvenz der Fluggesellschaft sich erst relativ wenige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeitslos gemeldet haben“, sagt ein Sprecher der Regionaldirektion der Arbeitsagentur. Er weist darauf hin, dass Arbeitslosengeld erst ab dem Tag der persönlichen Meldung gezahlt werden kann. „Wir können daher allen Mitarbeitern von Air Berlin nur empfehlen, sich arbeitslos zu melden, sofern sie nicht in Transfergesellschaften gegangen sind oder bereits eine neue Arbeit gefunden haben. Nur so haben sie Anspruch auf Arbeitslosengeld“.

Wenig Betrieb in der Betriebskantine von Air Berlin am Saatwinkler Damm Berlin-Tegel. Flachbildschirme sind abmontiert. Und ein Museum sicherte Design-Plakate.
Wenig Betrieb in der Betriebskantine von Air Berlin am Saatwinkler Damm Berlin-Tegel. Flachbildschirme sind abmontiert. Und ein...Foto: Kevin P. Hoffmann

Strafanzeigen gegen Air-Berlin-Chef Winkelmann

Der Abbau von Air Berlin verläuft ähnlich systematisch wie der Aufbau des Flughafens BER. Mitverantwortlich dafür sind Mitarbeitervertretungen. Einige dieser Gremien verschicken Rundbriefe, in denen sie Kollegen abraten, sich arbeitslos zu melden. Begründung: Man würde dann auf das Recht verzichten, von einem neuen Eigentümer zu alten Bedingungen eingestellt zu werden. An dem Punkt setzt jetzt auch die Gewerkschaft Verdi an. Sie will die den Übergang von Betriebsteilen an die Lufthansa von Gerichten prüfen lassen. Das könne mehrere Jahre dauern, räumte man bei Verdi am Freitag ein.

So werfen Ereignisse rund um Air Berlin jetzt sehr lange Schatten voraus. An einen Tod der Airline, einen Abschluss für die Mitarbeiter, ist nicht zu denken. Auch wegen des zehntausendfachen Kundenzorns. Während Inhaber einer Air-Berlin-Anleihe sich dieser Tage zusammengeschlossen haben, um gemeinsam Ansprüche im Insolvenzverfahren geltend zu machen, bleiben viele Kunden vorerst auf den Schäden sitzen.

Der Empfangsbereich der Air-Berlin-Zentrale am Saatwinkler Damm beim Flughafen Tegel (aufgenommen Mitte September 2017).
Der Empfangsbereich der Air-Berlin-Zentrale am Saatwinkler Damm beim Flughafen Tegel (aufgenommen Mitte September 2017).Foto: Kevin P. Hoffmann

Hans R., Inhaber einer Maschinenbaufabrik im Berliner Westen, hat „die Schnauze voll“, wie er sagt. Seine Frau, seine Tochter und er hätten am 3. August, wenige Tage vor der Insolvenzmeldung Tickets für die Weihnachtstage in Bangkok gebucht: Businessklasse, da die Frau gerade eine Knie-OP hinter sich hat und ihr Bein strecken muss. Kosten: Insgesamt 6700 Euro. Der Insolvenzverwalter beharrt auf dem Standpunkt, dass alle Ansprüche vor dem Stichtag 15. August nicht gelten. „Ich werde Strafanzeige stellen wegen Betrugs und Insolvenzverschleppung“, kündigt Hans R. an, eine Klage auch gegen Thomas Winkelmann, den Air-Berlin-Chef. Als einstiger Lufthansa-Mann habe der doch das alles eingefädelt, meint R.

Für solche Verschwörungstheorien habe man keine Zeit, heißt es sinngemäß in der Zentrale am Saatwinkler Damm. Später. Vielleicht.

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