Start-up-Boom in Berlin : Das Milliardending

Start-up-Unternehmen haben nicht den besten Ruf: ein paar junge Typen, die an so Sachen fürs Internet herumbasteln, meistens erfolglos. Dabei ist Berlin ein Magnet für die Szene. Und nach den Leuten mit den guten Ideen kommen nun auch die mit dem großen Geld.

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Christian Reber.
Christian Reber.Foto: Thilo Rückeis

Morgens hat Christian Reber Zeit für die Milliarde. Wenn er früh die Wohnung verlässt, denkt er an sie: eine Milliarde Euro. Der Gedanke ist immer noch da, wenn er etwas später quer über diesen Berliner Hinterhof läuft. Wenn er auf die schwere Glastür hinten links zugeht, an der er kräftig ziehen muss. Manchmal sieht er dabei kurz sein Spiegelbild – einen Mann in Kapuzenpullover und Basecap, im Gesicht fast noch ein Junge. Im Treppenhaus mit den alten Kacheln umrundet er viermal den Lastenaufzug. Oben schließt er die Tür auf, wieder eine Glastür, dann betritt er die Büroetage und setzt sich an seinen Computer. Eine Milliarde, jetzt erst verschwindet sie aus seinem Kopf. Sie macht Platz für das, was er heute zu tun hat.

Christian Reber, 25 Jahre alt, ist Geschäftsführer der Internetfirma 6Wunderkinder. Vor wenigen Tagen ist ihr neues Produkt erschienen, eine App für Smartphones, an der Reber und Kollegen monatelang gebastelt haben. „Wunderkit“ ist ein elektronischer Kalender, der das Leben vereinfachen soll. Seit die App im Netz ist, haben sie schon tausende Nutzer heruntergeladen, um sie zu testen. „Wunderkit“ ist in der Probezeit, noch können die Programmierer eingreifen, sollten Fehler auftauchen. Christian Reber steht unter Strom, für so viele Zahlen, wie eine Milliarde sie hat, fehlt ihm eigentlich die Zeit, an der App hängt der Ruf der ganzen Firma.

Trotzdem sind die Zahlen in Rebers Kopf: 6Wunderkinder könnte das erste Berliner „Milliardending“ werden. Noch ist es nur eine verrückte Idee, aber kommt das neue Produkt gut an, könnten Investoren seinem Unternehmen einen Firmenwert von einer Milliarde Euro zuschreiben. Es wäre nur ein ideeller Wert, die Investoren rechnen nicht aus, was die Computer kosten, die in den Büroräumen in Mitte rumstehen. Sie gehen auch nicht vom Umsatz aus, den 6Wunderkinder machen, sie bewerten allein die Zukunftsfähigkeit der Firma. Die Einschätzung der Leute mit dem Geld ist immens wichtig, auch wenn 6Wunderkinder nicht an der Börse notiert ist, wo es nur um solche Zahlen geht.

Berliner Internet-Start-ups
6Wunderkinder. Niklas Zennström findet sie richtig gut: die sechs Gründer Christian Reber, Robert Kock, Daniel Marschner, Sebastian Scheerer, Jan Martin, Charlette Prevot. Darum investierte der milliardenschwere Mitbegründer von Skype im November 2011 4,2 Millionen Euro in die 6Wunderkinder. In Berlin-Mitte schrauben sie an ihrem Baby herum, eine App mit dem Namen „Wunderlist“. Die gibt es zwar erst seit ungefähr einem Jahr, sie hat aber schon über 1,5 Millionen Nutzer.
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16.01.2012 15:046Wunderkinder. Niklas Zennström findet sie richtig gut: die sechs Gründer Christian Reber, Robert Kock, Daniel Marschner,...

Die Konkurrenz im Wettlauf um die Milliardenmarke in Berlin ist groß. Laut IHK gab es hier seit 2008 etwa 1300 Firmenneugründungen im Internetsektor, allein 2011 waren es annähernd 500. Gut möglich also, dass andere Christian Reber zuvorkommen, er wäre darüber nicht sonderlich traurig. Egal, wer die Marke am Ende knacke, sagt er, es wäre ein Durchbruch für die ganze Berliner Branche. „Wenn wir hier erst ein Milliarden- ding haben, dann zieht das noch mehr Leute und Investoren an.“ Letztlich wäre es auch der Beweis dafür, dass der Berlin-Hype keine Übertreibung war. In der Szene heißt es schon länger, die Stadt sei auf dem Weg, das Silicon Valley Europas zu werden.

Was diese Prognose stützt, ist das Geld: internationales Risikokapital, das nach Berlin fließt. 2011 pumpten Fonds mehr als 150 Millionen Euro in die Hightechszene der Stadt, mehr solchen Kapitals zieht nur das wirtschaftlich starke Bayern an. Auch kommen immer mehr Investoren in die Stadt, die sich auf die Förderung von Internetprojekten spezialisiert haben. Mehr als zehn sind es schon, und der nächste Investor – Earlybird aus Hamburg – schaut sich gerade nach passenden Räumen in Berlin um.

Das Internet ernährt sich nicht von allein, es muss gefüttert werden. Überall auf der Welt sitzen Menschen, die das tun, sie produzieren das, was im Fachjargon „content“ heißt, also schlicht „Inhalt“. Sie schreiben Programme, basteln an neuen Apps und spinnen die Ideen für ein digitales Morgen. Ein großer Teil dieser Webavantgarde sitzt in Berlin. Die Stadt zieht sie an, die kreative Szene, die immer noch niedrigen Mieten, die coolen Bars und halb legalen Kellerclubs. Berlin vibriert, das ist nicht neu. Neu ist, dass es diesmal um viel Geld geht.

Die Unternehmen der Stunde heißen SoundCloud, Gidsy, Amen, Crowdpark oder Readmill. Sie bauen Musikplattformen, Facebook-Spiele, Bewertungsportale oder Navigationshilfen für die Tiefen des Internets. Ihre Produkte können sich die Kunden meist kostenlos herunterladen. Deshalb verdienen die meisten Start-ups noch kein Geld. Auch 6Wunderkinder schreibt rote Zahlen. Doch irgendwann wollen die Investoren für ihre Risikobereitschaft entlohnt werden, soll die neue App „Wunderkit“ das Unternehmen in die Gewinnzone führen.