Start-Up-Wettbewerb : Fünf Minuten bis zum Ruhm

Auflade-Stationen für Drohnen, neuartige Kamerastative oder ein Kissen mit Herzschlag: Beim "Betapitch Hardware" in Kreuzberg mussten Jungunternehmer eine Jury von ihren Produkt-Ideen überzeugen. Doch dabei galten strikte Regeln.

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Die Zeit läuft. Joanna Montgomery hat ein System entwickelt, das den Herzschlag eines Partners ins Kopfkissen des anderen überträgt – für Paare in Fernbeziehungen.
Die Zeit läuft. Joanna Montgomery hat ein System entwickelt, das den Herzschlag eines Partners ins Kopfkissen des anderen...Foto: David Heerde

Fünf Minuten – die Uhr auf der großen Leinwand zählt ebenso unaufhörlich wie unerbittlich abwärts. Davor stehen Tim Kirchner und Felix Kochbeck. Die beiden Jungunternehmer müssen die Jury in kürzester Zeit von ihrem Produkt überzeugen: Es ist ein handliches Kamerastativ namens "Luuv", mit dem Sportler ihre Abenteuer festhalten können – „wackelfrei“, wie Kirchner souverän auf Englisch versichert. Für das Start-Up geht es an diesem Freitagabend um einiges: Im Betahaus, einem Bürohaus für Firmengründer in Kreuzberg, findet an diesem Abend der „Betapitch Hardware“ statt – sechs junge Unternehmen treten mit ihren Produkt-Erfindungen gegeneinander an. Wer gewinnt, wird gefördert.

"Uns fehlt das Herausragende"

Ein bisschen wirkt das Prozedere wie eine Casting-Show für Start-Ups. Zwar erinnert keiner der Juroren an den bissigen Dieter Bohlen, doch Kritik müssen die Teilnehmer von den Jury-Mitgliedern trotzdem einstecken. „Was ist das besondere an eurem Produkt, was unterscheidet euch von euren Mitbewerben?“, will der dänische Unternehmer Thomas Madsen Mygdal, einer der Experten, von Nils Mattisson wissen. Der hat mit seinen Mitstreitern einen intelligenten Rauchmelder entwickelt – per SMS und E-Mail soll dieser mit dem Hausbesitzer kommunizieren können. Doch der junge Mann, der mit Sakko und Einstecktuch fast etwas steif wirkt, kann darauf keine klare Antwort geben. Damit ist die Jury nicht zufrieden. „Uns fehlt hier das Herausragende“, lautet das Urteil.

Es geht um Hardware, um neue Technik, die das Leben der Menschen einfacher machen soll. Neue Smartphone-Apps, die liebste Spielwiese vieler Firmengründer in der Hauptstadt, sind an diesem Abend in Kreuzberg nicht gefragt.

Minuspunkte bei der Jury

Einige Teilnehmer sind sichtlich nervös, als sie die Bühne betreten – so wie José Ernesto Rodriguez. Er stellt eine Wanduhr vor, die durch W-LAN mit dem Internet verbunden ist und anzeigt, wann die nächsten U-Bahnen fahren. Rodriguez hat erst vor wenigen Tagen erfahren, dass er an dem Wettbewerb teilnehmen darf, jetzt vergisst er streckenweise seinen Text. „Du machst das ganz toll“, ruft ihm die Chefin des Betahauses, Madeleine Gummer von Mohl, aufmunternd zu. Auch eine Aufladestation für Drohnen und eine intelligente Steuerungsanlage für Klimaanlagen werden im Laufe des Abends vorgestellt. Demonstrieren, wie die Produkte genau funktionieren, können ihre Erfinder allerdings nicht. Das gibt Minuspunkte bei der Jury.

Schließlich betritt Joanna Montgomery die Bühne. In der britischen Technik-Szene ist die 26-Jährige schon eine Art Pop-Star, zehntausenden gefällt ihre Firma auf Facebook. Als die junge Frau mit den blonden Locken erklärt, was sie erfunden hat, ertönt aus dem Publikum ein kollektives Seufzen: Montgomery will mit "Pillow Talk" ein Produkt für Paare in Fernbeziehungen auf den Markt bringen, das den Herzschlag des einen mit einem Armband misst und im Kopfkissen des anderen abspielt. „Digitale Intimität“ nennt sich das.

"Man kennt sich hier"

Auf der Warteliste für Montgomerys Produkt stehen schon rund 40 000 Menschen. Nach diesem Abend dürfte die Liste noch etwas länger werden: Fasziniert halten sich die Gäste das lila Kissen ans Ohr, das Montgomery mitgebracht hat. Ums Gewinnen geht es der Unternehmerin aber angeblich nicht. „Ich treffe einfach gerne neue Leute und bekomme all die positiven Reaktionen auf mein Produkt – das bestärkt mich“, erklärt sie nach ihrem Auftritt.

Viele der Teilnehmer sind nicht zum ersten Mal dabei. „Man kennt sich hier. Wir wissen dann oft schon, wer sich wie verkauft und wer welche Strategie fährt“, sagt Kamerastativ-Erfinder Kochbeck. Das helfe, um den eigenen Auftritt vorzubereiten. Und trotz all der freundschaftlichen Atmosphäre in der Szene sei natürlich auch der Wettbewerbsgedanke dabei. „Insgeheim hofft jeder, zu gewinnen.“

Nach der Preisverleihung sind die Jungunternehmer dennoch überrascht: Sie belegen den ersten Platz und fliegen demnächst mit dem ganzen Team nach Taiwan. Dort sollen sie die Fertigungsindustrie kennen lernen und Kontakte knüpfen. Im Sommer werden sie noch einmal gegen die Gewinner anderer „Betapitches“ antreten.

Favoritin Montgomery, die Herzschlag-Übermittlerin, ist nicht auf dem Treppchen gelandet und sieht etwas enttäuscht aus. Trotzdem haben am Ende alle Teilnehmer einen der Preise abgeräumt, selbst die Wanduhr-Erfinder dürfen sich über einen Schreibtischplatz im Betahaus freuen und sechs Monate hier arbeiten. In einer gewöhnlichen Casting-Show wäre das wohl anders. „Dieses Prinzip ,The winner takes it all’ passt einfach nicht zur Start-Up-Szene“, sagt Kochbeck.

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