Steigende Lebensmittelpreise : Ilse Aigner warnt vor Unruhen

"Das Menschenrecht auf Nahrung darf nicht nur eine hohle Phrase sein", sagt Ilse Aigner. Die Agrarministerin spricht im Interview über steigende Lebensmittelpreise, Weizen im Tank und den Kampf gegen Spekulanten.

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Agrarministerin Ilse Aigner.
Agrarministerin Ilse Aigner.Foto: AFP

Frau Aigner, Fleisch, Milch und Kaffee sind so teuer wie nie zuvor, auch die Preise für Weizen, Soja und andere Grundnahrungsmittel ziehen wieder an. Was heißt das für die deutschen Verbraucher?

Es ist davon auszugehen, dass die Preise für Lebensmittel in nächster Zeit weiter steigen werden - nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Allerdings sind die Preissteigerungen in Deutschland nur bedingt auf die höheren Kosten für Agrarrohstoffe zurückzuführen. Wir kaufen als Verbraucher vor allem verarbeitete Produkte. An denen haben die Rohstoffkosten nur einen kleinen Anteil. Lohn- und Energiekosten schlagen hier viel stärker zu Buche.

In den Entwicklungsländern sieht das anders aus. 2008 sind Menschen in Afrika und Haiti auf die Straße gegangen, um gegen die hohen Lebensmittelpreise zu protestieren.

Es wird weitere Unruhen in ärmeren Ländern geben, wenn die Preise erneut spürbar steigen. Hier spielen die Rohstoffe - Weizen, Reis, Mais oder Soja - eine wesentlich größere Rolle als bei uns. Wer bereits einen Großteil seines Lohnes für das tägliche Brot ausgeben muss und sich dann noch mit stark steigenden Preisen konfrontiert sieht, wird auf die Straße gehen, um auf seine Notlage aufmerksam zu machen.

Warum steigen die Preise?

Dafür gibt es viele Gründe. Der wichtigste Faktor ist der starke Anstieg der Weltbevölkerung. Jedes Jahr kommen rund 80 Millionen Menschen hinzu - das entspricht der Einwohnerzahl Deutschlands. Und weil mehr verbraucht wird, als der Produktionszuwachs derzeit hergibt, schrumpfen die Lagerbestände. Hinzu kommt, dass sich mit wachsendem Wohlstand vor allem in den Schwellenländern das Konsumverhalten ändert. Und dann wirkt sich auch der Klimawandel aus. Im vergangenen Jahr hatten wir Ernteausfälle zum Beispiel durch die Brände in Russland, die Überschwemmungen in Australien oder die Trockenheit in China. Auch das hat zu steigenden Preisen geführt - und Spekulanten angelockt.

Den Kampf gegen die Spekulation wollen die Agrarminister den Finanzministern überlassen. Ist das Feigheit vor dem Feind?

Nein, 50 Agrarminister aus aller Welt haben dieses Thema schon im Januar beim internationalen Agrarministergipfel in Berlin aufgegriffen und arbeiten mit den Finanzministern eng zusammen, jeder in seinem Verantwortungsbereich. Für uns ist das Wichtigste, dass wir für Transparenz sorgen, dass wir den Blindflug auf den Märkten beenden. Das betrifft zum einen die Frage, wer sich als Anleger auf den Märkten tummelt. Denn wir sehen, dass branchenfremde Finanzinvestoren aus der Verknappung Kapital schlagen wollen. Aber es geht auch um den physischen Markt - also die vorhandenen Bestände. In vielen Ländern gibt es bisher keinen verlässlichen Überblick über die Produktion und die Lagerbestände. Das wollen wir ändern.

Was nutzt Transparenz, wenn die Politik keine Instrumente hat, um Fehlentwicklungen zu bekämpfen?

Transparenz ist die wichtigste Voraussetzung für einen funktionierenden und fairen Handel. Nehmen Sie die Brände in Russland, die die Preise weltweit nach oben getrieben haben, obwohl es damals keinen wirklichen Grund für Preisausschläge gegeben hat, weil die Lagerbestände hoch waren. Aber das war allgemein nicht bekannt, deshalb führte die Nachricht von den regionalen Ernteverlusten zu großer Verunsicherung. Unkenntnis und Nervosität spielen auch den Spekulanten in die Hände.

Bei ihrem Treffen in Paris wollen die Agrarminister ein weltweites Agrarinformationssystem beschließen. Soll der Datenaustausch Spekulanten das Handwerk legen?

Ja, ein internationales Agrarmarktinformationssystem ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Wenn man weiß, wie viel Weizen, Mais oder Soja in den wichtigsten Ländern vorhanden ist, wird es schwerer, dagegen zu spekulieren. Ob dann in einem zweiten Schritt noch weitere Maßnahmen nötig sind - etwa Positionslimits, die Kauf- oder Verkaufsaufträge an der Börse begrenzen - ist später zu entscheiden.

Missernten steigen, Agrarflächen verschwinden. Rächt es sich jetzt, dass der Klimaschutz zu lange auf die leichte Schulter genommen worden ist?

Klimaschwankungen können gerade die Landwirte stark betreffen. Daher haben die Landwirte den Klimaschutz schon immer sehr ernst genommen und haben viel zur Reduzierung der Treibhausgase unternommen. Viele Landwirte bauen inzwischen Pflanzen an, aus denen Biosprit gemacht wird, der Erdöl ersetzt.

Ist es angesichts von 900 Millionen Menschen, die hungern, vertretbar, Nahrungsmittel in den Tank zu kippen?

Weltweit werden derzeit etwa sechs Prozent der Getreideernte zu Bioenergie verarbeitet. Und auf zwei bis drei Prozent der weltweiten Ackerflächen werden gegenwärtig Energiepflanzen angebaut. Das Problem ist: Wenn wir aus Klimaschutzgründen fossile Brennstoffe ersetzen wollen, ist die Palette begrenzt. Für uns ist entscheidend, dass die nachwachsenden Rohstoffe nachhaltig produziert werden. Deutschland war das erste Land, das die europäische Nachhaltigkeitsverordnung umgesetzt hat. Die Produkte, die nach Deutschland eingeführt und bei uns verwendet werden, müssen nachhaltig produziert werden. Im Klartext: Dafür dürfen keine Regenwälder abgeholzt werden.

Die Regierungen der entwickelten Länder könnten natürlich auch über die Grenzen des Wachstums nachdenken.

Das ist keine Lösung für das Problem. Fakt ist: Die Weltbevölkerung wächst und muss ernährt werden. Das Menschenrecht auf Nahrung darf nicht nur eine hohle Phrase sein!

Die Welternährungsorganisation FAO rechnet damit, dass der Bedarf nach Lebensmitteln bis zum Jahr 2050 weltweit um 70 bis 100 Prozent steigt. Ist das zu schaffen?

Ein Schlüssel zum Erfolg ist, die Nahrungsmittelproduktion im unmittelbarem Umfeld der wachsenden Weltbevölkerung zu steigern - also zuallererst in den Entwicklungsländern selbst. Mein Kollege Dirk Niebel und sein Entwicklungshilfeministerium arbeiten mit uns Hand in Hand für die Entwicklung der ländlichen Räume in den ärmsten Ländern. Denn dort gibt es noch große Flächen, die für die Landwirtschaft erschlossen werden könnten.

Im Gespräch sind auch Notvorräte von Lebensmitteln für die Armen. Gibt es eigentlich auch in Deutschland Nahrungsmitteldepots für Krisenzeiten?

Es gibt rund 100 Nahrungsmittellager, die über ganz Deutschland verteilt sind. In diesen werden beispielsweise Getreide, Reis und Hülsenfrüchte für den Notfall eingelagert. Die Lebensmittel müssen natürlich immer wieder ausgetauscht werden, damit sie nicht verderben. Zu verhindern, dass die Waren schlecht werden, ist zum Beispiel in den Entwicklungsländern ein großes Problem, das wir auch lösen müssen, um Ernteverluste zu minimieren und damit das Nahrungsangebot zu steigern und den Kampf gegen den Hunger zu gewinnen.

Wie lange kämen wir in Deutschland mit den Vorräten über die Runden?

Je nach eingelagertem Produkt zwischen einigen Tagen und mehreren Wochen.

Das Interview führte Heike Jahberg

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