Steuerfrei : Kunst nicht nur für die Galerie

Wer privat Kunst, Möbel, Wein oder Gold kauft, kann Gewinne nach Ablauf einer Spekulationsfrist steuerfrei kassieren.

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Am Tag, als Lehman Pleite ging, versteigerte Damien Hirst beim Londoner Auktionshaus Christie’s 150 Werke. Die Finanzwelt versank gerade im Strudel, da rissen sich Sammler um die Arbeiten des 45-jährigen britischen Künstlers. Das Ergebnis war gigantisch: 115 Millionen Pfund spielte der provokante Popstar der Kunstszene ein, der seit den Neunzigern gerne tote Kühe und Haie in Formaldehyd ausstellt. Kürzlich waren Arbeiten von Hirst auch in Berlin zu sehen, doch setzt der Künstler nicht mehr auf echtes Fleisch, sondern wählt Kunststoffe. „Der Sammler wegen“, wie er selbst sagt.

In der Tat: Der Kunstmarkt, mit einem geschätzten Volumen von 80 bis 100 Milliarden Euro in der Investmentwelt ein eher kleineres Licht, boomt wieder. Dabei sah noch vor Jahresfrist alles ganz anders aus. Die Umsätze der beiden Auktionshäuser Christie’s und Sotheby’s, die den Markt dominieren, waren 2009 um die Hälfte abgeschmolzen, Banken schlossen ihre Kunstabteilungen oder speckten ab, Galerien machten dicht.

Nun sei Kunst auf dem Weg zu neuen Umsatz- und Preisrekorden, sagt Thomas Gonzalez, Kunsthändler und Gründer der Berliner Kunstbeteiligungsgesellschaft Artbitrage. Vor allem Käufer aus Asien und Südamerika, die nach Porsche, Hermès und Louis Vuitton nun auch nach einem echten Picasso fragen, halfen, die Krise schnell zu überwinden. Angeblich kommt inzwischen jeder zweite bis dritte Kunstkäufer aus diesen Ländern. Zu einer Art Barometer habe sich hier der Preis entwickelt, den große Sammler für einen Andy Warhol zahlen, heißt es bei Artprice.com, nach eigenen Angaben führendes Unternehmen für Kunstpreisdaten. War der Preis eines Werks des US-Popart- Künstlers 2008 noch um 50 Prozent eingebrochen, erzielte Warhols „Men in her life“ kürzlich in New York 63 Millionen Dollar – 23 Millionen mehr als erwartet.

Auch in Deutschland mausert sich Kunst immer mehr zum Anlageobjekt, schließlich bieten Malereien, Plastiken oder Grafiken ästhetischen Genuss, Statussymbolik – und steuerliche Vorteile: Wer privat Kunst kauft, kann die Gewinne nach Ablauf einer Spekulationsfrist von einem Jahr steuerfrei kassieren. Dies gilt auch für Möbel, Wein, Schmuck oder Goldbarren – es sei denn, man handelt gewerbsmäßig. Auf Gewinne mit Kunstfonds und Kunstaktien fällt hingegen Abgeltungsteuer an.

Geld ist derzeit vor allem mit unstrittig etablierten Künstlern zu verdienen. Der Markt will nur Kunstwerke, die „sicher und klar sind“, weiß Gonzales. Gemeint seien damit Arbeiten der großen Stars, deren Marktwert und Historie unzweideutig erkennbar seien. Unter den lebenden Künstlern seien dies etwa Jeff Koons, Cy Twombly, Andreas Gursky, Damien Hirst oder der deutsche Maler Gerhard Richter.

Der Markt verdient gut am Boom: Auktionshäuser verlangen 17 Prozent Provision von Käufer und Verkäufer, bei Kunsthändlern sind Margen zwischen 50 und 150 Prozent die Regel. Gerade zeitgenössische Kunst, wissen die Experten von Artprice, habe zu alter Stärke zurückgefunden, die Verkäufe überträfen selbst Werke des Impressionismus. So erzielen die quietschrosa bis knallgrünen Arbeiten des japanischen Künstlers Takashi Murakami, der nach Jeff Koons derzeit als zweiter Provokateur im barocken Ambiente von Versailles ausstellen darf und schon als neuer Warhol gefeiert wird, Spitzenpreise. Für eine einzige Fotografie von Cindy Sherman, der derzeit gefragtesten Fotokünstlerin, zahlte ein Sammler kürzlich 2,8 Millionen Dollar.

„Dieser Trend wird sich fortsetzen“, ist Gonzalez sicher und rät deshalb, nicht auf namenlose Künstler zu setzen und auf deren Entdeckung zu hoffen, sondern in große Namen zu investieren. „Die Chancen, mit einem unbekannten Künstler einen künftigen Gerhard Richter zu erwischen, stehen bestenfalls bei 1 zu 10 000.“ Auch Edgar Quadt, Herausgeber des Magazins „Artinvestor“, empfiehlt, lieber in Künstler zu investieren, die „sich 30 bis 40 Jahre bewährt haben“, sieht jedoch auch Potenzial in Strömungen, die insgesamt im Kommen sind, etwa arabische und persische Kunst.

Wie im digitalen Zeitalter Zeitgeist und Preisgefüge im Wandel sind, zeigte gleichwohl eine Auktion im Oktober: Der Lehman-Insolvenz-Verwalter brachte die Kunstschätze der Bank unter den Hammer, darunter auch einen Damien Hirst, der aber durchfiel. Dafür wundert sich die Kunstwelt derzeit über ein neu erwachtes Interesse für Historienbilder des 19. Jahrhunderts, die eben noch als Geschmacklosigkeiten abgetan wurden. In den Datenbänken des Kunstportals Artfacts, das Ranglisten und Ratings anhand von internationaler Aufmerksamkeit, Ausstellungshäufigkeit in Museen und Preisen entwickelt hat, finden sich ältere Meister nicht auf den Plätzen. Dass selbst Namen wie van Gogh, Dalí oder Monet auf den Hitlisten erst weit hinten auftauchen, bedeutet natürlich nicht, dass sie weniger wert sind. Doch ist der Preis schwerer einschätzbar, weil nur viel seltener ein Werk überhaupt auf den Markt kommt. Nach Warhol und neben Richter und Sherman gehören vor allem Picasso, Bruce Naumann, Joseph Beuys, Sol LeWitt oder Louise Bourgeois zu den Publikumslieblingen, sagt Artfacts-Marketing-Chefin Safia Dickersbach. Unter den 100 gefragtesten Künstlern sind auch 14 Deutsche, neben Richter etwa der kürzlich verstorbene Sigmar Polke und Georg Baselitz. Noch nicht unter den Top 100, aber auf dem besten Weg dorthin ist auch der Leipziger Maler Neo Rauch. Über 700 000 Euro zahlte der Schauspieler Brad Pitt für das Werk „Etappe“.

Die meisten Sammler jedoch werden sich millionenschwere Spitzenkunst nicht leisten können. Wer sichergehen wolle, ein wertbeständiges und verkäufliches Kunstwerk zu wählen, solle daher kleinere, günstigere Arbeiten großer Künstler bevorzugen, sagt Gonzalez. Eine Grafik von Gerhard Richter sei etwa ab 5000 Euro zu haben. Der Kunstexperte hat mit seinem Start-up Artbitrage auch ein Konzept entwickelt, bei dem Anleger ihre Gelder bündeln und damit gemeinsam große Kunst kaufen können, inklusive Expertise und festgelegter Investmentdauer. Wer Kunst liebt und Profite schätzt, kann also hier, wie auch bei Kunstfonds, beispielsweise einen kleinen Bruchteil eines Gerhard Richter kaufen.

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