Steuerstreit : Das große Schreddern

Der Verlag Cross Cult vernichtet derzeit große Teile seines Lagers. Serien wie "Sleeper" oder "Whiteout" sind in Kürze nicht mehr auf Deutsch erhältlich. Schuld ist das Finanzamt, heißt es. Auch der Berliner Verlag Reprodukt könnte nächstes Jahr betroffen sein.

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Auch Greg Ruckas preisgekrönte Serie "Whiteout", hier eine Seite aus dem ersten Band, wird nun nicht mehr erhältlich sein.
Auch Greg Ruckas preisgekrönte Serie "Whiteout", hier eine Seite aus dem ersten Band, wird nun nicht mehr erhältlich sein.Cross Cult

Die Nachricht kam auch für Comicfans überraschend. Bekannte und hoch gelobte Bücher wie Ed Brubakers Serie „Sleeper“ oder Greg Ruckas „Whiteout“ werden neben Robert Vendittis "The Surrogates" und einer ganzen Reihe weiterer Bücher ab Ende August nicht mehr lieferbar sein. Der Verlag Cross Cult, bei dem die Titel auf Deutsch erscheinen, schreddert große Teile seiner Lagerbestände. Verantwortlich seien jedoch nicht mangelnde Verkäufe, heißt es. Die Schuld trage das Finanzamt.

Laut Verleger Andreas Mergenthaler wurde der Verlag 2011 einer routinemäßigen Steuerprüfung unterzogen. Ergebnis: „Das Finanzamt bezifferte den Wert der Lagerbestände deutlich höher als wir, und Ende 2012 wurde uns mitgeteilt, dass wir 60 000 bis 70000 Euro an Steuern nachzahlen sollen“, erzählt Mergenthaler. Zu viel für den kleinen Verlag. Mergenthaler sah als einzigen Ausweg die Verringerung des Warenwerts des Lagers, vulgo: die Vernichtung von Büchern.

"Alles Einzelfallentscheidungen" heißt es vom Finanzamt

Das Problem ist, dass laut dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels zwar Richtlinien existieren, wie Lagerbestände von Büchern zu bewerten sind, diese aber sehr unterschiedlich ausgelegt werden können. „Grundsätzlich sind das jeweils Einzelfallentscheidungen“, heißt es auch aus dem Finanzamt Ludwigsburg, wo Cross Cult ansässig ist.

Frieder Maier, der mit der „Sammlerecke“ eines der größten deutschen Comic-Antiquariate betreibt, kennt das Problem. Er hat mehr als eine Million Comics auf Lager. „Nicht jeder alte Comic ist aber viel Geld oder auch nur seinen Neupreis wert“, sagt er. „Das erste Micky-Maus-Heft von 1951 kann durchaus 10 000 Euro kosten, eines aus den 1980er Jahren fast nichts.“ Deshalb kämen Finanzamt und Firmen immer wieder zu unterschiedlichen Bewertungen.

Die meisten Verlage haben sich mit dem Umstand arrangiert. Bei Carlsen werden mitunter Bücher aus steuerlichen Gründen eingestampft, räumt Programmleiter Ralf Keiser ein. Auch Reprodukt kennt das Thema. „Wir werden wohl im nächsten Jahr betroffen sein, wenn wir erstmals bilanzieren müssen“, sagt Sebastian Oehler, Vertriebschef in dem Berliner Verlag, in dem auch die Bücher von Charles Burns oder Daniel Clowes erscheinen. „Das könnte dann durchaus ein Problem darstellen.“ Nicht nur ein ein logistisches oder finanzielles. „Die Backlist ist ja so etwas wie die Seele des Verlages.“

Derzeit gibt es nur Verlierer: Verlag, Finanzamt und Leser

Theoretisch bestünde die Möglichkeit, Comics wie Periodika zu behandeln. Dann hätte nur die aktuelle Nummer den Handelswert, der Rest würde zu Ramschpreisen bewertet. Bei Comics, die in Deutschland häufig als Sammelbände in Buchform erscheinen, ist das jedoch schwierig. Kreativere Geister könnten noch auf die Idee kommen, die Lagerbestände an eine eigens gegründete Firma im Ausland auszulagern und dann bei Bedarf zurückzukaufen. Der Aufwand übersteigt jedoch regelmäßig den Nutzen.

Alternativ, heißt es beim Börsenverein, könnten die Bücher nur noch über das Moderne Antiquariat verkauft werden. Das würde sie von der Buchpreisbindung entkoppeln. Allerdings würden die Verlage dann auch den Markt fluten, was einen Preisverfall nach sich ziehen und mögliche Gewinne minimieren würde. Diesen Schritt wählt also auch kaum ein Verlag.

Eine Änderung der verfahrenen Praxis ist derzeit nicht in Sicht. Antiquar Maier empfiehlt deshalb, sich möglichst frühzeitig um eine Lösung mit dem Finanzamt zu bemühen, damit es nicht zu einem Fall wie bei Cross Cult kommt, der jetzt nur Verlierer kennt: Der Verlag verliert seine Bücher, das Finanzamt sein Geld und die Leser den Zugriff auf mitunter preisgekröntes Kulturgut.

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