Stream-On-Option der Telekom : Lockangebot mit Tücken

Die Deutsche Telekom macht mobiles Surfen attraktiver. Doch Anbieter wie Vimeo lehnen die Teilnahme am Stream-On-Programm ab.

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Mehr Daten für Selfies: Doch das Angebot ist umstritten.
Mehr Daten für Selfies: Doch das Angebot ist umstritten.Foto: dpa/Maja Hitij

Auf den ersten Blick wirkt das Angebot der Deutschen Telekom für Kunden ziemlich verlockend: Wer sich für die so genannte Stream-On-Option entscheidet, bekommt deutlich später die nervige Ihr-Datenvolumen-ist-aufgebraucht-Sie- surfen-nun-mit-verminderter-Geschwindigkeit-SMS. Denn bei dem Dienst werden aufgerufene Videos und Musik von Partnern wie Youtube, Netflix, Apple Music oder Amazon Prime Music und Video nicht auf das mobile Datenvolumen angerechnet. Das kommt an: Sechs Wochen nach dem Start haben sich nach Angaben der Telekom bereits 115 000 Kunden für die Teilnahme angemeldet. Auf der morgigen Hauptversammlung dürfte Konzernchef Timotheus Höttges es als eines der Erfolgsbeispiele für Innovationen nennen. Schließlich setzt T-Mobile schon länger auf dieses Konzept, es gilt als einer der Gründe für den Erfolg der US-Tochter.

Verbraucherschützer fordern Verbot von Telekoms Stream-On-Dienst

Und doch hat Stream-On auch einige Haken. Denn das volle Angebot gilt nur für Kunden mit einem teuren Mobilfunkvertrag: wer bei Stream-On Videos nutzen möchte, muss einen MagentaMobil-L-Tarif für derzeit 47 Euro haben. Zudem wird die Bildqualität für alle Videos reduziert. Verbraucherschützer sehen die Offerte noch aus anderen Gründen kritisch. „Es verringert auf lange Sicht die Wahlfreiheit und führt zu höheren Mobilfunkpreisen“, kritisiert Florian Glatzner, Medienexperte beim Verbraucherzentrale Bundesverband (Vzbv). Denn Kunden würden eben eher Inhalte der ZDF Mediathek nutzen, die am Programm teilnimmt, und nicht von der ARD. Es sollte stattdessen Tarife geben, die von vornherein ein ausreichendes Datenvolumen zu einem angemessenen Preis zur Verfügung stellen. Glatzner fordert sogar: „Die Bundesnetzagentur sollte das Angebot verbieten“. Denn es verletze die sogenannte Netzneutralität.

Die Regulierungsbehörde in Bonn prüft Stream-On seit einiger Zeit. Mit einer Entscheidung ist aber frühestens in einigen Wochen zu rechnen, derzeit werden die Stellungnahmen von Unternehmen, Verbänden und anderen Institutionen ausgewertet. Das von der EU festgeschriebene Prinzip der Netzneutralität besagt, dass Daten unterschiedlicher Anbieter im Netz gleich behandelt werden müssen. „Wir sind für alle Partner offen“, argumentiert die Telekom. Da jeder bei Stream-On teilnehmen könne, läge keine Diskriminierung vor.

Vimeo lehnt Teilnahme an Stream-On ab

Doch ganz so einfach ist es für interessierte Partner offenbar nicht. So hat sich das US-Videoportal Vimeo beispielsweise dagegen entschieden. „Wir haben dafür keine Ressourcen in unserem Team“, schreibt das Unternehmen in einer Stellungnahme an die Bundesnetzagentur, die dem „Tagesspiegel“ vorliegt.

Vimeo begründet die Absage mit dem technischen Aufwand und den Teilnahmebedingungen. So müssten die Partner technische Änderungen am eigenen Dienst der Telekom vier Wochen vorher melden. „So einer Vorgabe können wir nicht zustimmen“, erklärt Vimeo.

Man benötige die Flexibilität um Änderungen zu testen, auf unerwartete Probleme zu reagieren und „nach unserem Zeitplan Neuerungen zu entwickeln“. Auch andere Interessenten kritisieren die Vier-Wochen-Frist. „Das ist schlimmer als der Zertifikationsprozess für iPhone-Apps bei Apple“, sagt Timo Hetzel. Er produziert Videos und den Podcast „Bits und so“. Doch gerade für kleinere Anbieter berge eine Teilnahme unkalkulierbare Risiken. Denn die müssten für technische Fehler bei der Identifikation der Nutzerdaten und möglicherweise falsch berechnete Daten haften. „Eine kleine Fehlkonfiguration, und bis zu 50 000 Euro sind fällig“, fürchtet Hetzel. Doch auch Vimeo, mit monatlich fast einer Viertelmillion Nutzer weltweit eines der größten Videoportale, führt das als Grund für die Absage an: „Wir sind nicht gewillt, in solchen Fällen zu haften“.

Große Partner wie Spotify fehlen weiterhin

Dagegen entgegnet ein Telekom-Sprecher: „Die Barrieren sind nicht hoch, das sieht man auch an kleinen Partnern, die demnächst hinzukommen.“ Zum ersten Mal seit dem Start wird das Angebot am 1. Juni ausgeweitet. Künftig sollen monatlich weitere Partner hinzukommen. Nun werden erst einmal sechs Videodienste und sechs Musikanbieter aufgenommen, vor allem regionale Radiosender. Die Namen will die Telekom noch nicht nennen.

Viele große Partner wie Spotify, Soundcloud, Deezer oder Maxdome fehlen aber weiterhin. „Wir verhandeln noch mit der Telekom und können daher keinen Zeitplan nennen“, sagt ein Sprecher des Musikstreamingdienstes Spotify. Dabei geht es eher um technische Fragen, etwa ob man das Angebot nur zahlenden Premium-Kunden zugänglich machen kann.

Die ARD prüft derzeit noch, ob man sich überhaupt beteiligen will. Bei den Landesrundfunkanstalten soll es dabei sehr unterschiedliche Auffassungen geben, im Vorfeld der EU-Regulierung hatten sie sich für die Netzneutralität ausgesprochen.

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