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Stresstest für Banken : Deutsche Bank und Commerzbank gelten als anfällig

Vor allem italienische Banken bekämen im Krisenfall Probleme, zeigt der Stresstest. Aber auch deutsche Institute schneiden nicht gut ab. Dabei ist der Test Kritikern noch nicht streng genug.

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Die Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt am Main.
Die Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt am Main.Foto: Daniel Roaldn/AFP

Sicherer sollten die Banken werden, eine neue Finanzkrise besser überstehen. Viele europäische Institute sind davon allerdings noch weit entfernt. Das zeigt der Stresstest, den die Bankenbehörde EBA bei 51 Geldhäusern durchgeführt hat. Dabei haben längst nicht nur die italienischen Banken Probleme. Auch zwei irische Geldhäuser, die in der Finanzkrise vom Staat gerettet worden sind, und die österreichische Raiffeisen Zentralbank (RZB) offenbarten Schwächen. Auch die beiden deutschen Großbanken, Deutsche Bank und Commerzbank, zählen zu den eher schwachen Kandidaten. Die Institute hätten ihre Kapitalpolster in den vergangenen Jahren gestärkt, seien aber noch nicht völlig gesund, sagt EBA-Chef Andrea Enria. „Es liegt noch einiges an Arbeit vor uns.“

Wie die deutschen Banken abschneiden

Die deutschen Institute schneiden im Stresstest längst nicht so gut ab wie erhofft: Deutsche Bank und Commerzbank zählen gemessen an ihrer Kapitalausstattung zu den schwächsten zehn Instituten Europas. Ihr Kapital reicht nur so gerade aus, um nicht unter die Schwelle zu fallen, ab der Experten Warnungen aussprechen: Bei einer Kernkapitalquote von sieben Prozent beginnen sie, sich Sorgen zu machen. Die Deutsche Bank kommt auf 7,8, die Commerzbank auf 7,4 Prozent.

Grafik: Tsp


Die Banken selbst sind dennoch nicht unzufrieden: „Wir sind 2016 mit einem besseren Ergebnis aus dem Test herausgekommen als 2014, obwohl der diesjährige Test anspruchsvoller war“, sagt John Cryan, Chef der Deutschen Bank. „Der Stresstest zeigt, dass die Bank auch für härtere Zeiten gewappnet ist.“ Bei der Commerzbank klingt das ähnlich. Risikovorstand Marcus Chromik sagt: „Die Commerzbank ist widerstandsfähig und stressresistent.“
Finanzexperten schätzen ihre Lage dagegen etwas anders ein. „Beruhigen kann einen dieser Stresstest nicht“, sagt Dirk Schiereck, Bankenprofessor an der TU Darmstadt. Es sei erstaunlich, dass die deutschen Großbanken trotz aller Bemühungen in den letzten Jahren nicht weitergekommen seien. Schaut man sich die Zahlen genauer an, verstärkt sich dieser Eindruck. So argumentieren die Banken, wie auch die EBA, vor allem mit der Kernkapitalquote: also dem Eigenkapital im Verhältnis zu den Risiken. Viele Ökonomen halten dagegen eine andere Kennzahl für ausschlaggebend: Eigenkapital im Verhältnis zur Bilanzsumme (die sogenannte Leverage Ratio). Diese Zahl gilt als verlässlicher, da man sie klar berechnen kann – anders als die Risiken, die schwer vorherzusehen sind.

Schaut man sich diese Kennzahl an, fallen gleich drei deutsche Institute durch. Experten halten eine Leverage Ratio von drei Prozent für angemessen – und Deutsche Bank (2,96 Prozent), NordLB (2,99 Prozent) und Bayern LB<TH>(2,8 Prozent) liegen knapp darunter. Die Commerzbank schafft es mit 3,04 Prozent nur so gerade über die entscheidende Marke. Deshalb sagt Clemens Fuest, Chef des Münchner Ifo-Instituts, dann auch: „Die Banken brauchen mehr Eigenkapital, nicht nur in Italien.“

Bankenprofessor Schiereck glaubt jedoch nicht, dass die deutschen Institute dieses Problem entschieden angehen. „Die naheliegendste Lösung wäre eine Kapitalerhöhung“, sagt Schiereck. Das heißt, die Institute könnten sich über die Ausgabe neuer Aktien frisches Geld bei Investoren besorgen. Doch John Cryan, Chef der Deutschen Bank, hat das für sein Haus bereits im Vorfeld des Tests ausgeschlossen. Ein solcher Schritt würde die bisherigen Aktionäre stark belasten, ihre Anteile würden verwässert. Das will die Bank angesichts des ohnehin schon schwachen Aktienkurses vermutlich um jeden Preis verhindern.

Wie es um die Italiener steht

Sorgen machen müssen sich die Europäer wie erwartet vor allem um die italienischen Institute – allen voran um die älteste Bank der Welt, Monte dei Paschi. Sie schnitt so schlecht ab wie sonst kein anderes Institut in Europa. Das größte Problem der Bank aus Siena sind die vielen faulen Kredite: Sie hat 360 Milliarden Euro verliehen, die die Kunden sehr wahrscheinlich nicht mehr zurückzahlen können. Nur eine Stunde, bevor die Stresstestergebnisse veröffentlicht wurden, hat das Institut deshalb einen Rettungsplan vorgelegt. Das Institut will mehr als die Hälfte seiner faulen Kredite loswerden und eine Kapitalerhöhung über fünf Milliarden Euro umsetzen. Rückendeckung bekommt Monte dei Paschi dabei von anderen Banken. Ein Konsortium von italienischen und ausländischen Instituten – unter ihnen sollen die Deutsche Bank, Credit Suisse und Goldman Sachs sein – soll die Ausgabe neuer Aktien absichern.
Sven Giegold, Europaparlamentarier der Grünen, mahnte jedoch an, man müsse prüfen, ob bei diesem Deal nicht auch staatliche Garantien im Spiel seien. Ist das der Fall, könnte Italien damit gegen die Beihilferegeln der EU verstoßen. Staaten dürfen Banken inzwischen nur in Ausnahmefällen retten. Stattdessen sollen erst die Gläubiger der Bank einspringen: also alle, die Aktien oder Anleihen dieser Institute halten. Im Falle von Monte dei Paschi sind das zum einen sehr viele Kleinsparer – zum anderen aber auch Großbanken wie die Deutsche Bank oder Beteiligungsfirmen wie Blackrock.

Warum es Kritik am Stresstest gibt

Politiker und Ökonomen kritisieren die Ausführung des Stresstests zum Teil heftig. Viele stört allein schon die Auswahl der überprüften Geldhäuser. So sind diesmal sehr viel weniger Institute untersucht worden als noch 2014. Zwar stehen die geprüften 51 Institute für 70 Prozent der Bilanzsumme aller europäischen Banken. Viele Wackelkandidaten blieben so jedoch außen vor: Weder aus Portugal noch aus Griechenland wurde eine Bank getestet. „Das macht den Stresstest zu einer reinen Beruhigungsmaßnahme für die Öffentlichkeit“, sagt Bankenprofessor Schiereck.

Dazu kommt, dass die Prüfer bei ihrem Test die niedrigen Zinsen nicht berücksichtigt haben – dabei bereiten gerade die den Banken große Probleme. Auf kurze Sicht seien beim Stresstest stattdessen viel zu hohe Zinssätze unterstellt worden, kritisiert Grünen-Politiker Giegold. Das würde selbst marode Banken noch als solvent erscheinen lassen. „Der Bankenstresstest gibt nur eine naive Scheinsicherheit“, sagt er.

Auch Lothar Binding, finanzpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag, sieht Schwachstellen – vor allem, was die Beurteilung von Staatsanleihen in den Büchern der Banken angeht. „Risiken aus Staatsanleihen sind im Stresstest nicht berücksichtigt worden“, kritisiert er. Dahinter steht ein grundsätzliches Problem: Wenn Banken Unternehmen Kredite geben, müssen sie dafür sicherheitshalber Geld zur Seite legen – leihen sie dagegen dem eigenen Staat über Anleihen Geld, ist das nicht der Fall. Das heißt: Banken dürfen Staatsanleihen aus dem eigenen Land als risikolose Anlage betrachten. „Das ist in der derzeitigen Situation Europas mehr als heikel“, kritisiert Binding. Zumal die Griechenlandkrise deutlich gezeigt habe, dass Staatsanleihen eben keine risikolosen Papiere sind.

Was aus dem Test folgt

Anders als in der Schule gibt es beim Stresstest weder Nachsitzer noch Hausaufgaben. Die Bankenbehörde zieht aus den Ergebnissen vorerst selbst keine Konsequenzen. Sie erteilt also keinem Institut die Auflage, ihr Kapitalpolster sofort aufzustocken. Stattdessen leitet sie die Ergebnisse nur an die Aufseher der Banken weiter, die sie bei ihren weiteren Prüfungen und Gesprächen mit den Instituten berücksichtigen sollen. Ökonomen halten das für problematisch.

"Der Stresstest kann auf diese Weise kaum das Vertrauen in den Bankensektor stärken“, sagt Dorothea Schäfer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Solch einen Test könne man sich eigentlich auch schenken. Zumal die Erfahrungen mit den letzten Stresstests gezeigt hätten, dass kaum Konsequenzen gezogen worden seien. So haben die italienischen Banken bereits 2014 extrem schlecht abgeschnitten – aber kaum etwas daraus gelernt.
Isabel Schnabel, Ökonomin und Mitglied im Sachverständigenrat, sieht das ähnlich. „Es bleibt intransparent, wie und ob sich die Stresstestergebnisse in regulatorische Kapitalanforderungen übersetzen werden.“ Sie glaubt eher nicht, dass die Aufseher die Banken nun hart rannehmen und mehr Kapital fordern werden. „Das macht den Stresstest zu einem zahnlosen Tiger“, sagt sie. Abwarten müsse man jedoch, wie die Märkte am Montag reagieren. „Deren Druck könnte stärker ausfallen als der der Aufseher.“


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