Tarifstreit bei Pin-AG : Wer nicht streikt, kriegt 500 Euro

Ein Tag Arbeitsverbot für jeden Streiktag: Briefdienstleiter Pin schlägt im Tarifstreit mit der Gewerkschaft Verdi radikal zurück, denn gerade in der Vorweihnachtszeit macht das Unternehmen seinen Hauptumsatz.

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Die Beschäftigten fühlen sich von Pin unter Druck gesetzt und streiken. Das Unternehmen ist empört.
Die Beschäftigten fühlen sich von Pin unter Druck gesetzt und streiken. Das Unternehmen ist empört.Foto: picture-alliance/ dpa

Es ist ein dürrer Aushang, mit dem die Geschäftsleitung des Postzustellers Pin AG eine neue Eskalationsstufe im wochenlangen Tarifstreit mit der Gewerkschaft Verdi einleitet: „Aussperrung!“ steht in dicken Lettern darüber geschrieben. Verdi fordert für jeden Zusteller im Monat rund 150 Euro brutto mehr. Das sei existenzbedrohend und gefährde „alle Arbeitsplätze“, entgegnet Pin und reagiert radikal: Wer sich am Streik beteiligt hat, den lässt Pin für die gleiche Anzahl an Tagen nach dem Streik nicht mehr arbeiten und der bekommt auch kein Geld. Die Aussperrung ist wohl eines der härtesten Mittel, das Arbeitgeber im Arbeitskampf anwenden dürfen. Und es wird selten angewendet. Zuletzt 1991, heißt es bei Verdi. Für Pin steht viel auf dem Spiel, der Streik gefährdet lukrative Umsätze mit der Weihnachtspost.

Etwa 750 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen im Bereich Zustellung. Rund 250 von ihnen haben vergangenen Freitag und Samstag gestreikt. Dann kam die Aussperrung. Als Reaktion darauf rief die Gewerkschaft die Mitarbeiter nun zu einem unbefristeten Streik auf.

60 Euro Gehaltserhöhung in zehn Jahren

Einer der Streikenden ist ein Zusteller aus Reinickendorf. Aus Angst vor Repressalien will er seinen Namen nicht nennen. Seit zehn Jahren arbeitet er für Pin. Sein Einstiegsgehalt lag bei 1380 Euro. Inzwischen verdient er gerade einmal 60 Euro im Monat mehr. „Ich streike auf jeden Fall weiter“, sagt er. Und das, obwohl Pin-Vorstandschef Axel Stirl sich persönlich in einem dramatisch formulierten Brief, der dem Tagesspiegel vorliegt, an die Mitarbeiter wandte: „Wir werden Ihnen mit dem Januargehalt eine Prämie auszahlen, wenn Sie sich an einem solchen Streik nicht beteiligen“, verspricht Stirl darin. Die Prämie liege bei 500 Euro. 300 davon sollen noch vor Weihnachten überwiesen werden. „Verdi verkennt, dass mehr als zuletzt angeboten nicht aus dem Unternehmen herauszupressen ist. Es ist einfach nicht mehr da“, schreibt Stirl weiter. Auf 50 Euro mehr brutto belief sich das letzte Angebot, das Pin Verdi machte. Nun verspricht Stirl den Beschäftigten in dem Schreiben zwischen 70 und 120 Euro mehr im Monat. An Verdi sei dieses Angebot aber nicht herangetragen worden, sagt Benita Unger, die für die Gewerkschaft an den Verhandlungen teilnimmt.

Land Berlin ist größter Kunde

Eine Pin-Sprecherin verteidigte das Vorgehen. Die Aussperrung gelte nur für einen beziehungsweise zwei Tage und sei nach Ausruf des unbefristeten Streiks hinfällig geworden. Die Folgen für das Unternehmen ließen sich noch nicht abschätzen. In einer Pressemitteilung hatte Pin gewarnt, Kunden seien durch die Verzögerungen bereits abgesprungen. 700 tägliche Sendungen, die so verloren gingen, kosteten einen Arbeitsplatz, hieß es. Es sei unverantwortlich, dass Verdi versuche, Einzelinteressen durchzudrücken.

Größter Kunde der Pin AG ist das Land Berlin. Fast die gesamte behördliche Post wird über den Dienstleister abgewickelt. Senatssprecher Richard Meng sagte, man werde sich nicht in die laufenden Tarifverhandlungen einmischen. „Natürlich wünschen wir uns gute Arbeitsbedingungen bei den Firmen, mit denen wir kooperieren“, sagte Meng weiter. Als Richtlinie gelte ein Mindestlohn von 8,50 Euro. Verdi hatte vom Senat gefordert, den Vertrag mit Pin „streng zu prüfen“. Im Oktober 2014 wird er neu ausgeschrieben.

Das Bundesarbeitsministerium hatte 2007 eine Lohnuntergrenze für Briefträger von 9,80 Euro pro Stunde für allgemeinverbindlich erklärt. Dieser Beschluss war aber später vom Bundesverwaltungsgericht gekippt worden. 2012 verklagte Pin die Bundesregierung wegen der in der Zwischenzeit zu viel gezahlten Löhne auf einen Schadenersatz von fünf Millionen Euro. Allerdings ohne Erfolg.

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