Wirtschaft : Teppiche zu Feldern, Möbel zu Felsbrocken

Wie sieht die Innenarchitektur der Zukunft aus? Alles wird variabler in der Zimmerlandschaft – sagen Trendforscher des Projektes „e-wohnen 2022“ in Berlin

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Wie werden wir in Zukunft wohnen? Eine zentrale Frage für Architekten, Designer und Projektentwickler. Dabei geht es vor allem darum, wie man mit Raum und Licht umgeht, wie verschiedene Lebensbereiche gestaltet und verknüpft werden. Daran schließen sich auch Fragen nach der Lebenskonzeption an. Wie vernetzen wir Wohnen und Arbeiten? Welchen Stellenwert hat die Privatsphäre? Wie wichtig ist die Integration der Außenwelt im Innenraum? Welche Formensprachen stehen zur Verfügung?

Für Trendforscherin Li Edelkoort steht fest, dass wir unsere Beziehung zur Natur intensivieren müssen. „Wir sollten die Natur beobachten und von ihr lernen, um ihre Formen und Techniken nachzuahmen und ihre Evolution zu nutzen“, sagt sie und folgert, dass die Innenarchitektur der Zukunft wie Landschaftsgestaltung sein wird. „Teppiche werden ausgelegt wie Felder, abstrakte Möbelstücke stellen Felsen dar, und wir schlafen auf Feldern, arrangiert aus Kissen und Decken. Tapeten werden einem üppigen, tropischen Dschungel gleichen, während Stoffe im Wind wehen wie Gräser auf einer Wiese.“ In ihrer Vision wird jeder zum Landschaftsgärtner und kann seiner Kreativität freien Lauf lassen. Dabei sei das Design der Zukunft von den Farben der Natur geprägt.

Darüber hinaus stellt Kommunikationsdesigner Peter Wippermann fest, dass in der modernen Netzwerkgesellschaft, in der die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit durchlässiger wird, die Bedeutung der eigenen Wohnung steigt. Außerdem werde sich das Design des 21. Jahrhunderts immer mehr von industriellen Konditionen befreien. „Alles wird gestaltbar“, schreibt er in der aktuellen Stilwerk Trendstudie, „moderne Materialien, neue Technologien und High-Tech-Herstellungsmethoden ermöglichen es Designern, die Grenzen der Ästhetik herauszufordern.“ Das Wohnumfeld wird dabei mehr und mehr zum direkten Spiegel persönlicher Bedürfnisse, Wohnen zum Ausdruck von Persönlichkeit und Lebensgefühl.

Der demografische Wandel und der Siegeszug der Onlinewelt werfen die Frage nach Vernetzung und Flexibilisierung von Immobilien auf. Eine Lösung bietet das Bau-Medien-Projekt „e-wohnen der zukunft“ mit seinem Projekt 4: In ein ehemaliges Fabrikgebäude zieht jetzt die Zukunft ein. Multifunktionale Architektur, mobile Wände, interaktives Feedback von Möbeln und Architektur, intelligentes Energiemanagement, nachhaltige Baumaterialien, Barrierefreiheit und Serviced Living sind die Stichworte, die das präsentierte Konzept „e-wohnen 2022“ umfasst.

Wenn es nach dem Berliner Projektentwickler Sanus geht, soll es aber nicht nur bei solchen Showrooms bleiben. Für die Realisation von Zukunftsvisionen wurde dieses Jahr unter der Marke „B-Unique – Berlin Apartments by Sanus“ ein Wettbewerb für Nachwuchsarchitekten und -designer ausgeschrieben. Ziel war es, für drei Neubauvorhaben in Friedrichshain und Charlottenburg neue Gestaltungsmöglichkeiten zu finden, die realisierbar sind. Gesucht wurden Ideen, die Wohnen und Leben als Gesamtkonzept begreifen, den Kiez in die Wohnung holen und modernen Lebensweisen gerecht werden. Von der Jury prämiert wurden schließlich zwei Entwürfe, die kleine Wohnungen, ganz im Sinne von Li Edelkoort, in interessante Wohnlandschaften verwandeln.

So lebt das großzügige Raumgefühl des nur 44 Quadratmeter großen „Max Apartment“ des Jungarchitekten Le Van Bo vom mittig gesetzten WC-Block und den ebenfalls mittig angeordneten Möbeln, die Van Bo selbst entworfen hat. Unter dem Label „Hartz-IV“ hat der Bauhausfan zeitlose Klassiker für jeden nachbaubar gemacht und hier als mobile Elemente eingesetzt. „Die zentrale Anordnung der Möbel eröffnet immer neue Sichtachsen und ermöglicht einem, mit wenigen Handgriffen das eigene Leben zu verändern“, sagt Van Bo. Denn außer dem Bad gibt es im „Max Apartment“ keine Zimmer, nur ein Podest teilt den Raum zusätzlich in ein Oben und Unten. Der Name des Entwurfs gleicht denn auch einem Wortspiel und bezieht sich einerseits auf den Standort in der nach dem Chemiker Max von Pettenkofer benannten Straße, zum anderen deutet er auf den Entwurf selbst, der aus einer kleinen Fläche das Optimum herausholt.

Der zweite Gewinnerentwurf „RAL 7035“ für eine 46-Quadratmeter-Wohnung stammt von einem Studentinnenkollektiv der Fachhochschule (FH) Potsdam und bezieht sich auf einen Grauton, den die angehenden Produktdesignerinnen als Extrakt Berlins identifiziert haben. „Berlin hat genau dieses Grau, wenn man es auf ein Pixel reduziert“, sagt Julia Oberndörfer stellvertretend für die Gruppe. Das war die Inspiration, ihr Raumkonzept nicht nur auf verschiedenen Ebenen bis hin zum luftigen Schlafnest unter der Decke anzuordnen, sondern sich für Beton als Material zu entscheiden. „Die Menschen bringen die Farbe nach Berlin“, sagt Oberndörfer. „Das soll in unserer Wohnung auch so sein.“ Wie im „Max Apartment“ gibt es auch hier keine Zimmer. Die Gliederung in verschiedene Bereiche entsteht durch Objekte. Hier sind es ein Tisch, der Badwürfel, die Küchenzeile und das Schlafnest. Zielgruppe ist die digitale Boheme, Großstadtnomaden, die Flexibilität und dennoch Ordnung suchen, einen Platz, an dem sie sich kreativ austoben können und gleichzeitig Ruhe finden.

Beide Konzepte sollen jetzt als Musterwohnungen gebaut werden, um die Visionen erlebbar zu machen. Sie sollen aber auch in den tatsächlichen Bau einfließen. „Für uns steht die Machbarkeit im Vordergrund“, sagt Marc Wiese, Vorstand der Sanus AG. Die Flexibilisierung von Wohnraum sei neben dem Green Building der größte Trend.

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