Terror-Gefahr : Die Sicherheitsbranche unter Druck

Strenger sein, genauer hinsehen: Die Sicherheitsbranche steht seit den Anschlägen in Paris unter Druck. Auch weil es Kritik an der Ausbildung gibt.

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Sicherheitsmänner in Berlin auf dem Weg zur Arbeit.
Sicherheitsmänner in Berlin auf dem Weg zur Arbeit.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Fußballfans müssen sich auf längere, intensivere Einlasskontrollen einstellen. Körperscanner stehen zur Debatte. Beim Weihnachtsmarkt auf dem Gendarmenmarkt sind Rucksäcke verboten. Strenger sein, genauer hinsehen, die Sicherheitsbranche steht seit den Anschlägen in Paris unter Druck.

In dem Gewerbe arbeiten derzeit 200000 Menschen. Bei der Polizei sind es rund 250000. Mehr als die Hälfte der Sicherheitsmänner kontrolliert den Einlass von Stadien oder Konzerthallen. Im Bereich der Geldüberwachung oder Flughafensicherheit arbeiten je zehn Prozent. Im letzten Jahr lag der Umsatz bei 5,3 Milliarden Euro. Vor den Terroranschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 waren es 3,4 Milliarden. Der Markt wächst mit dem Gefühl der Angst. Dem Bedürfnis nach Sicherheit.

Nicht mehr als 40 Stunden Unterricht

Vorab haben die meisten Security-Mitarbeiter einen Kurs der Industrie- und Handelskammer (IHK) besucht. 40 Stunden reichen für Angestellte aus. 80 Stunden, um selbstständig zu sein. In diesem Jahr rechnet die IHK mit 1100 Absolventen und 66 Kursen. Obwohl nur 22 geplant waren. Die Branche vergrößert sich seit Jahren, aber seit ein paar Monaten ist die Nachfrage besonders hoch. Es ist ein Resultat der Flüchtlingskrise. Die Menschen aus Syrien und Afghanistan kommen in Turnhallen unter, in Heimen, die von Security-Firmen bewacht werden. Neue Arbeitsplätze sind entstanden.

Neben dem IHK-Lehrgang gibt es zwei Ausbildungsmöglichkeiten. Zwei Jahre braucht es zur Servicekraft, drei Jahre zur Fachkraft im Schutz- und Sicherheitsbereich. Die Mehrheit wählt aber den schnellen Weg. Die 40 oder 80 Stunden. Bei dem Lehrgang gibt es keine Voraussetzungen wie einen Schulabschluss und keine Abschlussprüfung. Seit Langem kritisiert der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW) die geringe Qualifizierung. Nur sind die Mitarbeiter dadurch billig. Und das sei vielen Betrieben wichtiger als ein vernünftiges Zertifikat.

Es werde Zeit, Schusswaffen zu tragen

Was die Teilnehmer lernen, sind Rechtsgrundlagen. Erste Hilfe und Sicherheitstechniken. Sie üben, wie sie Konflikte entschärfen, die Nerven bewahren, sich selbst verteidigen. Ein Thema ist der Umgang mit Waffen. Gängig sind Waffen in heiklen Bereichen wie dem Personenschutz oder der Bewachung von Geldtransportern. Der Betrieb muss darüber hinaus für jeden Auftrag eine offizielle Genehmigung einholen. Mitarbeiter brauchen einen Waffenschein. Abgesehen davon gelten Jedermannsrechte: Eskaliert es, darf die Security Menschen vom Gelände führen. Bei einer Schlägerei darf sich ein Mitarbeiter wehren.

Wenige Tage nach den terroristischen Angriffen in Paris schreibt ein Sicherheitsmann in einem Internetforum: Es werde Zeit, Schusswaffen tragen zu dürfen. Ein anderer macht das versuchte Attentat im Stade de France zum Thema. Beim Einlass hätten sie die Sprengstoffweste des Terroristen zwar früh genug entdeckt, aber, fragt er: „Was mach ich, wenn ich eine solche Weste entdecke?“ Eine Sprecherin vom BDSW sagt: „Die Mitarbeiter können weiterhin Menschen abtasten und Taschen kontrollieren. Für mehr braucht es ein gut funktionierendes Sicherheitskonzept.“

Ein neues Was-ist-wenn-Szenario

Jemand, der sich mit solchen Konzepten auskennt, ist Marcel Kuhlmey. Er hat den Berliner Marathon und den Karneval der Kulturen mitgeplant. An der Hochschule für Wirtschaft und Recht lehrt er Risiko- und Krisenmanagement. Viele Studiengänge im Sicherheitsbereich gibt es nicht.

Vor einer Großveranstaltung geht Kuhlmey die möglichen Risiken durch: Was ist, wenn es draußen stürmt? Wenn es brennt? Gibt es genug Fluchtwege? Sind sie gekennzeichnet? Funktionieren die Lautsprecher? Was ist, wenn Panik ausbricht? Wenn es zu einem MANV kommt, einem Massenanfall von Verletzten? Diese Fragen hat er sich schon so oft gestellt. Sie sind Routine. „Aber seit Paris“, sagt er, „kommt ein neues Szenario dazu.“

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