Thomas-Cook-Manager Fankhauser : "Deutschland sollte Ägypten helfen"

Im vergangenen Jahr musste der Reisekonzern Thomas Cook mit Notkrediten gerettet werden. Peter Fankhauser, Chef der deutschen Tochter, über Turbulenzen und die Zukunft der Branche.

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Der Schweizer Peter Fankhauser könnte in wenigen Wochen zum Chef der Londoner Konzernzentrale berufen werden.
Der Schweizer Peter Fankhauser könnte in wenigen Wochen zum Chef der Londoner Konzernzentrale berufen werden.Foto: promo

Herr Fankhauser, Millionen Deutsche überlegen derzeit, wie sie in den Sommerurlaub reisen. Mit Tui, Alltours oder Neckermann? Was spricht für letztgenannten Veranstalter?

Neckermann Reisen aus unserer Thomas-Cook-Gruppe hat ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Wir sind stark auf Familien ausgerichtet und bieten viele individualisierte Reisen – sei es in unseren Sparten Family, Xperience, Sport oder Balance –, wenn man im Urlaub auch etwas für seine Gesundheit tun will. Insgesamt sind wir da breit aufgestellt.

Ende 2011 war Ihr Mutterkonzern in London ja dramatisch in Schieflage geraten. Ist das Geld, das ein Kunde bei Ihnen für eine Reise anzahlt, wirklich zu 100 Prozent sicher?

Ja, absolut und ohne Zweifel. Die Thomas Cook AG steht als deutsche Tochter sehr stabil da, unabhängig von den Turbulenzen, die es im Großbritanniengeschäft gab. Und außerdem ist der Kunde in Deutschland rechtlich hervorragend abgesichert; da muss niemand um sein Geld fürchten.

Was machen Sie anders als ihre britischen Vorstandkollegen?

Ich möchte nicht darüber spekulieren, was meine Kollegen tun. Fest steht, dass wir in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit einer Umsatzrendite von 4,4 Prozent – das schließt unsere Airline-Tochter Condor mit ein – offenbar viel richtig gemacht haben. Die unrentablen Reisebüros, die wir schließen mussten, haben wir bereits geschlossen. Gleichzeitig haben wir in unsere IT-Systeme investiert und sie modernisiert. Und wir betreiben die Reiseveranstalter von der Fluggesellschaft getrennt, sorgen aber für eine enge Zusammenarbeit. Wir haben insbesondere die Verwaltungskosten gesenkt. Denn dafür will der Kunde nicht mitbezahlen.

Welche Rolle spielt die gute konjunkturelle Lage hierzulande?

Das hat uns sicher in die Hände gespielt. Und auch der Umstand, dass die Urlaubsländer Nordafrikas, in denen es für alle Veranstalter im vergangenen Jahr schwer war, zwar wichtig sind für uns in Deutschland, für unsere Kollegen in Frankreich etwa aber noch viel wichtiger.

Wie stark hat sie der arabische Frühling getroffen?

Das war schon nicht leicht. Im vergangenen Geschäftsjahr hat das in etwa fünf Millionen Pfund Kosten bei uns verursacht.

Das klingt aber nicht nach viel.

Das ist im margenschwachen Veranstaltergeschäft nicht wenig. Aber es stimmt, wir haben es geschafft, den größten Teil des Reisestroms zu anderen Destinationen zu lenken, das hat den Schaden begrenzt. Was die kommende Saison angeht, bin ich zuversichtlich, dass Tunesien in dieser Saison auf das Niveau von vor der Krise kommt. Das Land hat sich politisch stabilisiert.

Und Ägypten?

Da ist die Lage für unsere Kunden zwar sicher, aber politisch noch nicht so stabil. Unsere Buchungslage ist dort zwar besser als im Vorjahr, aber noch nicht wie sie vor der Revolution war. Hier könnte die Bundesregierung helfen, indem sie eine offenkundige Fehlkonstruktion in der Regelung der Luftverkehrssteuer behebt.

Welche soll das sein?

Die Höhe der fälligen Steuer richtet sich danach, in welche der drei Entfernungskategorien ein Land fällt. Ägypten fällt in die zweite Stufe, wo heute 23,43 Euro je Ticket zu zahlen sind. Ein Flug zu den Kanaren, die viel weiter entfernt sind, wird dagegen nur in Kategorie eins mit 7,50 Euro besteuert – weil die Einstufung sich nach der Hauptstadt richtet, in dem Falle also Madrid. Die Bundesregierung sollte Ägypten daher in die erste Kategorie aufnehmen. Das würde Reisen dorthin verbilligen und dem für das Land so wichtigen Tourismussektor helfen. Am liebsten aber wäre mir natürlich, sie würde diese Zwangsabgabe ganz abschaffen.

Aber vorerst bleibt Ägypten schwierig. Wohin weichen die Deutschen als Reiseweltmeister aus?

Wir registrieren sehr gute Zahlen für Bulgarien und Kroatien. Auch Spanien läuft auf hohem Niveau, gefolgt von Italien und der Türkei. Die alten Klassiker also. Das Griechenlandgeschäft allerdings ist schwieriger als im vergangenen Jahr. Das kann sich aber schnell drehen, sobald sich auch dort die Politik stabilisiert.

Alles andere als stabil läuft das Kreuzfahrtgeschäft. Sind Sie froh, dass Ihr Unternehmen dort kaum involviert ist?

Nein. Katastrophen sind nie gut. Auch Schadenfreude wäre nicht angebracht. Wir als Thomas Cook vermitteln nur einzelne Kabinen und wollen bei Flusskreuzfahrten wachsen. Der Branche tut es nicht gut, wenn Wettbewerber leiden.

Wie schnell werden sich die Reedereien von dem Costa-Unglück erholen?

Alle Erfahrungen zeigen, dass solche Ereignisse relativ schnell vergessen sind. Deshalb gehe ich davon aus, dass sich auch die Kreuzfahrtanbieter schnell erholen. Dämpfend wirkt auch der Umstand, dass Kreuzfahrten besonders lange im Voraus gebucht werden. Da ist die Hoffnung also nicht verloren, dass der Sommer 2013 gut laufen wird.

Wie haben sich Pauschalreisen innerhalb der letzten zehn Jahre verändert?

Unsere Veranstalter sind moderner geworden, weil sie viel zielgerichteter auf die Bedürfnisse der Kunden eingehen können und buchungstechnisch ausgereifter sind. Heute stellen wir Pakete dynamisch zusammen.

Was bedeutet das für die Kunden?

Konkret, dass sie nicht mehr nur wählen können, ob sie genau sieben oder 14 Tage Urlaub an einem Ort machen wollen. Unsere Kunden sind weitgehend frei, weil wir flexibler geworden sind. Unsere modernen Buchungssysteme ermöglichen quasi eine freie Kombination von Flügen und Hotels.

Wie stellen Sie sich auf die Herausforderungen des Internets ein?

Gelassen. Wir wollen in allen wichtigen Vertriebskanälen wachsen, sowohl online als auch stationär über Reisebüros, und versuchen, auch mehr Franchisenehmer für unsere Marken zu begeistern. Sehr großes Potenzial sehe ich bei der Kundengruppe, die sich online informiert, aber offline bucht.

Läuft der Trend nicht entgegengesetzt? Beim Fachmann informieren, und den billigsten Anbieter im Internet suchen?

Eher nicht. Laut Untersuchungen informieren sich heute rund 60 Prozent unserer Kunden vorab online, aber nur 20 Prozent buchen auch dort. Ich will nicht sagen, dass sich das nicht irgendwann ändern wird. Sicher werden auch noch einzelne Reisebüros schließen müssen. Aber ein Reisebüro, das mehr macht, als nur Prospekte auszulegen, wird sicher eine Zukunft haben.

Abschließend zu Ihrer Zukunft: Es heißt, Sie könnten Interimschef Sam Weihagen in der Londoner Zentrale beerben.

Ob das so ist, müssen Sie andere fragen. Das entscheidet der Verwaltungsrat. Ich kann nur sagen: Ich fühle mich sehr wohl in Deutschland.

Das Gespräch führte Kevin P. Hoffmann

MANAGER

Peter Fankhauser (51) stammt aus Bern. 1989 begann er seine Karriere beim Schweizer Touristikunternehmen Kuoni und wechselte 1999 zur LTU nach Düsseldorf. 2001 wurde er in den Vorstand der C&N Touristic, die spätere Thomas Cook AG in Oberursel berufen. Er lebt mit Frau und Kindern in Frankfurt am Main.

UNTERNEHMEN

Der deutsch-britische Thomas-Cook-Konzern musste Ende September nach Bekanntgabe eines Verlustes von über 518 Millionen Pfund mit Notkrediten gerettet werden. Die deutsche Tochter steht aber stabil da. Sie vereint die Marken Neckermann Reisen, Thomas Cook, Öger Tours, Bucher Last Minute, Air Marin, Sentido und Condor.

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