Träume vom Stromnetz ohne Diesel-Generator : Die Inseln El Hierro und Graciosa kommen voran

Die Inseln El Hierro (Kanaren) und Graciosa (Azoren) wollen schon länger energieautark werden durch erneuerbare Energien. Jetzt melden sie Fortschritte

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Die Azoren-Insel Graciosa. Ein Teil des Stroms kommt von dem Solarkraftwerk rechts im Bild. Gespeichert wird er in Li-Io-Batterien. Die befinden sich in dem Betonbau auf der linken Bildhälfte.
Die Azoren-Insel Graciosa. Ein Teil des Stroms kommt von dem Solarkraftwerk rechts im Bild. Gespeichert wird er in...Foto: Younicos

Zwei kleinere Inseln im Atlantik machen Fortschritte bei ihren Versuchen, eine autarke Energieversorgung aufzubauen. Die Bewohner wollen unabhängig von teuren und umweltschädlichen Importen für Diesel-Kraftstoff werden, mit dem Stromgeneratoren gespeist werden. Wenn sie das langfristig zu überschaubaren Kosten schaffen, könnten sie Vorbild für viele tausend Inseln weltweit werden, die ähnliche Energieprobleme haben: Sie sind zu klein für den wirtschaftlichen Betrieb eines konventionellen Kraftwerks samt Belieferung mit Brennstoffen Öl, Kohle oder Gas. Und sie sind zu weit weg vom Festland, um sich über ein Seekabel versorgen zu lassen.

Auf der spanischen Vulkaninsel El Hierro, Teil des Kanaren-Archipels, ist es im Februar erstmals gelungen, sich länger als 24 Stunden allein durch vor Ort produzierten Strom aus regenerativen Energien und einem neuen Stromspeicher zu versorgen, berichtete die Nachrichtenagentur AFP am Sonntag. Die Insel mit ihren 7000 Einwohnern setzt auf eine Kombination aus Wind- und Wasserkraft. Die Windturbinen, die auf einem Hügel stehen, haben eine Gesamtkapazität von 11,56 Megawatt. An dem Hügel gibt es zudem zwei unterschiedlich hoch gelegene Wasserbecken. Flaut der Wind ab, wird oben Wasser abgelassen und treibt auf dem Weg nach unten Turbinen mit einer Gesamtleistung von 11,32 Megawatt an. So wird – zumindest in der Theorie – Stabilität im Stromnetz sichergestellt.

Erster Schritt: 80 Millionen gekostet, 1,2 Millionen gespart

9000 Tonnen klimaschädliches Kohlendioxid wurden mit der Anlage La Gorona schon eingespart. Rechnerisch reicht der bereits im Juni 2014 eingeweihte und 80 Millionen Euro teure Komplex aus, um die Insel komplett mit Elektrizität zu versorgen. In der Praxis reiche es aber nur für 50 Prozent des Bedarfs, räumt Projektleiter Juan Pedro Sánchez im Gespräch mit der AFP ein. Deshalb muss vorerst weiterhin aufwendig Diesel nach El Hierro gebracht werden, um in Generatoren verfeuert zu werden. Der Kraftstoff wird von der 300 Kilometer entfernten kanarischen Hauptinsel Teneriffa verschifft. Und auch dorthin kommen die Vorräte erst nach einer langen Reise über den Atlantik. Immerhin, teilt der Stromkonzern Endesa mit, wurden dank der neuen Anlage La Gorona bereits 2850 Tonnen Kraftstoff im Gegenwert von rund 1,2 Millionen Euro für die Generatoren eingespart.

„Wir finden das Projekt auf El Hierro natürlich prima. Allerdings haben die sich mit ihren Pumpspeichern für eine teure Lösung entschieden“, sagte Philip Hiersemenzel von dem Stromsystementwickler Younicos am Sonntag. Die Firma aus Berlin-Adlershof mit Abteilungen in Austin in Texas betreut seit Jahren die Azoren-Insel Graciosa mit rund 4400 Bewohnern. Auch dort will man in erster Linie weg vom Generator-Diesel. So hat Younicos mithilfe externer Partner auf Graciosa ein Ein-Megawatt-Fotovoltaikkraftwerk zusammengeschaltet mit einem Betonbau voller Lithium-Ionen-Batterien, die eine Speicherkapazität von 3,2 Megawattstunden haben. Ein 4,5-Megawatt-Windpark befindet sich im Bau. Batteriespeicher sind technisch komplexer als Pumpspeicher, können aber quasi überall installiert werden – auch dort, wo Geografie oder Klima keinen Aufbau von Wasserturbinen zulassen.

Vor wenigen Tagen war Portugals Premierminister António Costa zu Gast auf der zu Portugal gehörenden Insel. Aus diesem Anlass schaltete der örtliche Versorger sein System schon einmal testweise in den „Insel-Modus”, in dem das Eiland zu 100 Prozent mit Strom aus erneuerbaren Energien versorgt werden kann. Ab August soll Graciosa im Jahresdurchschnitt rund 65 Prozent der fossilen Stromerzeugung durch billigere und sauberere erneuerbare Energie ersetzen – immerhin.

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