Trotz der großen Nachfrage : Immer weniger Bauern produzieren Bio

74 Prozent der Deutschen wollen Öko-Lebensmittel. Aber der biologische Anbau rechnet sich für die Landwirte oft nicht. Viele geben auf. Und das Bio-Gemüse kommt zunehmend aus Übersee.

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Jede zweite Bio-Möhre kommt aus dem Ausland.
Jede zweite Bio-Möhre kommt aus dem Ausland.Foto: picture alliance / dpa

Berlin - Bio-Lebensmittel sind beliebt wie nie – und trotzdem kommt der ökologische Landbau in Deutschland nicht voran: Bundesweit wurden im vergangenen Jahr 10 800 Hektar Land mit Bio-Gemüse bestellt, das waren nicht einmal zehn Prozent der gesamten Freiland-Anbaufläche, und auch nicht mehr als im Vorjahr, meldet das Statistische Bundesamt. Auch in Gewächshäusern, in denen zum Beispiel Feldsalat und Tomaten gezüchtet werden, blieb die Fläche für ökologisch bewirtschaftetes Gemüse mit 260 Hektar nahezu konstant.

Der Öko-Landbau stagniert. Mit 231 000 Tonnen wurde dabei sogar weniger Öko-Gemüse geerntet als im Vorjahr, als es im Ergebnis 262 000 Tonnen waren. Das allerdings dürfte in erster Linie dem schlechten Wetter geschuldet sein, auch Nicht-Biobauern hatten Probleme. Den meisten Platz widmeten Öko-Landwirte Karotten (1700 Hektar), Spargel (1400 Hektar) und Erbsen (1100 Hektar), gut vertreten waren außerdem Speisezwiebeln und Weißkohl.

Obwohl auch Brokkoli, Radieschen, Stangenbohnen, Wirsing und die meisten anderen Gemüse zumindest saisonal bestens in heimischer Erde gedeihen, werden die Bio-Regale im Supermarkt zunehmend mit ausländischen Waren bestückt – jedes zweite Bio-Gemüse, ergab eine Untersuchung der Uni Bonn, wird bereits importiert.

Transport vermiest Öko-Bilanz

„Wie ökologisch gewinnbringend das ist, wenn Gemüse erst kilometerweit verschifft und durch halb Europa gekarrt werden muss, kann sich jeder ausrechnen“, sagt Stefan Zwoll, Geschäftsführer des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Schon seit längerem kritisieren Ökobauern, Verbraucherschützer und das Umweltbundesamt (UBA) den ihrer Meinung nach schwachen Einsatz für den Ausbau des Ökolandbaus in Deutschland. Ginge die Entwicklung voran wie bisher, sagte UBA-Chef Thomas Holzmann kürzlich auf der Grünen Woche in Berlin, würde das Ziel der Bundesregierung, 20 Prozent der Landwirtschaftsfläche von Bio-Bauern bestellen zu lassen, frühestens 2078 erreicht.

Öko-Sektor nur sechs Prozent der gesamtdeutschen Landwirtschaft

Die EU-Kommission verschärft gerade die Regeln für Biobauern, was viele begrüßen, zugleich aber fürchten: Bei den derzeitigen Marktpreisen, heißt es beim Ökobauern-Verband Bioland, ließe sich die Umsetzung strengerer Vorgaben finanziell kaum stemmen. Sogar noch weniger fortgeschritten als im Bereich Gemüse ist die Öko-Landwirtschaft in den Bereichen Obst und Tierhaltung. Insgesamt kommt der Öko-Sektor lediglich auf einen Anteil von etwas über sechs Prozent an der gesamtdeutschen Landwirtschaft.

Andere Länder subventionieren stark

Dabei greifen mindestens 74 Prozent aller deutschen Verbraucher regelmäßig zu Bioprodukten, sagen Konsumforscher. Viele wollen Bio essen, aber sie wollen nicht mehr Geld dafür ausgeben: Bauern, die auf den Einsatz von Pestiziden verzichten, haben mehr Arbeit und im Zweifel auch weniger Ertrag. Im Supermarkt kosten Bio-Artikel aber häufig nur wenige Cents mehr als die anderen. Das liegt auch daran, dass andere Länder den Biolandbau sehr stark subventionieren und ihre Ware für vergleichsweise kleines Geld auf den Markt bringen, somit die Preise drücken.

Benachteiligung für Betriebe mit Pestizideinsatz

In Deutschland geht die Begeisterung der Bauern für ökologische Wirtschaft deshalb wieder zurück. Nicht nur, dass immer weniger von ihnen sich für eine Umrüstung ihres Betriebs im positiven Sinne interessieren. „Einige sind bereits wieder zur herkömmlichen Produktion zurückgewechselt“, sagt BÖLW-Chef Stefan Zwoll. Was tun? Der Verband und das UBA monieren, dass Fördergelder falsch verteilt werden, wenn etwa Betriebe, die Biogas erzeugen, stärker unterstützt werden als solche, die Lebensmittel herstellen. „So werden immer mehr Flächen umgewidmet“, heißt es. Der Verband der Ökobauern fordert statt Subventionen umgekehrt eine Benachteiligung aller Betriebe, die Pestizide einsetzen.

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