Unkonventionelle Chefs : Anders führen

Keine festen Arbeitszeiten, Vorgesetzte nach Wahl, und jeder bestimmt sein Gehalt selbst. Klingt utopisch, ist es aber nicht. Immer mehr Chefs setzen auf die Selbstbestimmung ihrer Mitarbeiter.

Astrid Dörner,Claudia Obmann
Neue Wege. Matt Mullenweg pfeift auf Traditionen. Bei Wordpress gibt es keine Büros, keine E-Mails und auch keine festen Arbeitszeiten.
Neue Wege. Matt Mullenweg pfeift auf Traditionen. Bei Wordpress gibt es keine Büros, keine E-Mails und auch keine festen...Foto: AFP

Matt Mullenweg schert sich nicht um Konventionen. Mit 20 bricht er das College ab. Statt weiter Philosophie und Politik zu studieren, surft er lieber im Internet, wo sich Blogs gerade als neue Kommunikationsform entwickeln. Gemeinsam mit zwei anderen Programmierern gründet er die Plattform „Wordpress“ mit der jeder Internetnutzer künftig seine eigenen Webseiten bauen kann – im Jahr 2004 eine Revolution. Heute laufen rund 20 Prozent aller Webseiten mit der Software von Wordpress. Der 30 Jahre alte Chef führt das Unternehmen seinem Naturell getreu unkonventionell und prägt damit nebenbei eine neue Art zu arbeiten.

Die Mitarbeiter arbeiten wann und wo sie wollen

Bei Wordpress gibt es keine Büros, keine E-Mails und keine festen Arbeitszeiten. Die 200 Mitarbeiter arbeiten wann und wo sie wollen. Statt per E-Mail kommunizieren sie mit dem firmeneigenen Chat-System. Informationen, die für mehrere Mitarbeiter wichtig sind, werden auf internen Blogs veröffentlicht. Eine Arbeitsweise, wie sie die „Generation Y“ fordert. Die jungen Berufstätigen, die um das Jahr 2000 Teenager waren, wollen sich nicht mehr strikten Regeln unterwerfen und stur von neun bis fünf Uhr Arbeitszeit im Büro absitzen, sondern dann arbeiten, wenn sie Lust dazu haben oder, wenn es am besten zu ihrem Privatleben passt. Eben auch mal am Wochenende oder bis spät in die Nacht, damit sie morgens ausschlafen oder mittags ihrem Hobby nachgehen können oder mehr von ihrer Familie haben.

Statt sich im Großraumbüro zu versammeln, arbeiten sie lieber nach Gusto im Café, im Zug oder am Strand; und sie wollen nicht nur Sinnvolles leisten, sondern auch an Entscheidungen teilhaben und stellen dadurch Hierarchien infrage. Ihre Skepsis gegenüber traditionellen Gepflogenheiten im Berufsleben hat durchaus ihre Berechtigung, wie eine Studie der Unternehmensberatung Gallup aus 2013 zeigt: 70 Prozent der amerikanischen Angestellten sind demzufolge bei der Arbeit unmotiviert und uninspiriert. Die mangelnde Produktivität kommt Unternehmen teuer zu stehen: Sie kostet allein die US-Wirtschaft jedes Jahr gut 550 Milliarden Dollar.

Für die meisten Unternehmen heißt das: Sie müssen ihre Arbeitsorganisation radikal ändern

Gustave Käller ist sicher: „Für die meisten Unternehmen wird eine radikale Veränderung der Arbeitsorganisation, weg von Weisung und Kontrolle, immer dringender.“ Wie das funktionieren kann, vermittelt der Düsseldorfer Berater deutschen Interessenten. Und auch Traci Fenton, Chefin des amerikanischen Analysehauses WorldBlu, fordert: „Wir sind in einem demokratischen Zeitalter angekommen. Höchste Zeit, festgefahrene Strukturen aufzubrechen.“ WorldBlu veröffentlicht jährlich eine Liste mit demokratisch geführten Unternehmen, die ihren Mitarbeitern besonders viele Freiräume bieten und sie mitbestimmen lassen.

Überall auf der Welt gibt es inzwischen Chefs, die etablierte Strukturen aufgeben und Neues ausprobieren, sei es in puncto Arbeitszeit, Vergütung oder der Rolle von Vorgesetzten. „Sie haben verstanden, wie Selbstbestimmung und Sinngebung wirtschaftlich zusammen funktionieren“, sagt Käller. HB

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