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Unternehmen : Wolfgang Liebe

30.12.2005 00:00 UhrVon Ariane Bemmer

(Geb. 1911)||„Lassen Sie die Bücher. Machen Sie Versuche mit Flugzeugen!“

„Lassen Sie die Bücher. Machen Sie Versuche mit Flugzeugen!“ Der Sohn hat einen Stuhl an das Bett gezogen, in dem der Vater liegt. Er liest ihm vor. Es geht um Wirbel und Gegenwirbel, um Flügelschläge von Vögeln und um Flugzeugbau. Um die Verbindung von Natur und Technik. Der Mann im Bett ist Aerodynamiker, Professor, Wissenschaftler. Den Text, den der Sohn vorliest, hat der Vater in Grundzügen vorgegeben. Das Buch mit dem Text wird demnächst erscheinen. Es wird Wolfgang Liebe gewidmet sein. Dem alten Mann im Bett. Eine späte Ehrerweisung für einen glücklosen Pionier.

Warum fliegt ein Flugzeug?, das hat Wolfgang Liebe sich schon gefragt, da war er noch Kind und wohnte in der Nähe von Cottbus, das gerade einen Flugplatz bekommen hatte.

Dort geschah am 6. Juni 1927 Kolossales: Der Atlantiküberquerer Clarence Chamberlin musste in der Nähe auf einer sumpfigen Wiese notlanden. Chamberlin kam aus New York geflogen und wolle eigentlich nach Berlin, aber dann war sein Kompass ausgefallen. Als der Teenager Wolfgang davon hörte, rannte er los, die Kamera über der Schulter, die vornehmste Jacke am Leib. Er sagte, dass er von der Presse sei und durchgelassen werden müsse. Und tatsächlich drang er vor bis zu der zweisitzigen Propellermaschine und machte ein Foto. Und drückte Chamberlin, dem Piloten in Nadelstreifen und Knickerbockern, sogar die Hand. Da war es schon keine Frage mehr, wohin der berufliche Weg des Jungen gehen sollte.

In Dessau wurde er Praktikant. Feilte im Junkers-Werk an den Flügeln der JU-52 und der G-38, dem damals größten Verkehrsflugzeug der Welt. Zwei Motoren, Gesamtleistung 2000 PS. In Danzig wurde er Student. Flugzeugbau. In Adlershof arbeitete er in der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt. Dann kam der Krieg. Hermann Göring rief: Das deutsche Volk muss ein Volk von Fliegern werden. Und in Adlershof versuchten sie, die Me-109 zu optimieren. Das Jagdflugzeug der Firma Messerschmitt sollte noch wendiger sein, höher steigen, steiler stürzen, ohne dass die Strömung an den Flügeln abreißt.

Man könnte in Bücher gucken, um eine Lösung zu finden, Formeln und Tabellen bemühen, aber Wolfgang Liebe hatte einen Satz im Ohr von einem Professor. „Lassen Sie die Bücher“, hat der gesagt. „Machen Sie Versuche, und zwar an den neuesten Flugzeugen.“ Also bestückte er die Jäger mit Fotokameras und beklebte die Flügel mit Wollfäden, die im Flug Strömungen sichtbar machten; er baute Modelle für den Windkanal. Er erfand den Grenzschichtzaun. Ein kleines Stück Metall, das an der Oberseite der Flügel montiert wird. Es verhindert, dass eine störende Querströmung zum Flügelende hin immer stärker wird und zum seitlichen Abkippen führt. Piloten testeten die Erfindung und lobten sie, doch Messerschmitt montierte sie nicht. Dann war der Krieg vorbei, und die Russen und Amerikaner nahmen das Patent mit in ihre Heimat.

Man hätte hadern können und die Ungerechtigkeit verwünschen, aber so einer war Wolfgang Liebe nicht. Er haderte auch nicht, als er nach Prag in Gefangenschaft kam, und seine Frau und die drei Kinder allein nach Berlin gingen. Er haderte nicht, als er von Prag nach Jugoslawien geschickt wurde, wo er fünf Jahre bleiben musste. Er ging seinen Fragen nach, hier wie da, ohne sich von den Umständen allzu sehr ablenken zu lassen. Das ist es wohl, was den Forscher von anderen Zeitgenossen unterscheidet.

Warum fliegen Vögel so gut, warum sind Fische so schnell im Wasser, fragte er, und was können wir davon lernen? Die Antworten suchte er immer öfter in der Natur selbst. Er wanderte. Wochenlang als junger Mann, tageweise im Alter. Beobachtete Möwen, die über Klippen kreiselten, trudelten, standen, Alpendohlen in den Bergen, Mauersegler, die schnellsten aller Vögel. Heute nennt man das Bionik. Die Verknüpfung von Biologie und Technik.

Damals nannte man Liebe verrückt, als er auf die Flügel eines Kampfflugzeugs Lederlappen klebte. Die sollten bei harten Manövern ein Rückströmen von Luft und damit einen Auftriebsabfall verhindern. Wolfgang Liebe hatte so etwas bei den Vögeln gesehen, die auf ihrer Flügeloberseite kurze flauschige Federn haben, die sich bei abrupten Flug-Manövern aufstellen. Der Testpilot bestätigte die These, aber die Direktoren wollten von solchen abenteuerlichen Vorrichtungen nichts wissen.

1951 kam Wolfgang Liebe nach Berlin, fand bei Siemens Arbeit. Sie nannten ihn dort den „Förster aus Jugoslawien“, weil er in einer abgetragenen grünen Jacke herumlief. Später ging er an die Technische Universität, wurde Lehrbeauftragter, dann Professor. Einmal spendierten die Kinder ihm einen Flug über Berlin in der alten Ju-52. Da hat Wolfgang Liebe das Flugzeug gestreichelt, geschluckt und Tränen in den Augen gehabt. Die alte Ju, an der er als Praktikant gearbeitet hatte.

Als der Sohn mit dem Manuskript an dem Bett im Pflegeheim sitzt, verlangt der alte Mann einen Stift, um ein Bild zu zeichnen, das in den Artikel hinein soll. Der Sohn erkennt erst nicht, was der Vater da skizziert. Es sind die Wirbel und Gegenwirbel an Flügelenden. Vollkommen korrekt, nur seitenverkehrt. Als sei das Leben rückwärts vor Wolfgang Liebes Auge abgelaufen.

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