Untreue-Prozess gegen Ex-Arcandor-Chef : Middelhoff droht eine Gefängnisstrafe

Thomas Middelhoff war einer der Spitzen-Manager des Landes. Dann ging erst Arcandor pleite - und schließlich er selbst. Sein wichtigster Prozess könnte diese Woche entschieden werden. Ihm droht Gefängnis.

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Immer wieder muss Middelhoff zu Gericht: Er ist Kläger und Angeklagter zugleich.
Immer wieder muss Middelhoff zu Gericht: Er ist Kläger und Angeklagter zugleich.Foto: dpa

Immer im Einsatz. Immer zum Wohle des großen Ganzen. Keine Minute, die er ungenutzt verstreichen ließ. Die eigenen Bedürfnisse stellte er stets zurück, jederzeit bestrebt, das Unternehmen, in dessen Dienst er stand, und seine Mitarbeiter zu retten. Für ihn gab es nur Schlafen und Arbeiten. Jahrelang. Rund um die Uhr. So war der Top-Manager Thomas Middelhoff.

Das sagen zumindest seine Verteidiger, die deshalb am vergangenen Donnerstag vor dem Landgericht Essen auf Freispruch plädierten. Aufopferungsvoll sei der Ex-Arcandor-Chef gewesen – und Opfer heute: Die Vorwürfe der Staatsanwälte seien „maßlos“ und „gemein“, rügten sie.

Der Vorwurf: Untreue in 44 Fällen

Die zeichnen freilich ein ganz anderes Bild des Angeklagten. Sie werfen Middelhoff schwere Untreue in 44 Fällen vor. Das Team um die Staatsanwälte Daniela Friese und Helmut Fuhrmann sieht es als erwiesen an, dass Middelhoff seinen Arbeitgeber mit Kosten nahezu in Millionenhöhe belastete, die er privat verursachte. Die Liste der Vorwürfe ist lang: In der Hauptsache geht es um Flüge. Middelhoff ließ sich von einem Hubschrauber zu Hause in Bielefeld abholen, um den Autobahnverkehr am Kamener Kreuz auf dem Weg zum Konzernsitz in Essen zu umgehen. Er flog auf Firmenkosten in sein Feriendomizil ins südfranzösische Saint Tropez. Einmal ließ er eine Chartermaschine leer aus Köln nach Boston kommen, um drei Stunden früher ins Wochenende starten zu können. Bei einer einzigen New-York-Reise im November 2008 habe er dem Unternehmen Kosten in Höhe von 95 000 Euro verursacht, rechnet Friese vor. Im selben Jahr kürzte man den Verkäuferinnen der Warenhauskette Karstadt, die damals zum Konzern gehörte, das Weihnachtsgeld.

Middelhoff bestreitet nichts davon. Sieht aber nicht ein, weshalb er diese Reisen privat hätte zahlen sollen. Die „Optimierung der zur Verfügung stehenden Zeit“ habe im Interesse Arcandors gelegen, argumentieren auch seine Verteidiger. Und greifen in die Vollen: Für Arcandor wäre es „lebensbedrohlich“ gewesen, wenn Middelhoff nicht erreichbar gewesen wäre, weil er zum Beispiel im Stau hätte stehen müssen. Im Übrigen sei es im Wirtschaftsleben üblich, dass Top-Manager über Charter-Jets verfügen könnten. Dax-Konzerne geböten über eine ganze Flotte von Firmenjets, erklärte Rechtsanwalt Winfried Holtermüller. Man könne Middelhoffs Situation also nicht mit der anderer Arbeitnehmer vergleichen.

Karstadt-Quelle-Großaktionärin Madeleine Schickedanz soll Middelhoff einst zugesichert haben, seine Flugkosten zu übernehmen.
Karstadt-Quelle-Großaktionärin Madeleine Schickedanz soll Middelhoff einst zugesichert haben, seine Flugkosten zu übernehmen.Foto: dpa

Dass Middelhoff von seinem Finanzvorstand verlangte, umzuziehen, um den Anfahrtsweg zur Arbeit zu verkürzen – nicht der Rede wert. So ganz überzeugt sind die Verteidiger von ihrer Argumentation dann aber womöglich doch nicht. Sonst hätten sie vielleicht nicht hinterhergeschoben, dass ja Karstadt-Quelle-Großaktionärin Madeleine Schickedanz Middelhoff einst zugesichert habe, seine Flugkosten zu übernehmen. Fall geklärt?

Er kaufte eine Luxus-Yacht. Bezahlt hat er sie nie.

Ende dieser Woche könnte das Urteil gegen den 61-Jährigen in dem Essener Prozess fallen, der bereits seit Mai läuft. Es ist der wichtigste, in dem er zur Zeit auf der Anklagebank sitzt. Und das sind einige: Zusammen mit anderen Ex-Führungsmännern des Arcandor-Konzerns muss er sich in Köln wegen Missmanagements verantworten, weil sie Immobilien zum Nachteil des Konzerns verkauften. Der Insolvenzverwalter hat Middelhoff angeklagt, weil er kurz vor seinem Abgang eine unverhältnismäßig hohe Bonuszahlung in Höhe von 3,4 Millionen Euro eingesackt haben soll. Die Bank Sal. Oppenheim, die nach der Arcandor-Pleite von der Deutschen Bank aufgefangen werden musste, will 78 Millionen Euro von Middelhoff, die sie ihm als Privatkredit gewährte und er nicht fristgerecht zurückzahlte. Dann vermisst sein ehemaliger Vermögensberater Josef Esch noch ein paar Milliönchen für die Luxus-Yacht, die er Middelhoff verkaufte, inklusive Bordpersonal.

Der staunende Normalverdiener erfährt in diesen Verhandlungen immer neue unsympathische Details über den Mann, der einst als Wunderknabe der Wirtschaft gefeiert wurde. Dass seine Frau und er über einen Fonds an den Karstadt-Immobilien beteiligt waren und so von den hohen Mieten profitierten, die er als Firmenchef eigentlich zu senken hätte versuchen müssen, zum Beispiel. Dass er bei einem der Vorstandswochenenden in Saint Tropez, zu deren Programmpunkten auch „Power-Shopping“ gehörte, die Entlassung von 4500 Mitarbeitern beschloss.

Seine Uhr musste Middelhoff abgeben - seine Vermögensgegenstände wurden versteigert.
Seine Uhr musste Middelhoff abgeben - seine Vermögensgegenstände wurden versteigert.Foto: dpa

Und dann war da die Sache mit der Uhr: Weil Sal. Oppenheim seine Konten einfror, mussten Vermögensgegenstände von Middelhoff versteigert werden. Beim Prozess im Essener Landgericht erschien er dann aber mit einer Luxus-Uhr am Arm, die in seiner Besitzaufstellung gefehlt hatte. Als sie ihm vom Arm weggepfändet wurde, protestierte er heftig.

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