Wirtschaft : Vergessene Werte in Kellern und Kofferräumen

Verbraucherschützer finden ein Vermögen: Pfandgut für 1,6 Milliarden Euro haben die Kunden nicht zurückgebracht

Dagmar Dehmer,Nils-Viktor Sorge

Berlin/Düsseldorf - Mit dem Start des neuen Dosenpfands am 1. Mai geht für die Verbraucher eine teure Episode zu Ende, von der auch der Fiskus profitiert hat. An Plastikflaschen und Dosen, die die Verbraucher in Kellern und Kofferräumen vergessen oder einfach weggeworfen haben, verdienten Finanzminister Hans Eichel und sein Nachfolger Peer Steinbrück bis zu 200 Millionen Euro. Das jedenfalls schätzt der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv). Denn auch auf das Pfand wird Mehrwertsteuer erhoben. Viele Kunden hätten es bislang zu aufwändig gefunden, sagt der vzbv, jede Einwegverpackung wieder dorthin zurückzubringen, wo sie sie gekauft hatten.

Ab Mai ist damit Schluss. Von da an müssen Händler auch leere Verpackungen von Getränken annehmen, die nicht bei ihnen erworben wurden. Der Verbraucher kann die Behälter in jeder beliebigen Einkaufsstätte abgeben – vorausgesetzt, der Händler führt die jeweilige Verpackungsart (PET, Glas oder Dose) im Sortiment. Die Verbraucherzentrale hat angekündigt, das bei Testkäufen überprüfen zu wollen.

Weil das bisherige System zu kompliziert war, landeten zehn bis 25 Prozent der Einwegflaschen und -dosen auf dem Müll oder gerieten in Vergessenheit, schätzen die Verbraucherschützer. Nicht nur dem Fiskus, auch Getränkehandel und Industrie brachte das zusätzliche Einnahmen: Bis zu 1,4 Milliarden Euro konnten sie demnach an nicht zurückgebrachten Flaschen und Dosen – am so genannten Pfandschlupf – verdienen.

„Dieses Geld steht dem Handel nicht zu, es gehört den Verbrauchern“, sagte vzbv- Vorstand Edda Müller dem Tagesspiegel. Von einer Pfand-Rückzahl-Aktion ohne Flaschen will der Handel jedoch nichts wissen. „Die Leute haben bewusst entschieden, die Flaschen nicht zurückzubringen“, sagte der Sprecher des Hauptverbandes des deutschen Einzelhandels, Hubertus Pellengahr. Die vom vzbv genannten Zahlen nannte er „wüst spektakulär“.

Die Unternehmensberatung Roland Berger geht indes sogar davon aus, dass sich Händler mit dem Geld nicht zurückgebrachter Flaschen Wettbewerbsvorteile gesichert haben. „Deshalb konnte zum Beispiel das Mineralwasser bei Discountern zuletzt so günstig angeboten werden“, sagte Roland-Berger-Experte Felix Pintgen. Darunter litt offenbar die Mehrwegquote: Bei alkoholfreien Getränken rutschte sie laut Roland Berger von 51,4 Prozent (2002) auf 42,5 Prozent im ersten Halbjahr 2005 ab – Tendenz fallend.

Die Einführung des Pflichtpfands im Jahr 2003 hat die Mehrwegquote beim Bier zwar auf 89,24 Prozent hochgetrieben. Für alle Getränke lag die Mehrwegquote 2003 aber nur bei 63,74 Prozent. Die Zahlen werden von der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung im Auftrag des Umweltbundesamts erhoben. Die Daten für 2004 – neuere gibt es dort nicht – sollen in Kürze veröffentlicht werden: Derzeit werden sie noch behandelt wie ein Staatsgeheimnis. Nach Informationen des Tagesspiegels ist die Mehrwegquote aber nahezu stabil geblieben. Der Anteil der Dosen blieb gering, der Anteil der Einwegglasflaschen ging zurück, aber immer mehr Getränke werden in PET-Flaschen verkauft.

Mit den neuen Pfandregeln ist es mit dem Pfandschlupf vermutlich vorbei, denn die Flaschenrückgabe wird deutlich bequemer: Selbst Kioske und kleine Läden mit einer Fläche unter 200 Quadratmetern würden dann alle Einwegverpackungen zurücknehmen und auf eine für sie vorgesehene Ausnahmeregelung verzichten. Davon ist der Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH), Jürgen Resch, überzeugt. Denn die Kioske arbeiten für die Rücknahme meist mit Partnern zusammen, die einheitliche Systeme anbieten. Für vor dem 1. Mai erworbene Flaschen und Dosen gelten allerdings die alten Regeln. Während große Teile der Getränkeindustrie sich von der neuen Pfandregelung den Durchbruch für Einwegverpackungen erhoffen, glaubt Umwelthilfe-Chef Resch nicht an das Comeback der Dose. „Die Dose ist tot“, sagte er. Die Discounter Aldi und Lidl hätten sich bereits gegen Büchsen entschieden.

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