Wirtschaft : Verunsicherte Versicherer Das Modell Lebensversicherung steht infrage

Thomas Schmitt (HB)
Zurich-Vorstand Dieter Wemmer trifft den Nerv der Branche. Foto: p-a/dpa
Zurich-Vorstand Dieter Wemmer trifft den Nerv der Branche. Foto: p-a/dpaFoto: picture-alliance/ dpa

Frankfurt am Main - Ein deutsches Erfolgsmodell gerät ins Wanken: die Lebensversicherung mit Garantiezins. 90 Millionen Lebensversicherungs-Verträge haben die Deutschen abgeschlossen. Sie glauben, dass dieses Modell zur Altersvorsorge ihnen einen entspannten Ruhestand garantiert. Doch die Zeichen stehen nicht auf Entspannung.

Im Interview mit dem Handelsblatt malt der Finanzchef eines der größten ausländischen Anbieter von Lebensversicherungen die Zukunft düster. Dieter Wemmer sitzt im Vorstand des Allianz-Konkurrenten Zurich, und er ist führendes Mitglied in einem Forum, zu dem sich die Finanzchefs der europäischen Versicherer zusammengefunden haben. Sein Credo klingt technisch: Deutsche Lebensversicherer dürfen im Rahmen des geplanten EU-Kapitalregelwerks Solvency II nicht bevorzugt werden. „Wir fordern einheitliche Spielregeln in Europa“, sagt Wemmer. Die Auswirkungen dieser Forderungen sind allerdings alles andere als technisch. Für die deutschen Versicherer bliebe kein Stein auf dem anderen. Für ihre Kunden auch nicht.

Wemmer trifft mit seiner Forderung den Nerv der heimischen Branche. Lebens- und Rentenversicherungen mit einer festen Garantie sind ihre Verkaufsrenner – trotz sinkender Zinsen. Mit Solvency II könnte das Produkt jedoch zu teuer werden, weil es zu viel Kapital kostet. Das hat folgenden Grund: Die Kapitalregeln, die vom Jahr 2012 an gelten sollen, orientieren sich am Risiko des Geschäfts – und hier liegt die Achillesferse einer Garantie, die im Extremfall ein halbes Jahrhundert gilt und damit ein fast unkalkulierbares Risiko darstellt. Bei so langfristigen Verpflichtungen wie einer Lebensversicherung finde der Versicherer kaum oder gar nicht die passenden Kapitalanlagen, um seine Versprechen abzusichern. Die Folge beschreibt Wemmer so: „Das Unternehmen trägt ein nicht abdeckbares Wiederanlage-Risiko.“ Für Wemmer ist klar: „Die deutsche Lebensversicherung kann sich unter Solvency II nicht verstecken.“

Einige Versicherer haben dies erkannt und zogen sich schon aus dem Markt zurück. So hat sich die niederländische Delta Lloyd, eine Tochter der großen britischen Aviva, bis auf weiteres aus Deutschland verabschiedet. Der zweitgrößte Erstversicherer Ergo, eine Tochter der Munich Re, hat eine alte Lebensversicherung, die Victoria, für Neukunden geschlossen. Andere überlegen, ob sie sich langfristige Garantien, wie sie in klassischen Lebensversicherungen ausgesprochen werden, noch leisten können und stellen ihr Geschäftsmodell grundsätzlich infrage.

Die Stimmung in der Branche brachte jüngst eine Studie der Beratungsgesellschaft Deloitte und des Leipziger Instituts für Versicherungswissenschaften auf den Punkt. Aufgrund der Aussagen von mehr als 20 Managern der wichtigsten Lebensversicherer folgerten die Autoren: „Die Rechtsunsicherheit und die daraus resultierende fehlende langfristige Planungssicherheit erschweren es Lebensversicherungsunternehmen zunehmend, langlaufende Leistungsversprechen und Garantien gegenüber Kunden auszusprechen.“ Gefragt wurde: „Dienen die politischen Rahmenbedingungen dazu, langfristig finanzierbare Garantien zu geben?“ Keiner der Entscheider, die 80 Prozent des Marktes repräsentieren, stimmte der Aussage zu.

Zurich-Finanzvorstand Wemmer wirft seinen deutschen Kollegen Spekulation auf höhere Zinsen vor. „Niemand sollte sich anmaßen, er wüsste im Voraus, wie sich die Märkte entwickeln“, warnt er. Ein Versicherer müsse seine Verpflichtungen heute decken. „Wenn ich dagegen auf höhere Zinsen in einigen Jahren hoffe, dann ist das Spekulation.“

Thomas Schmitt (HB)