Vor der Ifa : Konfliktrohstoffe - Können wir so weitermachen wie bisher?

Ohne Rohstoffe wie Coltan funktioniert kein modernes Handy. Häufig stammen die Bodenschätze aus Konfliktregionen. Wie sich Konsumenten verhalten können, diskutierten Fachleute und Politiker beim Tagesspiegel.

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Unter oft unwürdigen Bedingungen fördern Arbeiter in Drittweltländern Rohstoffe für die Hightech-Industrie.
Unter oft unwürdigen Bedingungen fördern Arbeiter in Drittweltländern Rohstoffe für die Hightech-Industrie.Foto: dpa

Als Claudia Roth 1985 Pressesprecherin der Grünen im Bundestag wurde, gab es in der Fraktion keinen einzige Computer. Bildschirmarbeit gefährde die Arbeitnehmer, hatte der grüne Betriebsrat befunden und die Nutzung abgelehnt. Roth schrieb ihre ersten Pressemeldungen daher auf einer überdimensionierten Schreibmaschine, wie die heutige Bundestagsvizepräsidentin am Dienstagabend im Tagesspiegel erzählte. In der Reihe "Welt im Wandel" des Tagesspiegels und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) diskutierte Roth unter anderem mit BSR-Chefin Vera Gäde-Butzlaff darüber, wie die Rohstoffe für Computer, Handys und andere Elektrogeräte gewonnen und verarbeitet werden und ob sie recycelt werden können.

Gäde-Butzlaff stellte klar: "Es ist eine Illusion zu glauben, wir könnten unser Rohstoffproblem lösen, wenn wir das nur alles ordentlich recyceln." Tatsächlich könnten in Deutschland durch Recycling derzeit nur Rohstoffe im Wert von 8,4 Milliarden Euro für die Industrie gewonnen werden. Dem stünden Rohstoffeinfuhren im Wert von 84 Milliarden Euro gegenüber. Denn obwohl viele der Rohstoffe selten und teuer sind, sei ein Recycling derzeit wirtschaftlich wenig attraktiv.  Ihr Fazit: "Wir können nicht so weiter machen wie bisher."

Vodafone rechtfertigt sich für jährlichen Austausch 

Dass ausgerechnet ein großer Mobilfunkanbieter seinen Kunden neuerdings einen Vertrag anbietet, der ihnen jedes Jahr ein neues Smartphone beschert, passt da schlecht ins Bild. Thomas Michael Schüller von Vodafone verwies in er Podiumsdiskussion kur vor Eröffnung der diesjährigen Ifa darauf, dass die Zeiten, in denen jeder Mobilfunkkunde regelmäßig Anspruch auf ein neues Handy hatte, lange vorbei seien. "Da bewegen wir uns also in die richtige Richtung." Es gebe aber Kunden, die großen Wert darauf legten oder auch darauf angewiesen seien, stets mit der neuesten Technik ausgestattet zu sein. "Darauf müssen wir als marktwirtschaftliches Unternehmen reagieren."

Grundsätzlich sieht er aber ein wachsendes Nachhaltigkeits-Bewusstsein bei den Konsumenten. Vodafone hat daher ein Eco-Rating eingeführt, an dem der Kunde ablesen kann, ob der Hersteller bei der Produktion eines bestimmten Handys beispielsweise auf die Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards achtet und ob es sich gut recyceln lässt.

Rohstoffhunger facht Konflikte an

In einem Handy werden mehr als 40 Mineralien verbaut, darunter einige, die als Konfliktrohstoffe bezeichnet werden. Claudia Roth hat im Frühsommer eine Region bereist, in der solche Rohstoffe abgebaut werden: den Osten der demokratischen Republik Kongo. Die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen in den Abbaugebieten seien dramatisch, berichtete Roth. In den Minen, aus denen unter anderem Coltan für Handys gewonnen wird, arbeiteten viele Kinder und auch schwangere Frauen. Der Einsatz von Chemikalien richte massive Umweltzerstörungen an.

Und: Rebellen haben den Rohstoffhandel unter ihre Kontrolle gebracht und finanzieren mit den Gewinnen ihren Krieg. So facht der Rohstoffreichtum die Konflikte im Kongo immer wieder neu an. Für die Bevölkerung ist er daher eher Fluch als Segen. Arno Tomowski, der bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit das Thema Rohstoffwirtschaft betreut, sieht in der Zertifizierung von Konfliktrohstoffen einen Ausweg. Auch im Kongo gebe es bereits Projekte auf diesem Gebiet. "Dort versucht man, den gesamten Produktionsprozess zu dokumentieren und nachzuweisen, dass Mindeststandards bei Arbeits- und Sozialnormen eingehalten werden und die Umwelt geschont wird."

Roth: USA sind Vorbild

Deutschland hat zusätzlich damit begonnen, sogenannte Rohstoffpartnerschaften mit Entwicklungsländern abzuschließen. Den Partnerländern wird Unterstützung beim Aufbau einer nachhaltigen Rohstoffwirtschaft angeboten, in der Hoffnung, dass deutsche Unternehmen im Gegenzug an der Ausbeutung der Rohstoffe beteiligt werden. Auch Umwelt- und Bergbautechnologie wird von deutschen Unternehmen in diesem Rahmen angeboten. Kritiker sehen die Partnerschaften daher eher als Unterstützungsmaßnahme für die deutsche Industrie.

Grünen-Politikerin Roth kann daher einer amerikanischen Initiative zur Eindämmung des Handels mit Konfliktrohstoffen viel abgewinnen. Die USA haben 2010 ein Gesetz erlassen, dass Unternehmen verpflichtet, nachzuweisen woher ihre Rohstoffe stammen. "Man kann viel Negatives über die USA sagen, doch manchmal sind die einfach weiter als wir", sagte Roth. Selbstverpflichtungserklärungen der Industrie, auf die die EU bisher setzt, hält sie hingegen für den falschen Weg.

Export kaputter Geräte ist verboten

Strenger sind die Gesetze, wenn es um Elektroschrott geht. Hersteller sind verpflichtet, Altgeräte zurückzunehmen und fachgerecht zu entsorgen. Der Export defekter Geräte ist verboten. Dennoch landen laut Schätzungen mindestens 40 Prozent unseres Elektroschrotts in afrikanischen Hinterhofwerkstätten, wo sie notdürftig repariert oder ausgeweidet werden. Auch hier arbeiten Erwachsene und Kinder unter unwürdigen Bedingungen, indem sie beispielsweise beim Einschmelzen oder Auslösen bestimmter Geräteteile giftigen Dämpfen ausgesetzt sind.

Die BSR empfiehlt auf ihrer Homepage: "Überlegen Sie sich deshalb, ob Sie wirklich immer die neueste Produktgeneration haben müssen, oder ob Sie nicht statt dessen mit dem Geld beispielsweise in den Urlaub fahren können."

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