Warum Tankstellen Preise so oft ändern : "Manche tun so, als seien sie immer günstiger"

Thomas Grebe, Chef des Verbands der freien Tankstellen, über stark schwankende Spritreise, teure Schokoriegel und die Frage, was eine Tankstelle mit einer Kneipe gemein hat.

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Tankstelle des Bundesverbandes Freier Tankstellen (bft) in Hamburg.
Tankstelle des Bundesverbandes Freier Tankstellen (bft) in Hamburg.Foto: picture alliance / dpa

Herr Grebe, tankt man bei einer freien Tankstelle günstiger?
In der Regel ja. Weil wir an keine Marken gebunden sind, fehlen uns die Marketinginstrumente und Kundenbindungsprogramme der Mineralölkonzerne. Wir müssen deshalb einen besseren Preis bieten. Ein, zwei Cent – mehr ist nicht drin. Man kann das Rad auch an der Tankstelle nicht neu erfinden.

Warum schwanken die Spritpreise in jüngster Zeit so stark?
Die Preise haben sich immer bewegt. Aber Frequenz und Ausmaß haben deutlich zugenommen. Inzwischen gibt es vier bis fünf Preisänderungen pro Tankstelle am Tag, mit Unterschieden von bis zu zehn Cent je Liter und mehr. Das liegt zum einen am härteren Wettbewerb. Manche ändern die Preise besonders häufig, um so zu tun, als seien sie immer günstiger. Zum anderen liegt es aber vor allem an der größeren Transparenz.

Die Monopolkommission hat beobachtet, dass die Preise sich dabei tendenziell nach unten bewegen.
Ja, das ist so. Ziel der vom Bundeskartellamt eingeführten Markttransparenzstelle war eigentlich, die Preisschwankungen zu minimieren. Das Gegenteil ist eingetreten. Das ist wie beim Intradayhandel an der Börse: Die Preise können sich jetzt im Fünf-Minuten-Rhythmus ändern. Es geht ja um ein homogenes Gut, Kraftstoff ist Kraftstoff. Da können sich die Anbieter kaum unterscheiden.

Verbraucherschützer werfen Tankstellen vor, dass sie den sinkenden Ölpreis nicht angemessen an die Kunden weitergeben.
Die stündlich schwankenden Preise an der Zapfsäule sind Momentaufnahmen, die nicht besonders aussagekräftig sind. Wir kaufen überwiegend nicht zu Tagespreisen am Rotterdamer Ölmarkt ein, sondern orientieren uns an unserem durchschnittlichen monatlichen Einkaufspreis. Der wird auch regional beeinflusst. Ich kaufe zum Beispiel Kraftstoff an der Versorgungsbasis Gelsenkirchen ein. Kommt es hier – zum Beispiel aktuell wegen des Niedrigwassers im Rhein – zu Engpässen, steigen sofort die regionalen Notierungen. Mit anderen Worten: Wenn ich heute zum Preis X an der Tankstelle verkaufe, weiß ich eigentlich noch nicht genau, was mich das Benzin kosten wird.

Thomas Grebe, Chef des Verbands der freien Tankstellen (bft).
Thomas Grebe, Chef des Verbands der freien Tankstellen (bft).Foto: Promo

Also hat der Tankstellenpreis nichts mit dem Rohölpreis zu tun?
Doch. Rechnet man Mehrwert- und Energiesteuer heraus, dann folgt der Durchschnittspreis an der Tankstelle sehr wohl den Rotterdamer Ölpreisen. Zeitnah, aber nicht täglich. Das bestätigen auch die Monopolkommission und der ADAC.

Warum steigen denn zeitnah die Spritpreise vor Feiertagen oder den Ferien?
Weil sich die Nachfrage ändert. Wenn viel gefahren wird, steigt die Nachfrage. Die Reiseveranstalter haben ja auch nicht das ganze Jahr über die gleichen Zimmerpreise. In der Hauptsaison steigen sie.

Aber der Ferienbeginn in Berlin treibt doch nicht die Rotterdamer Einkaufspreise.
Nicht direkt. Aber wenn in Berlin die Ferien beginnen, steigt auch die Nachfrage an den entsprechenden Raffinerien, die die Region versorgen – und damit der Einkaufspreis der Tankstellen.

Kalkulieren die Tankstellen an solchen Tagen nicht einfach einen Extragewinn ein?
Überspitzt gesagt: Wir kalkulieren zu diesen Spitzenzeiten gar nicht. Wir schauen, was die Wettbewerber machen und überlegen, wie wir reagieren. Ein Cent runter, ein Cent rauf. Da muss man individuell wissen, wie weit man betriebswirtschaftlich gehen kann.

Was verdienen Sie denn am Liter Sprit?
Der Brutto-Rohertrag, aus dem wir die Kosten decken müssen, liegt bei 5 bis 5,5 Cent je Liter. Für Transport, Investitionen und Betrieb der Tankstelle gehen rund 4,5 Cent weg. Bleibt ein Gewinn von rund einem Cent je Liter. Die Margen sind im ersten Halbjahr weiter gesunken. Im Schnitt liegen die Jahresgewinne bei rund 40.000 Euro.

Wovon ein Großteil aus dem Geschäft mit Zigaretten, Kaffee und Brötchen stammt.
Ja. 60 bis 70 Prozent der Erlöse kommen nicht mehr aus dem Kraftstoffgeschäft. Das Wachstum hat sich aber verlangsamt. Beim Kaffee können wir noch zulegen. Aber ich glaube nicht, dass wir mit dem klassischen Einzelhandel konkurrieren können und sollten. Es geht um ein angenehmes Umfeld für die Kunden.

Der für den Schokoriegel an der Tankstelle das Doppelte zahlt.
Unsere Fläche ist auch viel kleiner und teurer als die der Supermarktkette.

Was man beim Sprit gespart hat, legt man beim Schokoriegel drauf. Irrational!
So ist es. Aber für einen Schokoriegel fährt man auch nicht extra zum Supermarkt. Es geht an der Tankstelle schneller und bequemer und mit persönlicher Ansprache – dafür wird mehr bezahlt.

Persönliche Ansprache?
Bei uns kommen Kunden jeden Morgen zum Kaffee, sie holen sich eine Zeitung oder Zigaretten, so viel können die gar nicht tanken. Die Tankstelle ist ein Kommunikationszentrum, wie eine Kneipe. Ein Nahversorgungspunkt. Es muss aber passen: Wenn Sie gerne im Sterne-Restaurant essen gehen, dann erwarten Sie das sicher nicht an einer Tankstelle.

Aral versucht es an einigen Stationen mit „Rewe to go“-Shops. Wäre das auch etwas für freie Tankstellen?
Als direkter Wettbewerber des Lebensmitteleinzelhandels? Das wird nichts. Das heißt nicht, dass die Freien nichts ausprobieren. Unser Verband hat eine Tankstelle des Jahres prämiert, die ein umfangreiches Angebot an Weinen präsentiert – allerdings auch in einer Weintrinkergegend.

Wann ist eigentlich der Sprit am günstigsten, zwischen 17 und 19 Uhr?
Das kann man so pauschal nicht sagen. Die Konzerne probieren einiges aus. In jüngster Zeit steigen schon mittags die Preise, nicht erst am späten Abend. Am Nachmittag geht es dann häufig runter, mit dem Ergebnis, dass sich die größte Nachfrage verschiebt. Damit gehen den Betreibern und Pächtern Einnahmen aus dem Geschäft mit Frühstück, Brötchen, Snacks, Kaffee und Zigaretten verloren.

Nachmittags kauft man keine Snacks?
Das schon. Aber wenn die Schlangen lang sind, haben die Kunden im Pendel- oder Berufsverkehr wenig Zeit und Lust, noch Kaffee und Kuchen zu konsumieren.

Wie groß sind die Einbußen?
Das können schon mal 1000 Euro im Monat sein.

Herr Grebe, wie geht es weiter mit den Spritpreisen? Wird Tanken noch billiger?
Ich müsste auch in die Glaskugel schauen. Meine Prognose lautet: Wenn es keine neuen großen Krisen gibt und der Iran mit seinem Öl auf den Weltmarkt kommt, dann wird der Ölpreis sinken – und damit die Spritpreise an der Tankstelle.

Das Gespräch führte Henrik Mortsiefer

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