Wechsel an der Spitze des BDI : Ein Dienstleister für die Industrie

Dieter Kempf übernimmt das Amt des BDI-Präsidenten von Ulrich Grillo. Der neue Mann will Deutschland digitalisieren und schlägt moderate Töne an.

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Der 63-jährige Dieter Kempf leitet von Januar an den Dachverband im Ehrenamt.
Der 63-jährige Dieter Kempf leitet von Januar an den Dachverband im Ehrenamt.Foto: dpa

Zum ersten Kennenlernen lud Dieter Kempf in das Open Innovation Lab auf dem Bötzow-Areal an der Prenzlauer Allee. Hier tüfteln vor allem junge Leute in offenen Werkstätten an neuen Werkstoffen oder Verfahren. Hier fühlt sich Kempf heimisch, wenn zum Beispiel an einem digital gesteuerten Webstuhl die Verbindung von Textil- mit Glasfasern zu besichtigen ist. Digitalisierung ist Kempfs Thema. Und da Digitalisierung überhaupt Wirtschaft und Gesellschaft gravierend verändert, ist Dieter Kempf nun Präsident des Bundesverbandes der Industrie (BDI). Am Montag wählte die Mitgliederversammlung des Verbandes den 63-jährigen Bayern zum Nachfolger von Ulrich Grillo. Der Industrielle aus Duisburg hatte den BDI die vergangenen vier Jahre im Ehrenamt geführt.

Kempf war Chef des IT-Konzerns Datev

An der Person Kempfs wird die Zeitenwende sichtbar. Der studierte Betriebswirt hat sein Berufsleben in der Dienstleistungsbranche verbracht, erst als Berater bei Ernst & Young und dann zweieinhalb Jahrzehnte an der Spitze des Nürnberger IT-Dienstleisters Datev, ein Unternehmen mit rund 7000 Beschäftigten. Aber ein „Dienstleister“ an der Spitze des Dachverbandes der Industrie – kann das funktionieren? Kempf hat immerhin Verbandserfahrung, fünf Jahre war er Präsident des BDI-Mitgliedsverbandes Bitkom und wegen dieser Funktion dann auch Vize beim BDI. „Im wichtigsten Wirtschaftsverband dieses Landes“, wie Kempf selbstbewusst den BDI beschreibt, will er nun mitwirken, „dass unserem Land die Digitalisierung gelingt“.

Ulrich Grillo hat den BDI die vergangenen vier Jahre geführt.
Ulrich Grillo hat den BDI die vergangenen vier Jahre geführt.Foto: Thilo Rückeis

Zukunft des Bündnis für Industrie ist offen

Die Amtsträger an der BDI-Spitze machten in den vergangenen 20 Jahren eine bunte Mischung aus. Auf die lautstarken Klassenkämpfer Hans-Olaf Henkel und Michael Rogowski folgte der verbindliche, konsensorientierte Jürgen Thumann. Danach der eher unauffällige Baumanager Hans-Peter Keitel und zuletzt dann eben der Duisburger Grillo, eine elegante Erscheinung, immer wie aus dem Ei gepellt. Grillo war präsent in Berlin und hat der Industrie Gesicht und Stimme gegeben, auch durch das von ihm, der IG Metall und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) initiierte „Bündnis Zukunft der Industrie“. Anders als in vielen anderen Ländern spielt die Industrie in Deutschland noch eine herausragende Rolle. Und damit das in Zeiten des Klimaschutzes, der Energiewende und der Digitalisierung auch so bleibt, schuf man in bester deutscher Tradition von konsensualer Politikverabredung das Bündnis.

Kempf will mehr erklären als fordern

Der neue BDI-Präsident setzt einen anderen Schwerpunkt. Kempf möchte im Rahmen der „digitalen Transformation“ Dienstleister und Industriebetriebe zusammenbringen und vor allem auch den Mittelstand fitmachen für die neue Welt. In der Präsidentenrolle will Kempf vor allem vermitteln und erläutern: „Wir als Verband müssen Wirtschaft anders erklären als bislang“, sagt Kempf und nennt Themen wie die Freihandelsabkommen Ceta und TTIP oder die Klima- und Energiepolitik, in der die Belange der Industrie von der breiten Bevölkerung bisweilen nicht verstanden werden. „Wir müssen erklären, nicht nur fordern.“ Die üblichen Appelle eines Arbeitgeberfunktionärs („Wir reden zu viel über Umverteilung und zu wenig über die Voraussetzungen für Wachstum.“) hat Kempf auch parat, doch gleichzeitig kritisiert er erstaunlich offen Fehlentwicklungen in den eigenen Reihen. „Befristete Verträge und Praktika anstelle anständiger Beschäftigung halte ich für falsch.“ Und abgesehen vom administrativen Aufwand für die Dokumentation hat der „Freund der Tarifautonomie“ am gesetzlichen Mindestlohn nichts auszusetzen. Wohl aber an Managergehältern, die sich immer weiter von „normalen“ Einkommen entfernt haben. „Ich wüsste nicht, wie man das erklären soll“, sagt Kempf.

Die Fusion der Verbände war geplatzt

Ob der BDI-Präsident erfolgreich sein wird, hängt nicht allein von ihm selbst ab. Joachim Lang, bislang oberster Eon-Lobbyist in Berlin, löst im nächsten Frühjahr Markus Kerber als BDI-Hauptgeschäftsführer ab. Lang ist dann zuständig für das Funktionieren des BDI-Apparats mit 170 Mitarbeitern, Kempf hält die wichtigen Reden und muss versuchen, Gehör in der Politik zu finden. Und eine vernünftige Arbeitsteilung mit seinen Präsidentenkollegen vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) zu organisieren.

Die drei Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft bewohnen in Berlin ein gemeinsames Haus in Mitte an der Spree und haben über die Jahre immer mal wieder über die eine oder andere Fusion nachgedacht. Zuletzt vor zwei Jahren, als im Bremer Ratskeller die Präsidenten und Hauptgeschäftsführer von BDA und BDI den Zusammenschluss für den Zeitpunkt verabredeten, wenn an der BDI- Spitze sowieso ein Wechsel stattfindet. Also jetzt. BDA-Präsident Ingo Kramer und sein Hauptgeschäftsführer Reinhard Göhner, ein langjähriger CDU-Politiker, hielten sich aber nicht an die Verabredung, wonach als Göhner-Nachfolger kein Politiker bestellt werden sollte. Es wurde vielmehr der CDU-Finanzstaatssekretär Steffen Kampeter ausgewählt, worauf hin Grillo und Kerber verärgert die Fusion absagten und sich auf die Suche nach einer BDI-Führung nach gewohntem Muster machten. Im Kreise der Vizepräsidenten wurde man fündig. Zum 1. Januar übernimmt jetzt Dieter Kempf den Job.

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