Wirtschaft : „Weitsichtiger als die Politik“

Deutsche Banken können mit dem Schuldenschnitt für Griechenland und den neuen Kapitalvorgaben leben

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Nur eine Marionette. So sehen jedenfalls Occupy-Demonstranten in Frankfurt am Main Bundeskanzlerin Angela Merkel. Foto: dapd
Nur eine Marionette. So sehen jedenfalls Occupy-Demonstranten in Frankfurt am Main Bundeskanzlerin Angela Merkel. Foto: dapdFoto: dapd

Frankfurt am Main – Der geplante Schuldenschnitt für Griechenland und die von den Euro-Regierungen verordnete Rekapitalisierung trifft die deutschen Banken weniger stark als erwartet. Insgesamt müssen sich die Institute wohl fünf bis fünfeinhalb Milliarden Euro beschaffen. „Der Kapitalisierungsbedarf deutscher Banken wird deutlich unter den zunächst öffentlich genannten Werten liegen. Das zeigt auch sehr deutlich, dass die deutschen Banken aus der Krise gelernt und ihre Krisenresistenz deutlich verbessert haben“, sagte Christian Brand, Präsident des Verbandes öffentlicher Banken (VÖB) am Montag in Frankfurt am Main. Auch Dieter Hein, Bankenanalyst von Fairresearch, spricht von fünf Milliarden Euro. Er verweist darauf, dass gerade bei deutschen Instituten eigentlich starke Kursgewinne aus ihrem hohen Bestand an Bundesanleihen gegengerechnet werden müssten.

Entlastend für die deutschen Institute wirkt sich zudem aus, dass sie ihre Bestände von griechischen Staatsanleihen wahrscheinlich bereits um 50 Prozent abgeschrieben haben. Damit haben sie den jetzt angedachten Schuldenschnitt für Griechenland vorweggenommen, so dass weitere Abschreibungen gar nicht notwendig sein könnten. Den Banken sei wohl schon im Juli bei der Vereinbarung über die Beteiligung von 21 Prozent am Rettungspaket für Athen klar gewesen, dass es noch dramatischer werde, sagt Rubertus Rothenhäuser, Analyst der Macquairie Bank Deutschland. „Die Banken haben ihre Hausaufgaben schon gemacht, sie sind weitsichtiger als die Politik.“

Welche Banken sich wie viel frisches Geld beschaffen müssen, ist noch unklar. Bis Mitte 2012 soll die sogenannte harte Kernkapitalquote von derzeit sechs auf neun Prozent steigen. Zumindest die Deutsche Bank liegt nach eigenen Angaben mit derzeit rund zehn Prozent darüber. Möglicherweise treffen die erhöhten Kapitalanforderungen vor allem die Landesbanken. VÖB-Präsident Brand wollte sich dazu am Montag allerdings nicht äußern. Es sei sicher keine triviale Angelegenheit, neue Vorgaben, die im Zuge des Basel-III-Abkommens schrittweise erst ab 2013 umgesetzt werden sollten, jetzt auf einen Schlag schon Mitte 2012 einzuführen.

Unklar ist offenbar auch noch, wie die Euro-Regierungen und auch die europäische Bankenaufsicht EBA das Eigenkapital im Detail definieren. Im Blick auf die Landesbanken ist dort besonders wichtig, dass stille Einlagen – in der Regel durch die jeweiligen Landesregierungen – als Kernkapital anerkannt werden. „Das wäre völlig angemessen“, sagt Brand. Im Frühjahr hatte es darüber zwischen der EBA und der Landesbank Hessen-Thüringen heftigen Streit gegeben. Offenbar soll die Definition aus den Stresstests gelten. US-Banken hatten den Kapitalbedarf ihrer europäischen Konkurrenten zum Teil auf mehr als 200 Milliarden Euro geschätzt. Bankenanalyst Hein vermutet dahinter ein Kalkül. Laut EU geht es tatsächlich um rund 110 Milliarden Euro. Die Banken sollen ihre Kapitallücken zunächst selbst versuchen zu schließen. Erst danach können die jeweiligen Staaten eingreifen, die sich in einem dritten Schritt auch über den Bankenrettungsfonds EFSF – allerdings unter strikten Auflagen – Geld besorgen könnten.

Nach Ansicht von VÖB-Präsident Brand kann die relativ kurze Frist bis Mitte 2012 dazu führen, dass sich die Banken kein frisches Kapital beschaffen, sondern die Quote dadurch erhöhen, dass sie Risiken und damit Geschäft abbauen. Diese Option führe „unweigerlich zu einer Verminderung der Kreditvergabefähigkeit einer Bank“. Im Sinne des Mittelstandes sei es sicher nicht, wenn die Banken in ihrer Rolle als Finanzierer der Volkswirtschaft beschränkt würden. Im vergangenen Jahr bei der Verabschiedung der Basel-III-Regeln hatten die privaten Banken den Kapitalbedarf für die zehn größten deutschen Institute auf bis zu 105 Milliarden Euro geschätzt – und den möglichen Abbau von Krediten auf bis zu 1000 Milliarden Euro.

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