Wirtschaft : Weniger für mehr

Obwohl 2011 mehr Medikamente verordnet wurden, sanken die Arzneimittelausgaben.

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Berlin - Die von Philipp Rösler in seiner Zeit als Gesundheitsminister verordneten Zwangsrabatte und das Preismoratorium haben Wirkung gezeigt: Im vergangenen Jahr hat die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) deutlich weniger für Medikamente ausgegeben als noch 2010. Insgesamt gingen die Kosten um knapp 1,2 Milliarden auf 29 Milliarden Euro zurück, wie der Verband forschender Arzneimittelhersteller (VFA) am Montag bei der Präsentation des Arzneimittel-Atlasses mitteilte. Die Übersicht über die Entwicklung des Medikamentenverbrauchs wird jährlich vom Berliner IGES-Institut für den VFA erstellt. 2010 hatten die Ausgaben der GKV für Medikamente noch um 0,6 Prozent zugenommen.

Hauptgrund für die Einsparungen waren dem VFA zufolge die „gesetzlichen Maßnahmen“. Seit dem zweiten Halbjahr 2010 gelten ein Zwangsrabatt von 16 Prozent auf alle Arzneimittel sowie ein Moratorium, das die Arzneimittelpreise bis Ende 2013 einfriert, damit die Hersteller die Rabatte nicht mit Preiserhöhungen umgehen können. Zusätzlich hätten Patentabläufe, stärkerer Preiswettbewerb und freiwillige Rabatte der Hersteller zu den sinkenden Preisen beigetragen, sagte die Hauptgeschäftsführerin des VFA, Brigit Fischer. Insgesamt lagen damit die Einsparungen durch den Preis und technische Faktoren wie ablaufende Patente bei rund 2,5 Milliarden Euro.

Allerdings standen diesen Einsparungen Mehrkosten in Höhe von 426 Millionen Euro wegen der Verwendung neuer, patentgeschützter Arzneien sowie von knapp einer Milliarde Euro wegen eines erhöhten Verbrauchs an Arzneimitteln gegenüber. So wurden 2011 fast 40 Milliarden sogenannte Tagesdosen verordnet, 2,6 Prozent mehr als noch im Jahr zuvor. Die geht dem IGES zufolge sowohl auf eine bessere Versorgung der Bevölkerung, die zunehmende Alterung sowie höhere Überlebenschancen bei schweren Krankheiten wie HIV oder Krebs zurück. Auch eine Zunahme der Diabetes-Erkrankungen habe dazu beigetragen, erklärte der Leiter des IGES, Bertram Häussler.

Im Schnitt gab damit im vergangenen Jahr jeder Bundesbürger 388 Euro für Medikamente aus, 3,7 Prozent weniger als im Vorjahr. Der Arzneimittel-Atlas untersuchte zudem die Kostenunterschiede in den einzelnen Bundesländern. Demnach sind die Ausgaben der GKV für Medikamente im Osten der Republik deutlich höher als im Westen. An der Spitze liegt Mecklenburg-Vorpommern mit Ausgaben von durchschnittlich 494 Euro pro Versichertem, dahinter folgen Berlin (482 Euro), Sachsen (474 Euro) und Thüringen (463 Euro). Ein wesentlicher Grund für die hohen Kosten in Ostdeutschland ist dem IGES zufolge die große Anzahl älterer Menschen. In Berlin fallen die hohen Ausgaben für Aids-Medikamente ins Gewicht. Bezogen auf alle gesetzlich Versicherten lagen die Ausgaben für die HIV-Versorgung in den meisten Ländern zwischen drei und acht Euro pro Kopf, in Berlin hingegen bei 51 Euro.

Während die Kosten für Arzneimittel sanken, stiegen sie dem IGES zufolge in anderen Bereichen des Gesundheitssystems an. So legten die Ausgaben für die Behandlung bei Ärzten um zwei Prozent, die für die Versorgung in Krankenhäusern um 3,1 Prozent zu. VFA-Hauptgeschäftsführerin Fischer kritisierte daher, dass bei Einsparungen „nur der Arzneimittelbereich in den Blick genommen“ werde. Stattdessen müsse man gemeinsam mit Ärzten, Apotheken, Krankenhäusern, Patienten und der Politik nach Lösungen suchen, sagte Fischer. Weitere gesetzliche Preiseingriffe bei Medikamenten würden die Fortschritte bei der Versorgung der Patienten gefährden.

„Die Einsparungsmöglichkeiten für die Ärzte sind nahezu ausgereizt“, sagte dagegen Roland Stahl, Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Besonders die chronischen Erkrankungen nähmen zu. Deutschlands Ärzte seien heute schon „Weltmeister“ im Verordnen von Nachahmerpräparaten, die ebenfalls einen Anteil am Rückgang der Arzneimittelausgaben hätten. Der GKV-Spitzenverband warnte vor einem Kostensprung im laufenden Jahr: „Im ersten Halbjahr 2012 sind die Arzneimittelausgaben bereits um rund 3,5 Prozent gestiegen“, sagte Sprecher Florian Lanz. Der Spareffekt durch die Zwangsrabatte aus 2011 sei verpufft, nun würde die Zunahme der Verordnungen auch wieder die Kosten treiben. „Wenn das so weitergeht, werden sich die Mehrausgaben in diesem Jahr auf eine Milliarde Euro summieren“, sagte Lanz.

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