Wirtschaft : Windkraft macht Strom billiger

Die Verbraucher sparen Milliarden – sagt ausgerechnet eine Studie von Eon

Anselm Waldermann

Berlin - Hässlich, laut, teuer – das sind die gängigen Vorurteile gegen die Windkraft. Zumindest der letzte Punkt ist nun widerlegt. Zwei Studien, die dem Tagesspiegel vorliegen, weisen nach, dass die Windkraft keineswegs so teuer ist, wie oft gesagt wird. Im Gegenteil: Sie lässt den Strompreis sogar sinken. Besonders pikant: Die Autoren der einen Studie arbeiten für den Energiekonzern Eon – einen der schärfsten Gegner der Windkraft.

Angesichts der hohen Strompreise sind die Öko-Energien in die Kritik geraten. Die Vergütung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) mache den Strom so teuer, klagt die etablierte Stromwirtschaft in seltener Eintracht mit der Energie verbrauchenden Industrie. Zum Teil haben die Ökostromgegner damit sogar Recht: So mussten die Stromkunden im vergangenen Jahr für Windstrom 1,2 Milliarden Euro mehr bezahlen, als die gleiche Menge konventioneller Strom gekostet hätte.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit, sagt Sven Bode vom Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA). Er hat die Wirkung des EEG auf den Strompreis untersucht und dabei Erstaunliches festgestellt. Denn an der Leipziger Energiebörse EEX wird der Strompreis nicht etwa von den durchschnittlichen Erzeugungskosten bestimmt. Entscheidend ist vielmehr das teuerste Kraftwerk, das zur Produktion der nachgefragten Menge benötigt wird („Grenzkosten-Theorie“). In Spitzenzeiten sind das die Gaskraftwerke, die deutlich höhere variable Kosten haben als Kohle- oder gar Atomkraftwerke. Bei geringerer Nachfrage hingegen gehen die teuren Gaskraftwerke als Erste vom Netz – fortan wird der Preis von den günstigeren Kohlekraftwerken bestimmt.

Genau dieser Effekt tritt ein, wenn der Wind weht. Denn die Energiekonzerne müssen Windstrom vorrangig in ihr Netz aufnehmen – der Bedarf an konventionellem Strom sinkt entsprechend. In der Folge richtet sich der Börsenpreis nicht mehr nach den teuren Gas-, sondern nach den günstigeren Kohlekraftwerken.

Insgesamt stehen in Deutschland an einem durchschnittlichen Tag 3000 Megawatt Windstrom zur Verfügung. „Bei diesem Angebot sinkt der Börsenpreis je Megawattstunde um 1,70 Euro“, erklärt Bode. Insgesamt pendelt der Preis zwischen 40 und 60 Euro. Hochgerechnet auf den gesamten Strommarkt sind 1,70 Euro eine relevante Größe. So werden in Deutschland pro Jahr etwa 500 Millionen Megawattstunden verbraucht. Die Ersparnis dank Windstrom beläuft sich damit auf insgesamt 850 Millionen Euro.

Zu einem noch drastischeren Ergebnis kommen Jürgen Neubarth und Michael Gerecht. Die Wissenschaftler sind für den Eon-Konzern tätig. Trotzdem haben sie zusammen mit Fachkollegen von der Universität Duisburg-Essen einen noch höheren Preiseffekt errechnet als das HWWA. Ihren Beobachtungen zufolge sinkt der Strompreis schon bei einem Windangebot von 1000 Megawatt um 1,90 Euro je Megawattstunde. Noch größer wird die Ersparnis, wenn der Wind stärker weht: „Bei einer Windstromerzeugung von 4000 Megawatt liegt der Börsenpreis um 7,60 Euro unter dem Börsenpreis für einen Tag ohne Windstromerzeugung“, schreiben die Autoren.

Eon passt diese Erkenntnis überhaupt nicht, die Studie würde man am liebsten totschweigen. „Wissenschaft ist das eine, die energiewirtschaftliche Praxis spricht eine andere Sprache“, sagt ein Sprecher. So habe die Studie nicht berücksichtigt, dass der Wind unregelmäßig weht. „Das verursacht zusätzliche Kosten.“

Für Matthias Hochstätter vom Bundesverband Windenergie ist das kein Argument. Er wundert sich vielmehr, warum die Eon-Autoren die letzte Konsequenz ihrer Ausführungen nicht berechnet haben. „Da käme nämlich raus, dass die Ersparnis die EEG-Vergütung übersteigt.“ Tatsächlich zahlen die Stromkunden bei einem um 7,60 Euro niedrigeren Börsenpreis 3,8 Milliarden Euro weniger – ein eindeutiges Plusgeschäft im Vergleich zu den 1,2 Milliarden Euro, die der Windstrom laut EEG kostet. „Diese Erkenntnis will Eon wohl für sich behalten“, sagt Hochstätter.

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