Wirtschaft im 16. Jahrhundert : Wie Martin Luther den Kapitalismus reformierte

Die Zinsgeschäfte der damals mächtigen Bankiersfamilie Fugger provozierten den Reformator Martin Luther. Er prägte ein neues Verständnis von Wirtschaft.

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Martin Luther (1483-1546) auf einem Bild von Lucas Cranach dem Älteren.
Martin Luther (1483-1546) auf einem Bild von Lucas Cranach dem Älteren.Foto: imago/Leemage

Daniel Blake hat 40 Jahre als Tischler gearbeitet und würde am liebsten immer so weitermachen. Doch er erleidet einen schweren Herzinfarkt, seine Ärztin schreibt ihn krank. Zum ersten Mal im Leben muss er beim Arbeitsamt um Hilfe bitten. Doch dort ist er nur eine Nummer im System. Es wird ihm nicht zugehört und nicht geglaubt, das Krankengeld wird gestrichen.

Daniel Blake ist die Hauptperson in Ken Loachs Sozialdrama „Ich, Daniel Blake“, das gerade in den Kinos läuft. Der Film zeigt, wie mit Menschen umgegangen wird, wenn vor allem ihre ökonomische Verwertbarkeit zählt. Daniel Blake ist eine erfundene Figur, doch die Realität sei noch viel schlimmer, sagte der 80-jährige Regisseur in Interviews. Studien belegen, dass diese Daniel Blakes in Großbritannien keine Seltenheit sind. In den vergangenen Jahren wurde im britischen Sozialsystem massiv gekürzt, und in kaum einem westeuropäischen Land ist die Kluft zwischen Arm und Reich so auseinandergegangen.

Luther hasste die Kapitalisten seiner Zeit

Das hat mit Großbritanniens jüngerer Geschichte zu tun, aber auch mit Entwicklungen, die einige Jahrhunderte zurückliegen. Es hat viel mit jenen religiösen Traditionen zu tun, die Martin Luther und seine Mitreformatoren vor 500 Jahren in Wittenberg und Genf angestoßen haben und die 2017 gefeiert werden. Sie haben zur Entstehung des kapitalistischen Denkens beigetragen, das sich 300 Jahre später im „Manchester-Kapitalismus“ von seiner brutalen Seite zeigte. Der Kapitalismus englischer und US-amerikanischer Ausprägung ist aber nicht eins zu eins die Folge der Reformation. Es ist eine unbeabsichtigte Nebenwirkung.

Denn Martin Luther hasste die Kapitalisten seiner Zeit, die man noch nicht so nannte. Dass er 1517 seine Thesen veröffentlichte, hatte viel mit Jakob Fugger zu tun, dem damals wohl reichsten Kaufmann der hier bekannten Welt. Luther hat ihn nie persönlich kennengelernt, indirekt begegnete er ihm auf Schritt und Tritt. Denn der Alltag der Menschen zu Beginn des 16. Jahrhunderts war durch und durch ökonomisiert. Alles hatte seinen Preis, alles war käuflich, alles war durchdrungen vom aufs Geld konzentrierten Denken der großen frühkapitalistischen Handelsgesellschaften der Fugger, Welser und Medici. Mit Zustimmung der Kirche wurde das biblische Zinsverbot aufgeweicht, Bischöfe und Kardinäle, Päpste und Gegenpäpste, Kaiser und Kurfürsten verschuldeten sich bei Fugger, um Ämter und Titel zu kaufen und Kriege zu finanzieren. (Aus unserem Archiv: Lesen Sie hier ein Stück über Geld in der Bibel.)

Porträt des Bankiers und Kaufmanns Jakob Fugger von Albrecht Dürer (um 1519).
Porträt des Bankiers und Kaufmanns Jakob Fugger von Albrecht Dürer (um 1519).Foto: Wikimedia

Sogar das Seelenheil war käuflich, und die seelische Not war groß. Um 1500 rechneten viele Menschen damit, dass das Ende der Welt unmittelbar bevorsteht; was sie im Jenseits erwartete, führten ihnen die Maler in schaurigen Details vor Augen. Kein Wunder, dass sie die kirchlichen Angebote zur Seelenrettung begierig in Anspruch nahmen. Die Reichen stifteten Kapellen und Klöster, den Ärmeren blieben Rosenkränze, Wallfahrten und Ablassbriefe, die versprachen, man könne sich gegen Zahlung von Geld die Zeit im Fegefeuer verkürzen. „Erlösungskapitalismus“ nennt Willi Winkler in seiner Luther-Biografie die gut geölte Verzahnung von kirchlicher und weltlicher Gewinnsteigerung.

Luther erfand das Konzept des "Berufes"

Der Mönch in Wittenberg verstand nicht viel vom wirtschaftlichen und politischen Geschäft. Aber er war überzeugt, dass Gott nicht käuflich ist und dass die Ablassbriefe eine falsche Gewissheit vermitteln. Er vermutete dahinter eine Strategie des Teufels und wollte seine Zeitgenossen wachrütteln. Das frühkapitalistische Denken ging ihm sowieso gegen den Strich, weil er Zins und Wucher für Todsünden hielt. Er forderte die Christen auf, „dass wir sollen geben frei umsonst jedermann, der dessen bedarf oder begehret“.

Zugleich ebnete Martin Luther dem kapitalistischen Wirtschaften den Weg. Denn er erfand den „Beruf“. Im Mittelalter waren nur Mönche und Priester von Gott „berufen“. Sie sollten ein perfektes christliches Leben führen und wurden dafür mit der Aussicht auf einen vermeintlich sicheren Weg zum Heil belohnt. Diese Vorstellung ging nicht zusammen mit Luthers Überzeugung, dass Gottes Gnade jedem Menschen zuteil wird. Und so predigte er, dass jeder „berufen“ sei und so leben und vor allem auch arbeiten müsse, dass es Gott gefällt – egal, ob als Magd, Bauer oder Fürst.

Calvin prägte England und die USA bis heute

Der Schweizer Reformator Johannes Calvin überhöhte die Bedeutung der Arbeit religiös noch weiter. Calvins Nachfolger entwickelten daraus den Gedanken, dass man am Erfolg der Arbeit erkennen könne, ob einer von Gott persönlich erwählt sei. Und weil natürlich jeder vor Gott glänzen wollte, legten die Puritaner genau fest – und besonders die in England –, wie eine gottgewollte Lebensführung auszusehen hat: asketisch, diszipliniert, bildungsbeflissen. Der Glaube an Gott verband sich mit wirtschaftlicher Rationalität und höchster Effizienz. Fortan durfte sich niemand mehr ausruhen auf dem Erwirtschafteten, Genuss und Müßiggang galten als schwere Sünde. Unermüdlich musste gearbeitet und gelernt werden, Gott eröffnete schließlich überall Chancen, die genutzt werden mussten.

Porträt Johannes Calvin (1509 bis 1564), gezeichnet von Hans Holbein dem Jüngeren.
Porträt Johannes Calvin (1509 bis 1564), gezeichnet von Hans Holbein dem Jüngeren.Foto: Wikimedia

Luther wollte, dass sich die Menschen abfinden mit dem Los, das ihnen vermeintlich Gott aufgegeben hatte. Jetzt zählte das berufliche und soziale Weiterkommen, denn je mehr einer ist und hat, umso mehr ruht Gottes Wohlwollen auf ihm, so der Gedanke. „Mit dem Bewusstsein, in Gottes voller Gnade zu stehen und von ihm sichtbar gesegnet zu werden, vermochte der bürgerliche Unternehmer (...) seinen Erwerbsinteressen zu folgen und sollte dies auch tun“, schrieb der Soziologe Max Weber in seinem berühmten Aufsatz „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Arbeiter für das eigene Erwerbsinteresse auszubeuten, war durchaus erlaubt, ebenso die Anhäufung von Kapital über das hinaus, was zum Leben wichtig ist. Die englischen Auswanderer nahmen ihr calvinistisch-puritanisches Erbe mit in die neue Welt, gründeten Universitäten und formten den Kapitalismus moderner Prägung.

Heute mehrt kein Topmanager das Kapital seines Unternehmens, weil er Gott gefällig sein will, sondern weil er die Märkte befriedigen muss. Der Glaube an Gott ist längst säkularisiert, heute ist der Glaube an die Aktienkurse sakrosankt. Gewinn und Verlust sind an die Stelle von Gut und Böse getreten.

Heute gilt eher: Wer Erfolg hat, macht sich verdächtig

Der Kapitalismus hat viel Gutes bewirkt. Er hat Millionen Menschen aus der Armut befreit und zu einem besseren Leben verholfen. Doch auch der Glaube an den Kapitalismus muss säkularisiert werden. Der Kapitalismus und auch die soziale Marktwirtschaft deutscher Prägung sind nicht das Paradies. Märkte und Konzerne dürfen sich nicht absolut setzen. Das können sie von den Kirchen lernen. Diese haben in einem langen, schmerzhaften Prozess verstanden, dass Wahrheitsansprüche in der modernen, pluralistischen Welt Regeln und Begrenzungen brauchen. Sonst geraten die Menschen aus dem Blick und mit ihnen die Empfindlichkeit für die Schwächeren, für Leid und Unglück der anderen. Dann zählt nur noch ihre Verwertbarkeit und Nützlichkeit für das System, der Mensch wird zur Nummer. Die Wirtschaft muss den Menschen dienen und nicht der Mensch ihr Küster sein.

Die Puritaner gingen davon aus, dass sich am wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmers das Wohlwollen Gottes ablesen lässt. In vielen deutschen Kirchengemeinden gilt heute das Gegenteil: Wer wirtschaftlich erfolgreich ist und das auch noch zeigt, macht sich verdächtig. Ihm wird gern unterstellt, dass er Teil des Systems ist, das von der brasilianischen Kautschukplantage bis zur Textilfabrik in Bangladesch brutal die Arbeiter ausbeutet. Auch das Ressentiment setzt Dinge absolut und verliert die Menschen aus dem Blick.

Der Kapitalismus und die „Märkte“ sind keine übernatürlichen Phänomene. Sie sind nicht per se schlecht oder gut. Es sind immer Menschen, die handeln und soziale Verantwortung übernehmen – oder nicht. Christen glauben daran, dass Gott jeden Einzelnen im Blick hat. Gerade Christen sollten deshalb niemanden in Kollektivhaftung nehmen, und sei es in bester Absicht.

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