Wirtschaft und Nachhaltigkeit : Altbundespräsident Köhler liest der Wirtschaft die Leviten

Horst Köhler warnt vor den zerstörerischen Folgen der aktuellen Wirtschaftsweise. Mit diesem Ressourcenverbrauch sei Wohlstand für alle nicht zu haben. Er hofft auf eine neue globale Partnerschaft.

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Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler hat vor dem Nachhaltigkeitsforum der deutschen Wirtschaft mehr Engagement der Unternehmen bei der Überwindung von Armut und beim Schutz der ökologischen Basis menschlichen Überlebens zu zeigen.
Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler hat vor dem Nachhaltigkeitsforum der deutschen Wirtschaft mehr Engagement der...Foto: Martin Schutt/picture-alliance/dpa

Der moralische Kompass von Horst Köhler ist kein bisschen eingerostet. Der ehemalige Bundespräsident las der deutschen Wirtschaft am Dienstag bei einer Veranstaltung des Forums Nachhaltige Entwicklung der Deutschen Wirtschaft (Econsense) mit Blick auf die globalen Ungerechtigkeiten ordentlich die Leviten. Er machte sich zwar nicht die These der Globalisierungskritikerin Naomi Klein zu eigen, die im Kapitalismus „die Wurzel allen Übels“ sieht. Aber die „Parolen“ der Wirtschaft, wonach sie „nicht das Problem sondern die Lösung“ sei, hält er für genauso falsch.

Köhler wies eindringlich darauf hin, dass der Preis für die „schöpferische Rastlosigkeit“ der Marktwirtschaft ein „gnadenloser Raubbau an der Natur“ sei. Auch habe die gegenwärtige Wirtschaftsweise „wenig Gnade mit denen, die nicht mithalten können“. Die „Wucht im Kreativen wie Destruktiven“ drohe die Welt zu zerreißen, sagte Köhler – und entschuldigte sich gleich für das Pathos. Das westliche Wohlstandsniveau bei gleichbleibend hohem Ressourcenverbrauch für alle sei „physikalisch nicht möglich“. Die ökologischen Belastungsgrenzen seien teilweise längst überschritten. Köhler nannte vor allem den Klimawandel und seine negativen Konsequenzen.

Köhler: TTIP darf armen Ländern nicht schaden

Für den Altbundespräsidenten wäre die Lösung, „dann bleiben die anderen halt arm“, keine Alternative. Das wäre ethisch „so absurd“, dass sie „alle unsere anderen Werte gleich mit in die Tonne treten würde“, sagte Köhler. Er warnte davor, mit dem Abschluss des geplanten europäisch-amerikanischen Freihandelsabkommen TTIP die Chancen von Entwicklungsländern im Welthandel einzuschränken. Denn dort werde Wachstum dringend gebraucht, um der extremen Armut Herr zu werden, in der rund eine Milliarde Menschen bis heute lebe.

Konsum als Pflicht

Köhlers Appell an die deutsche Wirtschaft war dann allerdings ziemlich grundsätzlich. Die „Abhängigkeit unserer Demokratie“ von hohen Wachstumsraten mache ihm Sorgen, sagte er. Ein Wirtschaftsmodell, in dem „Konsum zur Pflicht wird“ sei jedenfalls nicht überlebensfähig. Da ist er sich sicher. Mit Blick auf den Klimawandel plädierte Köhler leidenschaftlich für einen Preis für den Ausstoß von Kohlendixod. Am einfachsten, meinte er, sei eine „internationale CO2-Steuer“. Ohne eine langfristige Perspektive und internationale Kooperation – „eine neue globale Partnerschaft“ - , seien diese Probleme nicht zu lösen.

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Der Chef des Industrieverbands BDI, Ulrich Grillo, tat sich im Anschluss etwas schwer, die Leistungen der deutschen Wirtschaft ins rechte Licht zu rücken. Er verlangte eine „Wirtschaft mit Haltung und Anstand“. Auf einen großen globalen Wandel wollte sich Grillo da nicht festlegen lassen, aber wenigstens dem Bild des „ehrbaren Kaufmanns“ sollte die Wirtschaft folgen, meinte er.

Wie deutsche Firmen im Ausland investieren

Es geht nicht nur ums Geldverdienen, findet auch Econsene-Chef Wolfgang Große-Entrup. Er lobte die deutschen Unternehmen, die bei ihren Auslandsinvestitionen zumindest nach ihrer eigenen Einschätzung nicht nur an den Profit denken. Bei der Tagung stellte das Institut der Deutschen Wirtschaft eine Studie vor, in der sie die Praxis deutscher Unternehmen im Ausland abgefragt hat. Mehr als 84 Prozent der Firmen, die ihren Online-Fragebogen zurückgeschickt haben, behaupten, die deutschen Öko-Standards auch ins Ausland mitzunehmen, 81 Prozent geben das auch für die sozialen Standards an. Mehr als 64 Prozent der Befragten betonten, dass sie in ihren Gastländern in die Ausbildung ihrer Mitarbeiter investierten und dort eine langfristige Perspektive hätten. Ein paar Kilometer weiter sagte fast zeitgleich Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) bei einer Tagung über die neuen globalen Nachhaltigkeitsziele (SDGs): „Wer über seine Verhältnisse lebt, der zehrt von der Substanz.“

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