Wirtschaftsspionage : Angriff auf die Kronjuwelen

Bei vielen Unternehmen - auch im Mittelstand - wächst das Bewusstsein für Industriespionage und Hackerangriffe. Eine Berliner Firma verspricht Schutz.

Verena Hasel
Angreifbar. Häufig werden auch besonders sensible und wertvolle Daten nur mangelhaft gegen Hacker und Spione geschützt.
Angreifbar. Häufig werden auch besonders sensible und wertvolle Daten nur mangelhaft gegen Hacker und Spione geschützt.Foto: picture alliance / dpa

Die Eingangstür erteilt die erste Lektion. Sie ist verschlossen, da helfen weder Rütteln noch Klingeln. Der Mann, den man wie verabredet trifft, als man doch hineingekommen ist, erteilt dann die zweite. Er heißt Dirk Kretzschmar, ist einer der Chefs hier und sagt, er sei leider aufgehalten worden. Eine Delegation sei zu Gast, aus Asien, Genaueres könne er nicht sagen, das sei vertraulich.

Verschlossen. Vertraulich. Das Geschäft der Firma Rohde & Schwarz SIT, die in dem dreistöckigen grauen Bau in Berlin-Adlershof sitzt, ist die Geheimhaltung. Ihre Mitarbeiter verschlüsseln Daten, für Regierungen und Militär, aber auch für Unternehmen. Und dieser Kundenkreis gewinnt gerade an Bedeutung. Früher mussten die Adlershofer Kryptologen manche Firma erst einmal darauf hinweisen, dass ihre Daten gefährdet seien. „Bei uns ist doch nichts zu holen“, war oft die Antwort. Seit dem vergangenen Sommer ist das anders – die Firma spürt den Snowden-Effekt. „Die Zahl der Anfragen hat sich verdoppelt, wenn nicht verdreifacht“, sagt Dirk Kretzschmar.

Während andere Nationen über Bodenschätze verfügen, exportiert Deutschland das Wissen der vielen mittelständischen Unternehmen. Kommt eines von ihnen zu den Kryptologen, identifizieren sie zunächst das, was Kretzschmar die „Kronjuwelen“ nennt. Gemeint sind besonders sensible und wertvolle Daten. Bei einem Automobilzulieferer könnten das zum Beispiel Konstruktionspläne sein. Das Problem: Während echte Kronjuwelen nur von einer Person getragen werden und ansonsten im Safe eingeschlossen werden können, sind die geistigen Schätze einer Firma tägliches Arbeitsmaterial von vielen Leuten.

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Jährlich entsteht ein Schaden von 50 Milliarden Euro

Um sie trotzdem zu schützen, haben die Adlershofer Produkte entwickelt, deren Beschreibungen höchst geheimnisvoll klingen. Da ist von Deep Packet Inspection, kryptografischem Mehr-Augen-Prinzip und von Layer-7-Applikationen die Rede. Aber eigentlich, sagt Kretzschmar, sei es ganz einfach. Kryptologie beruhe immer auf drei Säulen – sicherer Datenübertragung am Telefon sowie sicherer Datenspeicherung und -übertragung im Netz. Außerdem stellten Unternehmen eigene Regeln auf, und diese unterstütze man technisch. Zum Beispiel habe man eine Firewall entwickelt, die applikationsbezogen funktioniere. Da könne man beispielsweise einstellen, dass die Marketingabteilung auf Facebook posten, eine andere aber nur lesen dürfe oder ein Mitarbeiter auf Reisen Inhalte in einer Cloud ablegen könne, dies Mitarbeitern aus der Entwicklung jedoch verboten sei.

Der jährliche Schaden, den Unternehmen in Deutschland durch Industriespionage und Hackerattacken erleiden, liegt nach Angaben des Bundesinnenministeriums bei 50 Milliarden Euro. Nach einer Umfrage des IT-Branchenverbands Bitkom haben 40 Prozent der Firmen hierzulande schon Hackerangriffe festgestellt. Dass es keine offiziellen Zahlen gibt, liegt daran, dass Firmen es nicht gerne haben, wenn bekannt wird, dass Informationen bei ihnen nicht sicher sind. Viele bekommen die Spionage aber auch nicht mit. Früher, als vertrauliche Informationen noch in Briefform transportiert wurden, war das einfacher: War das Siegelwachs zerstört, wusste man, dass das Geheimnis keines mehr war. „Heute ist die größte Herausforderung, dass man einen Datenklau kaum bemerkt“, sagt Kretzschmar.

„Wir starten jetzt den Kryptoruf“

Knapp jedes vierte Unternehmen will unter dem Eindruck der Abhörskandale der vergangenen Monate mehr in Sicherheitstechnologie investieren, berichtet der Bitkom. Der Umsatz der Branche mit Firewalls, Virenscannern, Zugriffssteuerungen und Ähnlichem dürfte im abgelaufenen Jahr um bis zu zehn Prozent gewachsen sein. Noch im Sommer war die Branche von der Hälfte ausgegangen.

Gute Aussichten also für Unternehmen wie Rohde & Schwarz. „IT-Security made in Germany“ lautet ein Slogan der Firma. In Zeiten der NSA-Affäre gilt der Hinweis auf die Herkunft als besonderes Qualitätssiegel. Tatsächlich werden alle Chips und Platinen in Süddeutschland gefertigt, für die Entwicklung sind etwa 90 Mathematiker und Ingenieure in Berlin zuständig.

Einige von denen, die in der 1991 gegründeten Firma arbeiten, sind schon lange im kryptologischen Geschäft. In einem Raum im Erdgeschoss, den man firmenintern früher Museum und heute Showroom nennt, ist ein grüner Kasten mit bunten Knöpfen aufgestellt, fast so groß wie eine Jukebox. Es ist ein Fernschreibdechiffriergerät aus DDR-Zeiten. Die Geräte, die bei Rohde & Schwarz SIT heute entwickelt werden, sind um einiges kleiner. Ein besonders erfolgreiches Produkt führt Kretzschmar zusammen mit Marketingleiter Christian Reschke vor. Der graue Kasten, nur ein bisschen größer als ein USB-Stick, heißt Topsec Mobile. Haben zwei Menschen, die miteinander telefonieren wollen, beide so ein Gerät in Blue-Tooth-Reichweite ihres Handys liegen, hört ein ungebetener Lauscher nur ein Rauschen.

„Wir starten jetzt den Kryptoruf“, sagt Reschke und wählt die Nummer Kretschmars, Nachdem sie vorgeführt haben, wie so ein Hochsicherheitstelefonat geht, verabschiedet sich Kretzschmar. Er muss zum Flughafen, der nächste Kundentermin. Um wen es sich handelt, das ist natürlich vertraulich. (mit sf)

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