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Wüstenstrom : Desertec-Chef will junge Co-Chefin entmachten

Bei der Industrieinitiative Desertec (Dii) ist der schwelende Führungsstreit eskaliert. Die Geschäftsführer Paul van Son und Aglaia Wieland schwärzen sich gegenseitig bei den Konzernen an, die die Initiative finanzieren.

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Wüster Streit. Bei Desertec geht es um Stromerzeugung und -transport in der Wüste – wie hier in den Arabischen Emiraten. In der Dii-Geschäftsstelle in München geht es aber noch heißer zu..
Wüster Streit. Bei Desertec geht es um Stromerzeugung und -transport in der Wüste – wie hier in den Arabischen Emiraten. In der...Foto: picture alliance / Science Photo

Die Beteiligen befassen sich mit sauberer Energie, doch dabei geht es derzeit ziemlich schmutzig zu. In der Geschäftsstelle der Dii in München, wo die Fäden von 20 Konzernen mit Wüstenstrom-Ambitionen zusammenlaufen, ist der Machtkampf offen ausgebrochen: Auf der einen Seite steht der Geschäftsführer Paul van Son (60), der seit Gründung der Initiative im Jahr 2009 die Interessen der Desertec-Konzerne vertritt. Der Niederländer ist seit 30 Jahren im Energie-Geschäft. Ihm gegenüber steht Aglaia Wieland (38). Die ehemalige Unternehmensberaterin der Boston Consulting Group kam 2010 als Strategiechefin zur Dii und wurde 2012 zur zweiten Geschäftsführerin befördert.

Der Niederländer Paul van Son ist seit 2009 Geschäftsführer der Desertec-Industrieinitiative Dii.
Der Niederländer Paul van Son ist seit 2009 Geschäftsführer der Desertec-Industrieinitiative Dii.Foto: picture alliance / dpa


Dass es zwischen dem großväterlich wirkenden van Son und der dynamisch auftretenden Finanzexpertin nicht harmonisch läuft, wird schon länger gemunkelt, doch interessierte es niemanden wirklich. So etwas kommt in den besten Chefetagen vor. Vor drei Wochen aber, auf der Gesellschafterkonferenz im spanischen Sevilla, soll der Konflikt erstmals eskaliert sein. Dort ging es um die Frage, ob man Paul van Sons Vertrag, der zum Sonntag, den 30. Juni, kündbar wäre, tatsächlich kündigt. Wieland, deren Vertrag noch ein Jahr läuft, wäre dann alleinige Chefin.

Aglaia Wieland (38) kam 2010 als Strategiechefin zur Dii und wurde 2010 zur Co-Geschäftsführerin befördert.
Aglaia Wieland (38) kam 2010 als Strategiechefin zur Dii und wurde 2010 zur Co-Geschäftsführerin befördert.Foto: Promo


Befürworter rund um den Spezialglas-Konzern Schott warfen van Son dort laut Teilnehmern mangelnde Führungsstärke vor. So habe er das 600-Millionen-Euro schwere Solarkraft-Projekt „Sawian“ in Marokko, das als Desertec-Pilotprojekt gelten sollte, zu früh für tot erklärt. Zudem kam van Sons Vergangenheit als Manager der späteren RWE-Tochter Essent zur Sprache. Er sollte als Energie-Dino entlarvt werden, der gar kein Interesse daran haben könne, dass Wüstenstrom aus Afrika irgendwann nach Europa geleitet wird, weil das den heimischen Stromerzeugern das Geschäft kaputt machen würde. Tatsächlich missfällt einigen Gesellschaftern, dass sich van Son in letzter Zeit öfter skeptisch über einen baldigen Strom-Export nach Europa geäußert hat. Gleichwohl sprach sich am Ende eine Mehrheit der 20 Desertec-Konzerne gegen seine Kündigung aus.


Dessen Anhänger in der Dii-Geschäftsstelle witterten hinter der Debatte einen Putsch-Versuch der jungen Co-Geschäftsführerin Wieland. Daher herrschen seit dieser Woche Chaostage in München: Am Montag schrieben elf von 14 Abteilungsleitern der Dii-Geschäftstelle den Vertretern des Gesellschafterkreises einen Brief, in dem sie Wieland „von ganzem Herzen“ ihr Vertrauen aussprechen.


Am Dienstag stellten van Son und Wieland gemeinsam in Brüssel ihr 74-seitiges Strategiepapier „Desert Power: getting started“ vor – so als sei nichts gewesen.


Am Mittwoch schrieb van Son einen Brief an alle Gesellschafter, in dem er bedauert, dass es seit dem Treffen in Sevilla „noch schwerer, wenn nicht fast unmöglich“ geworden sei, Entscheidungen zu treffen. Das Prinzip Augenhöhe „funktioniert einfach nicht“. Er dränge auf eine schnelle Änderung des Führungsmodells. Man möge dem CEO (also ihm) die Entscheidungsgewalt übertragen. In dem auf Englisch verfassten Brief, der dem Tagesspiegel vorliegt, drängt van Son auf „quick action“.


Am Donnerstag erschien in der „SZ“ ein Artikel, der beschreibt, wie van Son das besagte „Sawian“-Projekt vergeigt haben soll.

Am gestrigen Freitag schließlich meldeten sich Van-Son-Loyalisten beim Tagesspiegel: Wieland spinne eine Intrige, sie sei bei der Entwicklung ihrer Strategie fast ausschließlich auf Solarthermie-Technologie fixiert, die im Schott-Konzern entwickelt wird. Sie stehe womöglich auf dessen Gehaltsliste (was Schott zurückweist). Sie habe streng vertrauliche Daten an die Presse gegeben und überdies gemeinsame öffentliche Termine mit van Son kurzfristig abgesagt und ihn damit bloßgestellt. Überhaupt sei sie extrem selten im Büro.


Wieland wies am späten Freitagabend sämtliche Vorwürfe zurück. Die machten sie „sprachlos“. Sie bestätigte einen Konflikt, „der entstehen kann, wenn Menschen mit Heißblut bei der Sache sind“. Sie hoffe, dass es sehr bald wieder um die Sache gehen könne.

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