Wüstenstrom-Initiative Dii : Desertec-Chef Paul van Son wechselt zu RWE

Es ist eine Zäsur für die Vision vom grünen Wüstenstrom für Afrika und Europa: Paul van Son, der die Industrie-Initiative Desertec aufgebaut hat, gibt den Posten nach gut fünf Jahren auf. Im Interview erklärt er die Gründe

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Gesicht zur Wüstenstrom-Vision: Der Niederländer Paul van Son (61). Ab Januar 2015 arbeitet er für RWE in Dubai.
Gesicht zur Wüstenstrom-Vision: Der Niederländer Paul van Son (61). Ab Januar 2015 arbeitet er für RWE in Dubai.Foto: Promo

Der 13. Juli 2009 in München: An jenem Sommertag vor gut fünf Jahren hatten Topmanager einiger großer Unternehmen – darunter Deutsche Bank, Eon, RWE und Munich Re – schriftlich erklärt, dass sie gemeinsam das von Forschern entwickelte Desertec-Konzept umsetzen wollen. Sie unterzeichneten ein Memorandum of Understanding. Dieses sieht gewaltige Investitionen in erneuerbare Energien in den Wüstenregionen des Mittleren und Nahen Ostens und Nordafrikas (Mena-Region) vor. Im Raum standen Investitionen von rund 400 Milliarden Euro bis zum Jahr 2050. Bis dahin sollte in dieser Region so viel Strom produziert werden, dass er auch nach Europa exportiert werden kann – um hier rund 15 Prozent des Strombedarfs zu decken. Über die Jahre gab es aber Streit mit der Desertec-Stiftung, die Probleme mit der Herangehensweise der Dii hat.

Um ihre Aktivitäten zu koordinieren, gründeten die Unternehmen damals die Desertec Industrial Initiative (Dii). Chef dieser GmbH mit Sitz in München wurde der niederländische Energiemanager Paul van Son. Der gibt diesen Posten nun auf, wie der 61-Jährige dem Tagesspiegel sagte. Er werde zum Beginn des neuen Jahres zum Energiekonzern RWE wechseln. Am Mittwoch verständigten sich einige Gesellschafter – darunter RWE, Munich Re, Enel und Abengoa Solar – auch darauf, sich bei Desertec künftig nur auf vier Länder zu konzentrieren: Ägypten, Marokko, Saudi-Arabien und die Türkei, welche bisher nicht in ihrem Fokus lag.

Tag der Gründung: 13. Juli 2009.  Torsten Jeworrek, Vorstandsmitglied beim Rückversicherer Munich Re, stellt mit anderen Industriebossen das Desertec-Konzept vor.
Tag der Gründung: 13. Juli 2009. Torsten Jeworrek, Vorstandsmitglied beim Rückversicherer Munich Re, stellt mit anderen...Foto: dpa

Herr van Son, warum verlassen Sie die Dii?
Weil ich sehe, dass jetzt eine neue Phase anfängt. Ich habe 2009 angefangen, die Dii aufzubauen. Zunächst ging es darum, Pläne für Erneuerbare-Energien-Projekte im Nahen Osten und Nordafrika zu entwickeln und Konditionen dafür auszuloten. Da haben wir sehr viel erreicht und Wüstenstrom salonfähig gemacht, die Pionierphase liegt nun aber hinter uns.

Und wie soll es weitergehen?

Jetzt geht es um Details, konkrete Gesetzgebung etwa, die konkrete Projekte vor Ort erleichtert. Da kam in Diskussionen mit unseren Gesellschaftern auch der Gedanke auf, eine Person an die Spitze zu berufen, die arabische Wurzeln hat und Land für Land voll in diese Detailarbeit einsteigt. Das ist für mich der natürliche Zeitpunkt, die Leitung der Dii einem Nachfolger zu übertragen.

Man hat Sie also zum Gehen gedrängt?

Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil. Ich habe ein sehr gutes Angebot bekommen – von der namhaften deutschen Firma RWE. Für das Unternehmen werde ich in Nordafrika, dem Nahen Osten (Mena) und der Türkei konkrete Geschäftsfelder und Projekte entwickeln. So etwas Ähnliches habe ich ja auch früher gemacht, als ich etwa vor 15 Jahren das Windkraftgeschäft für die niederländische Firma Essent in Deutschland entwickelt habe. Damals waren wir die Ersten auf dem Feld. Das ist für mich also eine Art Déjà-vu.

Was konkret sollen Sie für RWE machen?

Ich werde von einem Büro in Dubai aus RWEs Geschäft mit erneuerbaren Energien und Energieeffizienz in der Mena-Region und der Türkei leiten und voranbringen. Wir wollen dort schrittweise anhand von kleineren Projekten testen, was geht. Ich bin überzeugt, dass Green-Energy-Objekte in den Wüstenregionen dem Konzern helfen werden, sein Energie-Portfolio langfristig zukunftssicher aufzubauen.

Fünf Jahre Desertec: Was haben Sie da erreicht?

Viel. Obwohl die Erwartungen an das Projekt damals sehr überzogen waren: Im Vordergrund stand in Deutschland die Vorstellung, es gehe um Strom aus der Wüste für Europa. Dabei haben wir zunächst nur den ersten Schritt gemacht: mit den Regierungen vor Ort zu reden. Da haben wir festgestellt, dass viele Länder noch überhaupt nicht so weit waren, unsere Ideen aufzunehmen. In fünf Jahren haben wir also erst einmal die Grundstimmung verbessert, die Akzeptanz der erneuerbaren Energien insgesamt. Heute haben praktisch alle Regierungen dieser Länder die Erneuerbaren in ihre nationalen Entwicklungsstrategien aufgenommen.