Wirtschaft : Wustermark stoppt Riesenkraftwerk

Die Gemeinde im Umland Berlins sagt den Bau der Gasanlage ab. 640 Millionen Euro sollten fließen.

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Made in Moabit. Siemens baut in Berlin Gasturbinen für die ganze Welt. Keine einzige ist in Berlin-Brandenburg im Einsatz. Foto: p-a/dpa
Made in Moabit. Siemens baut in Berlin Gasturbinen für die ganze Welt. Keine einzige ist in Berlin-Brandenburg im Einsatz. Foto:...Foto: picture alliance / dpa

Wustermark - Das Ergebnis war äußerst knapp, für Brandenburgs künftige Energieversorgung aber hat es weitreichende Folgen: Mit zehn zu neun Stimmen lehnten die Gemeinderäte im havelländischen Wustermark, wenige Kilometer westlich von Berlin-Spandau am Berliner Ring, am Mittwochabend die Pläne für ein Gaskraftwerk ab. 640 Millionen Euro sollten in den märkischen Sand investiert, zwei Blöcke mit einer Leistung von 1200 Megawatt Strom gebaut werden – die bislang größte und sauberste Anlage in Deutschland, die so viel Strom erzeugt hätte wie ein größeres Kernkraftwerk.

Nach dem neuen Flughafen in Schönefeld wäre es das größte Investitionsvorhaben in der Mark gewesen und hätte den rasanten Ausbau der erneuerbaren Energien in Brandenburg stützen sollen. Denn Gaskraftwerke können flexibler als Kohlekraftwerke und zudem mit deutlich geringerem Kohlendioxidausstoß die durch Windkraft- und Solaranlagen verursachten Schwankungen im Netz ausgleichen.

Hinter dem Vorhaben in Wustermark stehen die Schweizer Advanced Power AG, nach eigenen Angaben ein Entwickler von großen Stromerzeugungsprojekten, und eine Tochter des Siemens-Konzerns. Aus der Schweiz kommen die Ideen, Siemens, auch Produzent von Gasturbinen in Berlin-Moabit, liefert die Hardware und ist zur Hälfte an der Wustermarker Projektgesellschaft beteiligt. Investoren und Kapital sollten erst noch gesucht werden, wenn das Projekt genehmigt ist. Ein übliches Vorgehen, wie eine Unternehmenssprecherin von Advance Energy sagte, so etwa geschehen bei  Gaskraftwerken in Belgien und Bocholt.

Wustermarks Bürgermeister Holger Schreiber aber ist das alles zu unsicher, sowohl die Umsetzung als auch die Finanzierung. Deshalb lehnte er die Pläne ab. Auch das Schweizer Unternehmen spricht von einer schwierigen Marktlage, die Gaspreise sind noch zu hoch, die Strompreise noch zu niedrig. Strom aus Kohlekraft ist um die Hälfte billiger als aus neuen Gaskraftwerken. Selbst wenn die CO2-Zertifikate ab 2013 wie geplant Jahr um Jahr teurer werden, wäre Strom aus dreckiger Kohle günstiger.

Und auf dem Kapitalmarkt herrscht noch Zurückhaltung, obwohl die Bundesregierung den Bau neuer Gaskraftwerke in großem Stil vorsieht, um Atomausstieg und Energiewende zu stemmen. Die Scheu der Geldgeber hat einen einfach Grund: Nach einer Studie des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) werden neue Kraftwerke im Jahr 2020 zu 40 Prozent weniger ausgelastet sein als heute. Selbst Brandenburgs Wirtschaftsminister Ralf Christoffers (Linke) räumte ein, Bau und Betrieb neuer Gaskraftwerke rechneten sich derzeit für die Geldgeber nicht. Sie wären bislang nur Lückenbüßer für Stunden, in denen die schwerfälligen Kohlekraftwerke die Stromschwankungen aus Wind- und Sonnenkraft in den Netzen nicht mehr auffangen könnten.

Für Brandenburgs Energiepolitik ist die Entscheidung von Wustermark problematisch. Das Land ist so etwas wie ein Labor für die Energiewende: In der Lausitz produziert Vattenfall aus Braunkohle Strom, weshalb das Land mit den höchsten Ausstoß an (CO2) in Deutschland verursacht (siehe Kasten). Zugleich ist in Brandenburg der Ausbau der erneuerbaren Energien weit fortgeschritten. Mit einem Gaskraftwerk in Wustermark wäre der Ausstieg aus der schmutzigen Braunkohleverstromung wohl schneller zu bewerkstelligen gewesen. Im Entwurf der neuen Energiestrategie 2030 ist Wustermark fest eingeplant, ebenso ein kleineres 400 Megawatt starkes Gaskraftwerk im havelländischen Premnitz.

Damit es mit den Gaskraftwerken in Deutschland doch noch klappt, verhandelt die Branche derzeit mit dem Bundeswirtschaftsministerium über ein Förderprogramm, das sich daran orientieren könnte, welche flexiblen Kapazitäten bereitgestellt werden, um das Netz stabil zu halten. Die Industrie- und Handelskammer Potsdam sieht mit dem Aus in der Wustermark die Chance für den weiteren wirtschaftlichen Aufschwung vertan und hält den Bau neuer Gaskraftwerke für abdingbar. Die Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg (UVB) würdigten die Strategie der Landesregierung, weiter auf einen Mix aus Braunkohle und erneuerbaren Energien zu setzen.

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