Wirtschaft : Zehn Jahre Deutsche Einheit: Bischofferode - "Nichts wie Ärger hat die Aktion gebracht"

Antje Sirleschtov

"Bischofferode ist überall". Sieben Jahre sind vergangen, seit 640 ostdeutsche Kali-Kumpel diese Warnung aus einem kleinen Örtchen im Eichsfeld um die ganze Welt schickten. Weil der Betrieb, in dem schon ihre Urgroßväter Arbeit hatten, von der Treuhandanstalt im fernen Berlin verkauft wurde. Und weil ihre Kali-Grube, in die sie seit Jahrzehnten Tag für Tag einfuhren, vom kapitalistischen Westkonzern Kali & Salz, der sich nicht um die Arbeiter und den Ort zu scheren schien, geschlossen wurde.

"Bischofferode ist überall", pinselten die Kumpel im Sommer 1993 voller Wut auf Transparente und traten trotzig in einen aufsehenerregenden Hungerstreik: Solidarische Arbeiter in ganz Deutschland bejubelten den mutigen Körpereinsatz der Kumpel für ihren Arbeitsplatz. Die Streikkassen wurden großzügig von Gewerkschaften aus ganz Europa gespeist. Kaum ein Tag, an dem das Betriebsratsfax im Bischofferoder Kaliwerk keine Solidaritätsnoten auswarf. Und wochenlang eilten entsetzte Politiker aller Parteien nach Thüringen, um mit beschwichtigenden Worten den Flächenbrand in ganz Deutschland abzuwenden. "Erster Aufstand im Osten", titelten aufgeschreckt Tageszeitungen in ganz Deutschland und selbst das "Wall Street Journal" fragte besorgt, "Kippt jetzt etwa die Wiedervereinigung"?

Sieben Jahre später spricht man in Bischofferode von dem spektakulären Kumpel-Aufstand nur noch hinter vorgehaltener Hand. Zu groß war der Aufschrei der 4000 Spinnereiarbeiter, die im benachbarten Leinefelde ohne nennenswerte Abfindung entlassen wurden, während Bundeskanzler Helmut Kohl zur gleichen Zeit den Bischofferoder Hungerstreik niederwalzte, indem er den Kumpel aus der Staatskasse zwei Jahre lang den vollen Lohn weiter gezahlt hat. Zu groß war das Unverständnis der Menschen in ganz Ostdeutschland darüber, dass Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) für einige hundert Millionen Mark ausgerechnet im weit abgelegenen Bischofferode ein gewaltiges Gewerbegebiet finanzieren ließ, während anderswo das Geld selbst für dringend notwendigen Straßenbau fehlte. Und niemals vergessen werden auch die Handwerksbetriebe in der Eichsfelder Region, wie das Land Thüringen allein für die Hungerstreikenden Bischofferoder Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen erfand und damit Maurern und Elektrikern die Aufträge wegnahm.

Kein Mahnmal der Arbeitersolidarität, kein erinnerndes Schild am Bischofferoder Grubeneingang: "Nichts wie Ärger", sagt bitter Heinz-Dieter Fulle (55), einst Kali-Kumpel und seit 1994 Chef der Metallbau Bischofferode GmbH, "hat die ganze Aktion gebracht". Und auch Pfarrer Klapproth, geistiger Hirte des 3000-Seelen-Ortes, winkt verdrießlich ab: "Am Anfang dankten mir die Hungerkumpel den Streikbeistand mit einem sonntäglichen Kirchbesuch. Doch auch dem Gotteshaus bleiben sie jetzt alle fern."

Die Bischofferoder Kali-Kumpel haben anderes zu tun. Wer nicht seinen wohl verdienten Ruhestand - mit Gruben- und Knappschaftsrente vergleichsweise komfortabel versorgt -im eigenen Häuschen verlebt, pendelt schon morgens um fünf in Richtung Niedersachsen aus. Nur ein paar Kilometer bis Göttingen, und auch Kassel ist nicht weit. Als Kleinunternehmer Fulle vor ein paar Monaten Lehrlingsplätze ausschrieb, war nur ein einziger Bewerber aus dem Heimatort dabei. "Die Bischofferoder", sagt er, "sind mit Arbeit gut versorgt".

Zehn Jahre nach der Wiedervereinigung atmet Bischofferode einen für Ostdeutschland nicht alltäglichen Wohlstand. Gut sortierte Lebensmittelgeschäfte, ein Supermarkt und zwei großzügige Bankfilialen werden im Ortskern von sorgsam gepflasterten Wegen und üppigen Grünflächen gerahmt. Kaum ein Haus in der Siedlung, das in der jüngsten Vergangenheit keine umfassende Renovierung erfuhr.

Gewiss, Frauen Mitte vierzig oder mit kleinen Kindern fällt die Suche nach einem Arbeitsplatz auch im Eichsfeld schwer. Wie in all den vorangegangenen Jahrhunderten sorgen sie auch hier mehr und mehr für Heim und Familie. Und auch die städtische Sozial-Wohnungsbau-Gesellschaft spürt an den vielen leerstehenden Plattenbauten im Ort, dass Menschen weg ziehen, sich der Ortskern langsam wieder auf einen Radius reduziert, den er hatte, bevor die sozialistische DDR aus jedem noch so entfernt liegenden Winkel des Landes eine Industrielandschaft gemacht hat. Doch "alles in Allem", resümiert Wolf-Dieter Richter, 27 Jahre Kumpel im Bergwerk und seit 1993 Chef der örtlichen Grubenverwahrungs- und Verwaltungsgesellschaft GVV, "haben die Menschen in Bischofferode nichts zum Klagen"

Nur das von Landesvater Bernhard Vogel zur Abwendung des Hungerstreiks gesponserte Gewerbegebiet will nicht recht blühen. Ein Fensterbauer, ein Holzbetrieb, eine Spedition und eine Disko: Nicht mal 200 Leuten brachte das Millionengeschenk einen Dauerjob. Und selbst darunter sind 80, die nur noch bis 2002 mit der Verfüllung der unterirdischen Kali-Schächte beschäftigt sind und dann in Rente gehen. Mindestens 1000 Arbeitsplätze hatte der Ministerpräsident Bischofferode einst großzügig prophezeit. "Nie und nimmer", urteilt heute GVV-Chef Richter nüchtern. "Ein politisches Hirngespinst." Ohne Unterlass hat er jahrelang nach Investoren gesucht. Erst kamen die Abzocker, die hofften, aus den Fördergeschenken nach dem Hungerstreik Profit ziehen zu können. Dann kamen die "Hasadeure" (Richter), die glaubten, in Bischofferode Gewerbeland zum Nulltarif kaufen zu können. Zum Schluss sagte ein Hildesheimer Gummiwerk, das 300 neue Arbeitsplätze schaffen wollte, GVV-Chef Richter ab. Der Investor begründete sein Desinteresse damit, dass die Verkehrsanbindung nicht akzeptabel sei. Und insgeheim gibt ihm sogar Richter Recht: "Bevor hierher einer kommt, müssen erst alle anderen Gewerbegebiete im Osten überfüllt sein."

Nur ein Betrieb im alten Kali-Werk hat die Zeichen der Zeit offenbar richtig erkannt. "Hilf Dir selbst. Nur das bringt was", benennt Heinz-Dieter Fulle das Motto beim Metallbau Bischofferode. Mit vielen kleinen aber auch ein paar großen Aufträgen hat der 20-Mann-Betrieb, allesamt ehemalige Grubenarbeiter, bis heute auf genau dem Gelände, wo vor sieben Jahren hungergestreikt wurde, überlebt. Und, als habe der Klassenkampf damals überhaupt nicht stattgefunden, ist der größte Auftraggeber des Bischofferoder Metallbetriebes heute die einst verhasste Kali & Salz AG.

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