Zum Tod von Berthold Beitz : Der Dickkopf von der Villa Hügel

Thyssen-Krupp-Chef Berthold Beitz galt schon zu seinen Lebzeiten als Legende. Er war einer der wichtigsten Manager der deutschen Nachkriegsgeschichte und bis zuletzt starker Mann des größten deutschen Stahlkonzerns.

von und
Thyssen-Krupp-Chef Berthold Beitz galt schon zu seinen Lebzeiten als Legende. Er war einer der wichtigsten Manager der deutschen Nachkriegsgeschichte und bis zuletzt starker Mann des größten deutschen Stahlkonzerns. Am 30. Juli verstarb er. Hier einige Eindrücke aus seinem Leben in Bildern.Weitere Bilder anzeigen
Foto: dpa
01.08.2013 08:40Thyssen-Krupp-Chef Berthold Beitz galt schon zu seinen Lebzeiten als Legende. Er war einer der wichtigsten Manager der deutschen...

Jürgen Claassen hatte alle Mühe, den Alten von seiner Idee abzubringen. Als Erich Honecker in den Monaten nach der Wende behandelt wurde wie ein Strauchdieb, hatte Berthold Beitz Mitleid und wollte seinem ehemaligen Jagdfreund Asyl geben. Vielleicht nicht gerade in der Essener Villa Hügel, aber irgendwo im Westen hätte Beitz sicher ein Gästehaus der Firma Krupp gefunden. Claassen, für Presse und Public Relations zuständig bei Krupp, brachte Beitz schließlich von der Idee ab, die so typisch war für den Mann mit dem ganz eigenen Kopf.

Berthold Beitz war eine Jahrhundertfigur, in einer Zeit ohne Moral hat er sich als moralisches Vorbild erwiesen. Ein Zeitzeuge hat ihn einen „Engel, der plötzlich in die Hölle kam“ genannt. Die Hölle, das war das von der Wehrmacht besetzte Ostgalizien ab 1941 für die dort lebenden Juden. Beitz versuchte, viele von ihnen zu retten. Noch 2007, als er mit seinem Biografen Joachim Käppner über seine Erlebnisse sprach, war dem nun greisen Mann die Erschütterung anzumerken: „Alle Beteiligten verhielten sich so, als sei es ganz normal, am helllichten Tag eine Jüdin zu erschießen, während ihr kleines Kind neben ihr stand.“ Er fand das nicht normal, deshalb tat er, was unter den damaligen Bedingungen als wahnsinnig gelten musste: sein Leben für andere Leben zu riskieren.

Berthold Beitz Leben in Bildern
Thyssen-Krupp-Chef Berthold Beitz galt schon zu seinen Lebzeiten als Legende. Er war einer der wichtigsten Manager der deutschen Nachkriegsgeschichte und bis zuletzt starker Mann des größten deutschen Stahlkonzerns. Am 30. Juli verstarb er. Hier einige Eindrücke aus seinem Leben in Bildern.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: dpa
01.08.2013 08:40Thyssen-Krupp-Chef Berthold Beitz galt schon zu seinen Lebzeiten als Legende. Er war einer der wichtigsten Manager der deutschen...

Eine gewisse Abenteuerlust gehörte bei Berthold Beitz gewissermaßen zur genetischen Grundausstattung. Er wurde 1913 in Vorpommern geboren, sein Vater war Soldat und arbeitete später im Finanzamt. Der Sohn absolviert eine Banklehre in Stralsund, träumt von einer Karriere in China oder Amerika und landet stattdessen bei der Erdölgesellschaft Shell in Hamburg.

Beitz beschäftigt zeitweilig mehr als 1200 Juden

Nach Boryslaw in der heutigen Ukraine kommt er 1941 als Manager der späteren „Karpathen Öl AG“, mit 27 Jahren ist er für 13 000 Arbeiter und kriegswichtigen Treibstoffnachwuchs verantwortlich. Der große, blonde und blauäugige Zivilist besitzt natürliche Autorität, auch gegenüber der SS tritt er selbstbewusst auf. Beitz beschäftigt zeitweilig mehr als 1200 Juden als echte oder angebliche Rüstungsarbeiter seiner Ölfirma. Er richtet ein Firmenlager ein für die jüdischen Mitarbeiter und ihre Angehörigen, mit seiner Ehefrau Else versteckt er jüdische Kinder in seiner Villa. Jahrzehnte später wird er in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem zu einem der „Gerechten unter den Völkern“ ernannt.

Im Herbst 1952 machen sich Beitz und Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, der letzte Krupp, einen schönen Abend in einem Hamburger Hotel. Der smarte, damals 39-jährige Generaldirektor der Iduna Versicherung gefällt Krupp. Und der Stahlunternehmer macht Beitz ein Angebot, das der nicht ablehnen kann. Neben der Funktion, Beitz wird Generalbevollmächtigter, dürfte auch das Geld eine Rolle gespielt haben: Beitz bekommt ein Jahresgehalt von einer Million D-Mark. In der damaligen Zeit eine gewaltige Summe. Dass er das Geld wert war, stand für den jungen Mann außer Frage. Selbstbewusst, gut aussehend und beruflich erfolgreich – Zweifel an seinem Tun und Wirken haben Beitz selten belästigt. Bis ins hohe Alter hinein verkörperte er in seinen Maßanzügen Würde und Haltung. Wer im Konzern etwas wollte, musste bei Beitz in der Villa Hügel vorsprechen. Da fühlte er sich wohl

Ideologisch bedingte Berührungsängste kannte er nicht

Mit den konservativen Ruhrgebietsbaronen und auch dem Bundesverband der Industrie legte er sich in den 50er an, als er seine eigene Agenda verfolgte. Verbände, Vereine oder gar Parteien waren nichts für ihn, Beitz fühlte sich als Einzelgänger wohl. Auch im kalten Krieg hinter dem eisernen Vorhang. Gegen den Widerstand Konrad Adenauers knüpfte er geschäftliche und auch politische Kontakte nach Osteuropa, bis in in die Sowjetunion. Ideologisch bedingte Berührungsängste kannte er nicht. Das tat dem Konzern gut, der in den 50er und 60er Jahren rasant wuchs auch auf den Märkten im Ausland.

Seit 1967, seit dem Tod von Alfried Krupp, steuerte der Generalbevollmächtigte das weltberühmte Unternehmen allein. Als es schlecht stand in den 60er Jahren und sich die Banken abwendeten, musste der stolze Beitz beim Staat um eine Bürgschaft bitten. Hermann Josef Abs, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, hatte die Lage dramatisch gesehen und Krupp hängen gelassen – später entschuldigte sich Abs dafür bei Beitz. Die staatliche Bürgschaft hatte Beitz übrigens nicht gebraucht.

13 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben