ZUR PERSON : „Wir brauchen Kapital vom Land Berlin“

Christian Göke, Chef der Messe Berlin, über Wachstum im Ausland, Risikobereitschaft und Politik.

„In Berlin ist das Wachstumspotenzial nahezu ausgeschöpft“, sagt Messechef Göke. Foto: Georg Moritz
„In Berlin ist das Wachstumspotenzial nahezu ausgeschöpft“, sagt Messechef Göke. Foto: Georg MoritzFoto: Georg Moritz

Herr Göke, wie passen Ihnen die Schuhe Ihres Vorgängers Raimund Hosch?

Ich habe das seltene Glück gehabt, mit einer Person langfristig gut zusammenarbeiten zu können. Das gibt es nicht so oft im Wirtschaftsleben. Wir haben uns ausgezeichnet ergänzt mit unseren jeweiligen Stärken und Schwächen.

Hosch ist der Zahlenfreak, ruhig und umsichtig, Sie sind der forsche Troubleshooter.

Wir hatten eine gemeinsame unternehmerische Grundüberzeugung, das war entscheidend.

Ihr Vorgänger sagte im Rückblick auf 14 Jahre an der Spitze der Messe, er wisse nun, wie die Berliner Politik tickt. Und Sie?

Wir haben eine andere Zeit und eine andere Aufgabenstellung für das Unternehmen. Deshalb müssen wir auch völlig anders mit unserem Gesellschafter kommunizieren, viel mehr informieren, erklären und überzeugen. Auch die Herausforderungen für unseren Gesellschafter werden größer.

Inwiefern?

Die gesamte Messewirtschaft hat ein Kernthema: Wie bekommt man ein extrem teures Gelände refinanziert? Ende der 40er Jahre gab es sehr schnell wieder Messen in der Bundesrepublik, weil Messen immer in Wachstumsmärkten entstehen. In den 80er Jahren hatten die deutschen Messegesellschaften einen Weltmarktanteil von gut 70 Prozent, und nach dem Fall der Mauer gab es noch einmal einen Schub. Diese Sonderkonjunktur ist vorbei. Wir müssen jetzt schauen, wo das Wachstum herkommt.

Auf nach Asien?

Langsam. Erst mal sollten wir uns der Tatsache bewusst werden, dass die großen Veranstaltungen, die wir hier haben, nicht zwingend in Berlin stattfinden müssen. Jede einzelne Veranstaltung mit Ausnahme vielleicht der Grünen Woche kann auch woanders gemacht werden. Deswegen ist und bleibt die oberste Priorität die Sicherung der Leitmessen.

ITB, Ifa, Fruit Logistica oder die Schienenverkehrsmesse Innotrans funktionieren prächtig in Berlin.

Ja, und damit es so bleibt, müssen wir in die Veranstaltungen investieren. Das Wachstum der vergangenen Dekade haben wir fast ausschließlich am Standort Berlin erarbeitet. Im vergangenen Jahr haben wir pro Quadratmeter Hallenfläche so viel Umsatz wie keine andere Messegesellschaft in Deutschland generiert.

Dann ist doch alles gut.

Eben nicht. Diese Wachstumspotenziale sind nahezu ausgeschöpft, die großen fünf oder sechs Messen beherbergen bereits fast alle weltweit dafür infrage kommenden Aussteller. Da geht nicht mehr viel. Wir brauchen aber Wachstum, um uns gegen die internationalen Wettbewerber, die jede einzelne unserer großen Messen attackieren, wehren zu können und um keine Marktanteile zu verlieren.

Sie befürchten wirklich, dass irgendeine internationale Messegesellschaft die ITB aus Berlin klauen könnte?

Es gibt weltweit gut 20 größere Tourismusveranstaltungen, der Markt ist äußerst umkämpft. Allein die Asiaten werden uns in den nächsten Jahren in Atem halten. Die fragen sich, warum sie alle nach Berlin zur ITB reisen sollen, wenn das Wachstum in der eigenen Region stattfindet. Mit unserem dortigen Ableger, der ITB Asia, haben wir uns der Herausforderung gestellt, aber es ist keineswegs gottgegeben, dass die große ITB wie selbstverständlich in Berlin stattfindet. Noch mal: Um jede einzelne Messe, um jeden Kongress, um jeden Event müssen wir auch weiterhin kämpfen.

Und was bedeutet das nun für die Messegesellschaft und das Land Berlin?

Wenn wir weiterhin so wachsen wollen, dann brauchen wir eine bestimmte Ausstattung. Alle deutschen Messegesellschaften werden von ihren Eigentümern unterstützt. In einigen Städten durch Cash-Zuschuss, in anderen durch Erhöhung des Eigenkapitals. Oder die Messegesellschaft hat ein eigenes Gelände, auf das man Hypotheken nehmen kann. Für die Messe Berlin gilt das alles nicht. Diese Kapitalzugänge stehen der Messe Berlin zur Zeit nicht zur Verfügung.

Das Land beteiligt sich immerhin an den Instandhaltungskosten.

Zu einem geringen Teil. Wir geben jedes Jahr das Fünffache von dem aus, was wir vom Gesellschafter für die Instandhaltung und Wartung des Geländes ersetzt bekommen, wohlgemerkt: des im Eigentum des Landes stehenden Geländes.

Trotz alledem hat die Messe zuletzt fünf Millionen Euro Gewinn gemacht.

Ja, das belegt unsere Leistungsfähigkeit. Der Gesellschafter will nun von uns aber zu Recht strategische Optionen, um das Wachstum der vergangenen zehn Jahre auch in den kommenden zehn Jahren zu erreichen. Dazu brauchen wir Kapital für Investitionen. Und wir brauchen unternehmerische Risikobereitschaft. Bislang war es einfacher für den Gesellschafter, bei Investitionen mitzugehen, weil die Geschäftsentwicklung zumeist in Berlin und im alten Geschäftsfeld stattfand. Jetzt müssen und wollen wir auch neue Geschäftsmodelle an anderen nationalen und internationalen Standorten in Betracht ziehen.

Von denen Berlin nicht viel hat.

Das stimmt nicht. Berlin hat durchaus viel von der ITB Asia in Singapur: Sobald sie profitabel ist, und das ist sie mittlerweile, zahlen wir hier die Steuern auf den Gewinn. Und ohne die Messe in Singapur erwirtschaften wir nicht die Gelder, um hier in Berlin etwa den City Cube zu bauen und zu finanzieren. Und drittens wäre die ITB in Berlin ohne die ITB Asia in Singapur gefährdeter, weil es dann in Asien jemanden gäbe, der eine Tourismusmesse aufbaut und mit dieser irgendwann die ITB in Berlin angreift.

Die ITB dürfte ein Sonderfall sein.

Auch das Beispiel Asia Fruit Logistica zeigt: Wir haben die Marke Fruit Logistica für die Etablierung der größten Obst- und Gemüsemesse in Asien genutzt. Gleichzeitig hat der Messestandort Berlin davon profitiert. Seitdem verzeichnen wir nämlich mehr asiatische Aussteller auf der Fruit Logistica in Berlin.

Sie wollen also noch eine Ifa Asia oder Innotrans America, um die hiesigen Messen zu schützen?

Im Prinzip ja.

Auch Ihr Vorgänger wollte Kapital für Wachstum im Ausland – aber Berlin ist klamm und es gab nichts.

Ja, in der Tat haben wir in den letzten Jahren die notwendigen Investitionen in Märkte und Bauvorhaben zu einem großen Teil selbst getätigt. Das war die Basis für das starke Wachstum. Die Personen, die heute Verantwortung tragen, müssen sich mit dem Jetzt auseinandersetzen.

Sie hätten also am liebsten eine Kapitalspritze?

Es gibt verschiedene Ansätze. Wichtig ist die Erkenntnis, dass kein anderes Unternehmen in Landesbesitz mehr für die positive internationale Imagebildung der Stadt tut und eine höhere Umwegrentabilität erwirtschaftet. Nehmen wir nur die Ifa mit ihren 6500 akkreditierten Journalisten und über 100 internationalen Fernsehsendern vor Ort. Mehr gibt es nur bei Olympischen Spielen, der Fußball WM und dem Superbowl. Diese 6500 Journalisten schießen unendlich viele positive Nachrichten über Berlin in die Welt hinaus. Die Messe ist meines Erachtens eines der fruchtbarsten Investitionsfelder für das Land Berlin.

Als Politiker würde ich Ihnen entgegnen: Berlin läuft wie geschmiert, ist attraktiv für Messen und Kongresse, und es besteht überhaupt kein Anlass für Abenteuer im Ausland.

Die Stadt hat tatsächlich einen Sprung nach vorne getan, es ist fast unglaublich, was sich zum Beispiel bei der Mode und der digitalen Wirtschaft entwickelt hat. Aber noch einmal: Wir wollen auch in den nächsten zehn Jahren so stark wachsen wie in den vergangenen zehn Jahren und das geht nur über neue unternehmerische Ansätze, von denen „Internationalisierung“ nur einer von mehreren ist.

Kaum ist Hosch weg, gibt es weniger Wachstum?

Keineswegs. 2013 ist das strukturell schwerste der letzten zehn Jahre, weil wir, wie in allen ungeraden Jahren, weniger Messen und in diesem Jahr zusätzlich Aufwand für den City Cube und das neue Gelände am künftigen Großflughafen haben. Trotzdem werden wir voraussichtlich in 2013 das beste Ergebnis in einem ungeraden Jahr ausweisen können. 2014 wird ein starkes Jahr, in dem wir dann in Ruhe mit dem Gesellschafter die Weichen für die Zukunft stellen können.

Das Gespräch führte Alfons Frese.

KARRIERE

Christian Göke, 1965 in Münster geboren, arbeitete nach dem Jura-Studium bei Roland Berger. 1997 ging er als Geschäftsbereichsleiter zur Messe Frankfurt am Main, wo er Raimund Hosch kennenlernte. Der wurde 1999 Chef der Berliner Messegesellschaft, zu der dann im Frühjahr 2000 Göke auf die Position des Geschäftsführers wechselte. Nachdem Hosch in diesem Frühjahr in den Ruhestand ging, ist Göke nun Vorsitzender der Geschäftsführung.

MESSE BERLIN

Die landeseigene Messegesellschaft organisiert jedes Jahr rund 30 eigene Veranstaltungen, hinzu kommen etwa 100 Gastveranstaltungen auf dem Messegelände und mehr als 500 Kongresse. Im kommenden Frühjahr eröffnet die Messe mit dem City Cube eine neue Kongresshalle, die das renovierungsbedürftige ICC ersetzt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben