100 Jahre Oktoberrevolution : Diktatur über das Proletariat – und alle anderen

100 Jahre russische Revolution, ein unbequemes Jubiläum: Was Historiker heute am Roten Oktober und seinen Folgen interessiert.

Im Petersburger Winterpalast wurde eine große Ausstellung zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution eröffnet.
Im Petersburger Winterpalast wurde eine große Ausstellung zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution eröffnet. Doch das offizielle...Foto: Friedemann Kohler/dpa

Heinrich August Winkler über die Fehlstellen der russischen Revolution

Wäre es nach Karl Marx gegangen, hätte im Russland des Jahres 1917 keine proletarische Revolution stattfinden können. Dazu war das Land noch viel zu wenig industrialisiert und schlicht zu unterentwickelt. Aber Marx war seit 34 Jahren tot und Lenin stieß sich nicht an solchen Bedenken. Im Sommer 1917, wenige Monate nach dem Sturz der Zarenherrschaft durch die „bürgerliche“ Februarrevolution, erklärte er die bürgerlich-demokratische Revolution kurzerhand für beendet und die Bedingungen für einen bewaffneten Aufstand für gegeben. Marx folgte er darin, dass er wie dieser an die Wiederholbarkeit der „bürgerlichen“ Revolution von 1789 auf höherer Ebene glaubte.

Wie damals der „Dritte Stand“, das Bürgertum, eine funktionslos gewordene herrschende Klasse, den Feudaladel, entmachtet hatte, so würde im Fortgang der Geschichte der „Vierte Stand“, das industrielle Proletariat, die immer überflüssiger werdende Bourgeoisie aus der Herrschaft vertreiben – und das, wenn nötig, mit ähnlich terroristischen Mitteln wie 1793 die Jakobiner.

Mit ungeheuren menschlichen Kosten

Die Machteroberung durch die Bolschewiki im November 1917 und die Sprengung der freigewählten Konstituante im Januar 1918 trugen alle Züge eines Putsches. Was Lenin und seine Nachfolger schufen, war keine „Diktatur des Proletariats“ (den Begriff hatte Marx nicht erfunden, aber mehrfach benutzt), sondern die Diktatur einer selbsternannten Avantgarde von Berufsrevolutionären über das Proletariat und alle anderen Gesellschaftsklassen.

Heinrich August Winkler.
Heinrich August Winkler.Foto: Mike Wolff.

1926, zwei Jahre nach Lenins Tod, stellte Stalin Marx gewissermaßen auf den Kopf. In seiner Schrift „Zu den Fragen des Leninismus“ behauptete er, dass die Staatsmacht des revolutionären Proletariats im Gegensatz zu der des Bürgertums die sozialökonomischen Bedingungen nicht einfach vorfinde, sondern erst hervorbringen müsse. Das geschah denn auch – mit ungeheuren menschlichen Kosten und der Folge, dass alles, was sich an bürgerlichen Freiheiten vor 1917 in Russland entwickelt hatte, vernichtet wurde.

Ein knappes Dreivierteljahrhundert nach der Oktoberrevolution brach das System, das Lenin ins Leben gerufen hatte, zusammen. Es scheiterte in letzter Instanz daran, dass den Bolschewiki, den Fanatikern der Gleichheit, die Produktivkraft der Freiheit immer fremd geblieben war.

Gorbatschow: "Papst und Luther in einem"

Gorbatschows Versuch einer Demokratisierung der Sowjetunion unter Beibehaltung des leninistischen Parteimonopols kam der Quadratur des Kreises gleich. Das tiefste Dilemma des Reformers im Kreml bestand nach den Worten des britischen Historikers Archie Brown darin, dass er „Papst und Luther in einem“ war: Gorbatschow ging es um die radikale Veränderung einer Institution, an deren Spitze er selber stand, und er konnte diese Institution, die Kommunistische Partei der Sowjetunion, letztlich nicht anders verändern als durch den Bruch mit ihr.

Die Revolution von 1789 hat sich, entgegen den Erwartungen von Marx und Engels, nicht auf höherer Ebene wiederholt und vollendet. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, die Ideen von 1789, sind durch den jakobinischen Terror von 1793 nicht widerlegt worden. Sie haben diese Phase überlebt. Von den Ideen des Oktober 1917, die von Anfang an von Terror nicht zu trennen waren, kann man das nicht sagen. Von ihnen ist nichts geblieben, was in die Zukunft weisen würde.

Heinrich August Winkler ist Professor i. R. für die Geschichte des Westens an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zuletzt erschien von ihm:  Zerbricht der Westen? Über die gegenwärtige Krise in Europa und in Amerika (C.H. Beck Verlag, München 2017).

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