20 000 Erkrankte in Westafrika : Ebola-Epidemie vielleicht nicht einzudämmen

Die Weltgesundheitsorganisation erwartet bereits im November 20 000 Ebola-Erkrankte. Und befürchtet, dass die Seuche sich in der Bevölkerung festsetzen könnte.

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Überfordert. Bisher gibt es nicht einmal ein Bett für jeden Kranken, der verzweifelt Hilfe sucht.
Überfordert. Bisher gibt es nicht einmal ein Bett für jeden Kranken, der verzweifelt Hilfe sucht.Foto: dpa

Die Menschen in Westafrika kennen Leid und Tod, sie gehören zu den ärmsten der Welt. Doch Ebola erfüllt sie mit Panik. Geburtshelfer haben in Liberia mittlerweile einen extrem gefährlichen Job, denn etliche Schwangere wissen nichts von ihrer Infektion, schreibt die Weltgesundheitsorganisation WHO auf ihren Internetseiten. In den Flüssen rund um Monrovias Slum West Point treiben Leichen, um die sich niemand kümmert. Verängstigte Dorfbewohner in Guinea kämpfen mit den einzigen Mitteln um ihr Leben, die sie kennen und die gegen andere Feinde gewirkt haben: Sie rotten sich in wütenden Mobs zusammen und verjagen die Helfer mit roher Gewalt.

Wie ein Buschfeuer

Die WHO erfuhr vor einem halben Jahr, dass sich Ebola in Westafrika verbreitet „wie Feuer auf trockenem Gras“. Die Arbeitsgruppe Ebola nutzt den Anlass, um im Fachblatt „New England Journal of Medicine“ Bilanz über die ersten neun Monate der Epidemie zu ziehen und einen Ausblick zu wagen. Die Experten rechnen bereits Anfang November mit mehr als 20 000 Fällen und korrigieren damit die bisherigen WHO-Schätzungen nach oben. Im Moment verdoppelt sich die Zahl (je nach Land) innerhalb von zwei bis vier Wochen. Statt hunderte werden sich bald tausende Menschen pro Woche infizieren. „Aus epidemiologischer Sicht ist die Situation trostlos“, fasst die Arbeitsgruppe ihre Analyse zusammen. „Mittelfristig müssen wir uns mit der Möglichkeit auseinandersetzen, dass Ebola unter den Menschen in Westafrika endemisch werden kann, eine Vorstellung, die bisher nie erwogen wurde.“

Wenn sich das Virus nicht zurückdrängen lässt, wäre die betroffene Region ein Reservoir, von dem fortlaufend eine Gefahr für andere Staaten in Afrika und der Welt ausgeht, kommentieren Jeremy Farrar, Direktor des britischen Wellcome Trust, und Peter Piot, der Entdecker des Ebola-Virus. Selbst die kürzlich verkündeten Hilfsaktionen reichten in Ausmaß und Dringlichkeit bei Weitem nicht aus.

70 Prozent der Infizierten sterben

Längst kommen die Behörden nicht mehr hinterher, die Kranken und die Toten genau zu zählen. Statistisch erfasst sind derzeit 5864 Patienten, von denen 2811 gestorben sind (Stand: 22. September). Im Vergleich zu anderen Seuchen wie Malaria ist das nicht viel. Die Auswirkungen auf die Gesellschaft und der Aufwand, eine solche Epidemie einzudämmen, sind jedoch ungleich größer.

Ebola gleicht einem Buschfeuer, wer es löschen will, dem darf kein einziger Funken entgehen. Man braucht nicht nur für alle Kranken ein Bett in den Isolationszentren. Gleichzeitig müssen die Übertragungsketten unterbrochen werden. Das gelingt nur, wenn alle Kontaktpersonen identifiziert und drei Wochen unter Quarantäne gestellt werden, auch wenn sie in abgelegenen Dörfern leben oder sich verstecken. „Eine enorme Herausforderung“, schreibt die Arbeitsgruppe. Die Situation zeige, dass man schnell reagieren muss, wenn ein Virus aus dem Tierreich einen Ausbruch verursacht, bevor „die Zahl der Fälle und die geografische Ausbreitung nicht mehr bewältigt werden kann“, ergänzen Piot und Farrar.

Die Auswertung der WHO-Arbeitsgruppe Ebola zeigt, dass sich das klinische Bild der Krankheit nicht von anderen Ausbrüchen in der Vergangenheit unterscheidet. Die Seuche trifft Männer wie Frauen zu gleichen Teilen, die meisten sind zwischen 15 und 44 Jahre alt. Etwa 70 Prozent – nicht die Hälfte, wie bisher angenommen – sterben. Das zumindest ergab eine Analyse all der Krankenakten, die vollständig sind. Bei Kindern und Erwachsenen über 45 Jahren ist die Sterblichkeit noch höher.

Nach 11 Tagen infektiös

Die Symptome sind zumeist Fieber (87 Prozent), Müdigkeit (76 Prozent), Erbrechen (67 Prozent), Durchfall (65 Prozent), fehlender Appetit (64 Prozent), Kopfschmerzen (53 Prozent) und Bauchschmerzen (44 Prozent). Blutungen kamen dagegen seltener vor. Patienten, die an Durchfall, Bindehautentzündung, Atemnot, Schluckbeschwerden oder Blutungen leiden oder die verwirrt sind und ins Koma fallen, überleben die Infektion oft nicht. Die Inkubationszeit, in der die Patienten noch nicht ansteckend sind, beträgt im Durchschnitt elf Tage. Von den ersten Symptomen bis zur Einlieferung in ein Behandlungszentrum dauerte es bisher im Mittel fünf Tage. Wer eine Krankenstation erreicht hatte, starb entweder nach etwa vier Tagen oder erholte sich innerhalb von zwölf Tagen allmählich.

„Wir gehen davon aus, dass das Ausmaß dieser Epidemie nichts mit den biologischen Eigenschaften des Virus zu tun hat“, schreibt die WHO-Arbeitsgruppe. Vielmehr fand es unter den extrem armen Menschen im Dreiländereck zwischen Guinea, Sierra Leone und Liberia ideale Ausgangsbedingungen. Auf der Suche nach Arbeit und irgendeinem Einkommen bewegen sich dort Tagelöhner normalerweise ständig über Grenzen und in weit entfernte Großstädte. Das Gesundheitswesen ist außerdem in den langen Bürgerkriegen massiv beschädigt und danach kaum wieder aufgebaut worden. Selbst das JFK-Uniklinikum in Monrovia, Liberia, ist regelmäßig überflutet oder es treten Feuer auf.

Allein die Tatsache, dass Ebola Großstädte erreicht habe, könne die massive Verbreitung nicht erklären. In Nigeria, wo Reisende Ebola in die Hauptstadt Lagos (20 Millionen Einwohner) und nach Port Harcourt (mehr als eine Million Einwohner) geschleppt haben, ist die Epidemie im Moment anscheinend unter Kontrolle. Doch dort reagierten die Behörden sehr schnell, alle Kontakte wurden durch gut ausgebildete Helfer nachverfolgt und isoliert. Außerdem haben die Hygienestandards in den Krankenhäusern weitere Ansteckungen verhindert.  

In den drei besonders betroffenen Staaten werden diese Kontrollmechanismen nicht mehr greifen, befürchten Piot und Farrar. Das Gesundheitswesen sei durch Ebola viel zu labil. Bei jeder Hilfsaktion müsse man darauf achten, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen und die Menschen zu Verhaltensänderungen zu bewegen. Ergänzend sollten, sobald möglich, Impfungen eingesetzt werden.

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