20 Jahre ZfL Berlin : Literatur im Zentrum der Gesellschaft

Das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) Berlin feierte 20. Geburtstag - und ehrte seine scheidende Direktorin Sigrid Weigel. Sie hat dazu beigetragen, die Geisteswissenschaften ins Zentrum gesellschaftlicher Debatten zu steuern.

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Die Literaturwissenschaftlerin Sigrid Weigel.
Die Literaturwissenschaftlerin Sigrid Weigel.Foto: Mike Wolff

„Das zwanzigste Jahr“ verlautete das Programm, mit dem das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) zum Jubiläum geladen hatte. Damit war der Ton gesetzt. Der Anklang an Ingeborg Bachmanns Erzählung „Das dreißigste Jahr“ markierte, dass man nicht nur den Geburtstag einer Institution feiern, sondern eine Rite de passage begehen wollte. Denn Sigrid Weigel scheidet Ende des Monats von ihrem Amt als Direktorin.

Grußworte, Vorträge, Blumensträuße, mit denen Weigel gedankt wurde: für sechzehn Jahre Arbeit und ihr politisches Geschick, mit dem sie das ZfL als Teil der Geisteswissenschaftlichen Zentren Berlins international bekannt gemacht habe. Und dafür, die Geisteswissenschaften beharrlich ins Zentrum gesellschaftlicher Debatten gesteuert zu haben.

Verunsicherter Taumel ins neue Jahrtausend

Als Weigel 1999 das Amt übernahm, standen alle Zeichen auf Umbruch. Die Literaturwissenschaften taumelten verunsichert ins neue Jahrtausend. Weigels Studien über Walter Benjamins „Theoretische Schreibweise“, zu Bachmanns Poetik der brieflichen „Hinterlassenschaften“ und zur „Literatur als Voraussetzung der Kulturgeschichte“ waren da richtungsweisend, weil sie sich in neue Gebiete vorwagten und zugleich Vordenker wie Aby Warburg reaktivierten. Das ZfL zeigt, wie weit der Geist reichen kann in den Kulturwissenschaften – von editionsphilologischen, begriffsgeschichtlichen und biografischen bis zu thematischen Arbeiten, etwa zur Figur des Märtyrers.

Das intellektuelle Klima am ZfL Berlin

Die „Dialektik der kleinen autonomen Institution“ sei entscheidend für das ZfL, sagte Weigel. Die finanzielle Absicherung sei zwar eine bürokratische Dauerjonglage mit Senat und Bundesforschungsministerium. Doch habe dies ein intellektuelles Klima ermöglicht, „das viele dem Angestelltendasein an der Uni vorziehen.“

Die Vortragenden taten es sodann dem Helden aus Bachmanns Erzählung gleich, der angesichts des Übergangs von altem zu neuem Lebensabschnitt gedanklich auszieht – „über die Zeitschwelle, die Ortschwelle, um zu sehen, wer er war und wer er geworden ist.“ Der Neurochirurg Hannes Haberl etwa bewies mit einem Gleichnis von Schienen-, Computer- und Nervennetz unaufgeregt, dass Natur- und Geisteswissenschaften ineinandergreifen, wenn man sie nur lässt. Eine Weigel-Reminiszenz auch der Vortrag des Pariser Kunsthistorikers Georges Didi-Huberman. In „Sechs flüchtigen Blicken für Sigrid“ ging es ihm mit der Dichterin Yoko Tawada um die „Angst, dass die Dinge augenblicklich verschwinden können, wenn sie nicht von uns gesehen werden“.

Goethe-Text zu Houellebecq-Roman

Doch die Dinge sind im ja Blick. Eva Geulen stellte einen Goethe-Text zu Michel Houellebecqs Roman „Karte und Gebiet“ und sprach über den Bildschwund: Können Kunstwerke ihre Vernichtung kommentieren? Heute sei der Horror nicht mehr die „Furie des Verschwindens“ (Hegel), sondern die Unmöglichkeit des Verschwindens in der Dauermusealisierung unserer Gegenwart, sagte Geulen. Eben deshalb bedürften wir der Kunst und Literatur, um an ihr abzulesen, was dieser „Schwund-Verlust“ bedeutet. Das zeugt von einem selbstbewussten Verständnis literatur- und kulturwissenschaftlicher Forschung und ist programmatisch zu verstehen: Eva Geulen, derzeit an der Universität Frankfurt, folgt Sigrid Weigel ab August auf das Amt der Direktorin.

Die Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen.
Die Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen.Foto: picture alliance / dpa

Weigel selbst nutzte ihren Vortrag als Schwelle zum nächsten Projekt. Eine „Geschichte der Compassio“ wolle sie schreiben, die den Menschen mit Hans Blumenberg als „Wesen, das sich misslingen kann“ begreife, als andauernd in Gefährdung begriffenes Experiment, das ohne die Fähigkeit zum Mitgefühl scheitere. Was gehe etwa in einem Terroristen wie Anders Breivik vor, der 77 Menschen tötete? Wie kann ein Mensch verlernen, mit dem Gegenüber mitzufühlen?

Die neue Trauerkultur

Dabei gebe es seit zwei Jahrzehnten eine neue, öffentliche Trauerkultur. Unfälle und terroristische Anschläge trieben die Menschen auf die Straße. Weigel rückte dem Mitleid auf den Leib, indem sie Gebärden analysierte. Hochgerissene Arme, Weinen, Umarmungen fänden sich schon auf antiken Vasen und Renaissancegemälden. Das Mitleid sei ritualisierter Affekt. Doch wie, fragte Weigel, verändere sich die Conditio Humana, wenn wir zunehmend auf Bildschirme blickten: „Haben unsere ritualisierten Gebärden des Mitfühlens noch ausreichend Kraft, sich dem Misslingen des Menschseins entgegenzusetzen?“

Natürlich war dieser Schluss auch ein Plädoyer – für Räume, Zeit und finanzielle Kontinuität, Fragen dieser Art stellen zu können. 2017, dann mit der Handschrift Eva Geulens, will sich das ZfL um Aufnahme in die Leibniz-Gemeinschaft bemühen.

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