50. Deutscher Historikertag : "Volksgemeinschaft": Die Nazis fragten, wer nicht dazugehört

Der Begriff der „Volksgemeinschaft“ entstand bereits 1914, mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Seine brutale Wirkung aber entfaltete er im Nationalsozialismus.

Michael Wildt
Junge Mädchen stehen am Straßenrand und schwenken Hakenkreuzfahnen.
Komplizinnen. Aus der „Volksgemeinschaft“ zogen Eliten im NS-Regime Vorteile: Ärzte glaubten, den Volkskörper zu reinigen,...Foto: bpk / Arthur Grimm

„Volksgemeinschaft“ ist kein genuiner nationalsozialistischer Begriff. Seine erste Hochkonjunktur verdankte er dem Ersten Weltkrieg. Der Satz Wilhelms II. vom August 1914, dass er von nun an keine Parteien, sondern nur noch Deutsche kenne, erzielte weite Resonanz, weil er für den Wunsch vieler Deutscher nach Gleichheit und Inklusion stand. Gerade Juden und Sozialdemokraten hofften, dass sie aufgrund ihrer patriotischen Haltung endlich von der Mehrheit der Gesellschaft als gleichwertig akzeptiert werden würden. Doch obwohl sich bald die Risse in der Kriegsgesellschaft zeigten, blieb die „Volksgemeinschaft“ eine mächtige Formel, die immer wieder an den Mythos der Einigkeit des Volkes im Sommer 1914 anknüpfen konnte.

So wurde die Volksgemeinschaft in Deutschland schon vor 1933, wie der Historiker Hans-Ulrich Thamer hervorhebt, zur „beherrschenden politischen Deutungsformel“. Die liberalen Parteien betonten, dass sich die Gemeinschaft „über die Klassen“ hinweg bilde. Für die Sozialdemokraten hatte sich die Arbeiterklasse mittlerweile zum Volk der Schaffenden ausgeweitet, die einer kleinen und ungerechtfertigt mächtigen Minderheit von Monopolkapitalisten und Großgrundbesitzern gegenüberstanden. Und selbst diese Minorität könnte, wenn sie einer wirklichen Arbeit nachginge, Teil einer sozialistischen Volksgemeinschaft werden. In den Reden Friedrich Eberts als Reichspräsident hatte die „Volksgemeinschaft“ als Inklusion aller Schaffenden ihren festen Platz.

"Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist"

Dagegen begriff die politische Rechte, insbesondere die Nationalsozialisten, bei aller Inklusionsrhetorik die „Volksgemeinschaft“ vor allem in ihrer exkludierenden Dimension. Nicht so sehr die Frage, wer zur „Volksgemeinschaft“ gehörte, stand obenan als vielmehr, wer nicht zu ihr gehören durfte. Gemeint waren jene bereits sprachlich ausgegrenzten sogenannten „Gemeinschaftsfremden“, allen voran die Juden. Der Antisemitismus spielte dabei die entscheidende Rolle. „Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.“ So hieß es klar und deutlich im Parteiprogramm der NSDAP aus dem Jahre 1920.

Gleichwohl galt die im Nationalsozialismus praktizierte „Volksgemeinschaft“ bis heute lange als eine der „guten“ Seiten des Regimes. Melitta Maschmann, einst eine hohe Funktionärin im Bund Deutscher Mädel (BDM), erinnerte sich 1979 an ihre Arbeitsdienstzeit in Ostpreußen – und sprach aus, was in Deutschland viele empfunden haben: In dieser Lagergemeinschaft mit anderen jungen Frauen habe sie „ein verkleinertes Modell dessen, was ich mir unter Volksgemeinschaft vorstellte“, erlebt. Und es sei diese Erfahrung gewesen, die sie vor allem an das NS-Regime band. Doch war das Gemeinschaftserlebnis nicht ohne Ausgrenzung der „Gemeinschaftsfremden“, die Inklusion der „rassereinen“ Deutschen nicht ohne die Exklusion, Verfolgung, Vertreibung und schließlich Ermordung von Juden, Roma, Sinti, kranken und behinderten Menschen und vielen anderen zu haben.

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