Abschied von der EU-Forschung : Unis spüren erste Folgen des Brexit

Britische Hochschulen beklagen Ausschluss aus EU-Projekten. Andere Länder werben Forscher ab.

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An britischen Unis gehen weniger Bewerberzahlen aus ganz Europa ein.
An britischen Unis gehen weniger Bewerberzahlen aus ganz Europa ein.Foto: Steve Vidler/ picture alliance / dpa

Für die ersten britischen Hochschulen hat der Brexit bereits konkrete negative Auswirkungen – obwohl noch gar nicht klar ist, wie künftig die Beziehungen in der Wissenschaft zwischen Großbritannien und der EU gestaltet sein werden. Dennoch seien schon britische Unis und Wissenschaftler von Hochschulen aus anderen EU-Staaten aufgefordert worden, ihre Beteiligung an gemeinsamen Projekten aufzugeben. berichtet der „Guardian“. Unmittelbar nach dem Referendum im Juni hätten andere EU-Unis begonnen, auf Distanz zu gehen.

Die Zeitung beruft sich auf eine Umfrage unter den 24 britischen Unis der „Russell Group“. Dazu gehören die forschungsstärksten Hochschulen des Landes, unter anderem Oxford, Cambridge und das Imperial College in London. Namen von Unis, die eine Zusammenarbeit mit britischen Hochschulen jetzt ablehnten, nennt der Bericht zwar nicht, dafür aber zahlreiche anonym gehaltene Fälle.

So habe die EU dem Sprecher eines Forschungskonsortiums, das 2017 beginnen soll, geraten, alle britischen Partner auszuschließen. Andernfalls werde man den Start so lange herauszögern, bis die finanziellen Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien neu geordnet sind. Eine andere Uni berichtet, dass ihnen bei zwei Partnerschaften mit niederländischen Unis erklärt wurde, sie seien nicht mehr willkommen. Betroffen seien alle Disziplinen, heißt es.

Die britischen Unis waren gegen den Brexit

Die britischen Universitäten hatten im Vorfeld des Referendums über den Brexit praktisch geschlossen für einen Verbleib des Landes in der Europäischen Union geworben. Sie profitieren massiv von den EU-Forschungsmitteln, rund eine Milliarde Euro bekommen sie aktuell pro Jahr aus Brüssel. Die Unis sind auf die EU-Mittel umso mehr angewiesen, als der Staat seine Zuschüsse in den vergangenen Jahren radikal gekürzt hat und auch die Wirtschaft im Verhältnis sehr viel weniger für Forschung und Entwicklung aufwendet als in Deutschland. „Die britische Wissenschaft hat eine starke Abhängigkeit von den EU-Zuschüssen entwickelt“, stellte im Mai eine Studie des Thinktanks „Digital Science“ fest.

Venkatraman Ramakrishnan, der Präsident der Royal Society, der britischen Akademie der Wissenschaften, forderte die Regierung daher am Wochenende auf, sofort die weitere Finanzierung für EU-Projekte britischer Forscherinnen und Forscher sicherzustellen. Die Regierung solle garantieren, den Anteil britischer Hochschulen in multinationalen EU-Projekten zur Not durch eigene Zuschüsse eins zu eins zu kompensieren: „Dann hätten alle Beteiligten die Sicherheit, dass es durch den Brexit zu keinen finanziellen Verlusten kommen wird.“ Wissenschaftsstaatssekretär Jo Johnson hat laut „Guardian“ allerdings bereits angedeutet, dass eine volle Kompensation sehr unwahrscheinlich ist.

Die USA und Deutschland werben britische Forscher massiv ab

Ramakrishnan wies darauf hin, dass Großbritannien in der Wissenschaft sehr viel mehr Geld von der EU erhalte als es einzahle: Zwischen 2007 und 2013 hätten britische Unis aus Brüssel 8,8 Milliarden Euro überwiesen bekommen, während das Land nur 5,4 Milliarden Euro für den Bereich eingezahlt habe. „Wir müssen die Regierung überzeugen, dass die Führungsrolle der britischen Wissenschaft in Europa einer der Gründe für die Stärke unseres Landes ist.“

Der Brexit könnte zu einem Brain Drain führen, sagte der Präsident der Royal Society. Einer seiner Kollegen habe bereits kurz nach dem Referendum mehrere Jobangebote aus Deutschland bekommen. Die USA würden europäische Forscher, die in Großbritannien arbeiten, jetzt regelrecht „jagen“. Viele der EU-Forscher würden sich in Großbritannien nicht mehr willkommen fühlen: „Sie sind versucht, das Land jetzt zu verlassen.“

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